Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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ssrchifektonische Rundschau

1912

Seife 3

jeden Augenblick ein Kind erroartet: Gr roar überhaupt
etroas nernös und tah oft nach der Uhr, als roenn das
Kind oersprochen hätte, zu einer bestimmten Zeit zu er-
tcheinen. Der Oberbaurat trug den aufroartenden Ulagittrats-
diener: „Um ruieniel Uhr geht der Abendzug nach Berlin
ab? Bitte sehen Sie mal im Kursbuch nach!“

„So, meine fierren, nun haben mir blofj noch
12 Projekte in engster Wahl! Run mallen mir die
heraussuchen, die zur Prämiierung geeignet sind. Wir
haben mittel für drei Preise und zroei Ankäufe. Alsa gilf
es, die fünf betten Pläne herauszusuchen. Unter diesen
merden mir dann roeiter die Preise zu oerteilen haben.“

Die Sache begann sich zu klären! Die Köpfe rückten
dichter zusammen. Ulan hatte die Schmierigkeit der
Aufgabe beim Durchsprechen der Pläne besser erkannt.
Jeder hatte gelernt, zum mindesten, mie nach seiner Ansicht
die Sache nicht angepackt merden sollte.

Der Geheime Baurat schlug 5 Arbeiten nor, darunter
meder Rr. 29 noch Flr. 17. Der Oberbaurat erklärte sich
einoerstanden bis auf 2 Arbeiten, mofür er andere ern-
teten mollte, unter sreund mailte Ar. 17 in die Titte
eingestellt mitten; der Bürgermeitter llