Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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Hrchifektonitche Rundlchau

Seife 2

bestimmten fiaken; sie ist nicht so einfach, roie man auf
den ersten Blick glaubt: Fla — man roird ja sehen, mas
herauskommt!

Der grofje Tag ist da! Im Rathaussaal roird die Jury
feierlich empfangen. Die erste Flachricht lautet: Gs sind
85 Arbeiten auf 440 Blatt eingegangen, darunter 6 oer-
spätet. Grste srage: Sollen diese beurteilt roerden? man
entscheidet sich zu tunlichst großer milde. Denn unser
sreund erinnert sich, roie er, rneil seine Arbeit eine Stunde
zu spät eingetroffen und zurückgeroiesen morden mar,
über die Zopfigkeif der Richter geschimpft hatte, lind
doch mahnt der alte Oberbaurat: „Bekommt einer uon
den Verspäteten einen Preis, so haben mir mit einer Klage
der nicht Prämiierten zu rechnen. Vorsicht, meine fierren,
Vorsicht, unbedingt klare Rechtslage.“

Der erste Rundgang beginnt. Die Haien, der Bürger-
meister an der Spitze, haben schon im stillen ihre Wahl
getroffen. Sie folgen ziemlich gleichgültig den Weisheits-
sprüchen der Fachleute, man lieht ihnen an, mie sie plötj-
lich auflauschen: Das Gericht hat sich dem Plane Rr. 29
mit dem ITlotto „meiner Vaterstadt“ des am Ort be-
liebten Architekten genähert. Zroar nennt keiner den
Ramen, aber jeder roeifj ihn! Woher? kann man nicht
tagen: Gs ist eben durchgesickert.

Der Stadtbauraf erklärte, es sei ihm fraglich, ob die
Arbeit roirklich in die Konkurrenz gehöre. Durch das
motto „meiner Vaterstadt“ sei die Anonymität so ge-
lichtet, dafj sie als beseitigt gelten könne. Ulan roisse
genau, mer der Verfasser sei, und roisse auch, dafj er dies
Projekt nicht selbsf habe zeichnen können: Gr sei ja ledig-
lich Bauunternehmer, freilich ein geschäftsgeroandter, an-
gesehener und tüchtiger Ulann.

Der Bürgermeisfer roies diese Ginroände entschieden
zurück. Die Wahrung der Anonymität sei ausreichend. Gs
gebe ja noch mehrere in .... bürg geborene Archi-
tekten ausroärfs. Der Stadtbauraf zog es oor, mit dem
Stadthaupte nicht in Konflikt zu geraten. Seine Position
in der Stadt roar ohnehin schroierig genug, man konnte
bemerken, dasj er uon nun an sich auf die Abgabe rein
technischer Ulitfeilungen beschränkte und sich im fieroor-
kehren eigener Ansichten größte Beschränkung auferlegte.
Allgemein lobte man ihn als einen gefälligen, bescheidenen
mann uon heroorragenden Kennfnissen.

Die alten Praktici in der Richterei schüftelten blofj den
Kopf zu dem derzeitigen Gefecht der FReinungen. Unser
sreund aber rief: „Dies Projekt ist einfach unmöglich!“
Gr roollte sich nicht durch Gunst und Vetternschaft in seinem
hehren Amt beeinflussen lassen. Und in kräftigen Worten
üerreifjt er die Arbeit. Der und jener tagt roohl ein Wort
dazroischen, aber die Vorbesichtigung geht roeiter zum
nächsten Projekt.

Zroeiter Rundgang: Die ganz uerfehlten Projekte sallen
ausgeschieden roerden. Dabei erneutes Durchsprechen
jeder Arbeit. Gs herrscht ziemliche Ginstimmigkeit. Wenn
auch nur eine Stimme sich für ein Projekt ausspricht,
ist es uon der Ablehnung befreit. Unter Fachen heifjt’s bei
dem und jenem: Ra, lassen roir’s nur noch drin, es fällt
doch beim nächsten Rundgang!

Gs ist mittag geroorden. Der Bürgermeister ladet zu
einem „bescheidenen srühstück“ im Ratskeller. Oben im Saal
roar es kalt und unfreundlich geroesen. Gin gutes Glas
Rotroein hilft der Stimmung und dem Wohlroollen gegen die

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Konkurrenten roieder auf. Bei Tisch gibt’s eine grofje Be-
sprechung der Sachlage: man redet über Vergangenheit und
Zukunft der Kunst in Deutschland. Die fierren Haien roagen
kaum einen Ginroand zu machen. Sie roissen, dafj sie
zroischen berühmten Heuten si^en und dafj das srühstück
die einzige Gntlohnung ist, die sie für ihre IRühe haben,
aufjer der idealen, am Stadtroohl mitarbeiten zu dürfen.

Unser sreund, als der jüngste der geladenen sach-
leute, hört manches Wort der graubärtigen Kollegen nicht
gerne: Die fierren scheinen roohl gemerkt zu haben, dafj
die Kunst sich doch recht geändert hat, auch dasj das Kunst-
ziel roo anders steht als in den Tagen ihrer Jugend!

Dritter Rundgang : Gs sind noch 45 Pläne zu beurteilen,
„meine fierren, roir müssen je^t energisch das RJittelgut
ausseheiden, sonst roerden roir nie fertig !“ „Sehr richtig !“

Alsa: „Projekt 17, Kennroort: ,Drei Kreise*. Wer ist für
dies Projekt?“ Riemand tagt ein Wort! Und doch sieht
unser sreund an der fiandsehrift, dasj es sich um das Werk
eines unserer am ernstesten strebenden Künstler handelt, eine
Arbeit, die oielleicht etroas geroagf ist in den Ginzelformen,
aber doch eine höchst interessante Heistung. Gr trat kräftig
für sie ein, indem er nun seine Ansichfen über das Wesen
höchster Kunst klarlegte, namentlich den beiden älteren
sachleuten sich zuroendend. Diese sahen sich an, schüftelten
den Kopf und antroorteten nichts. Gndlich tagte einer:
„Ra also, lassen roir das Projekt drin, roenn Sie Geroicht
darauf legen!“

Der Bürgermeister stimmte zu : „Rur bitte ich die srage
der praktischen Ausführbarkeit und die Stimmung unserer
Bürgerschaft sfefs bei der Beurteilung im Auge zu behalten.
Wenn die fierren Sachuerständigen dieses Projekt roählen
tollten — roas meinen Sie, fierr Stadtoerordnefer . . . ?“

Dieter roar FRaurermeisfer, also selbsf Sachoerstän-
diger: „Ich“, tagte er behaglich, „roürde auf oier Wochen
in ein Seebad reisen und abroarten, bis sich das Geschimpfe
auf uns gelegt hat!“ man lachte und ging roeiter.

Roch oor zroei, drei Projekten kam es zu Rleinungs-
oerschiedenheiten. Auch das des Fokalarchitekten fand
trof3 allen Ginspruches Gnade: „So oiel roert roie Projekt 17
ist es auch — lassen roir es drin.“

Die Rlehrheit roar dafür. Unser sreund rourde immer
unruhiger.

„Das Preisgericht soll sich nicht,“ rief er aus, „oon den
Stimmungen und Ansichten der Philister dieser Stadt be-
stimmen lassen! Wir sind berufen, die Rückständigen zu
belehren, sie auf die rechten Wege zu roeisen, ihnen zu
zeigen, roelchen Hösungen die deutsehe Kunst zustrebt!“

Und er sprach noch lange, begeistert — und sprach gut.

Der Oberbaurat roar der einzige, der ihm antroorfefe:
„Fieber junger sreund, ich beroundere Ihren schönen
Idealismus. Aber roir sind hier dazu da, der Stadt zu
zeigen, roie sie zu einem möglichst guten Bau kommt. Das
Schicksal der deutsehen Kunst entseheiden roir hier nur zu
einem ganz kleinen Teil!“

Der Bürgermeister brummte oor sich hin: „Wir
,Philister 1 haben dann die einqebrockte Suppe auszu-
löffeln!“

Die Jury arbeitete fleißig roeiter. Zroar hatte sich oon
den Ginheimischen dieser oder jener zeitroeilig entfernt.
Der Justizrat hatte ein paar Wechsel zu protestieren,
der Bürgermeister muljte einem seiner Beamten das Ver-
dienstkreuz aushändigen und beim FRaurermeister rourde
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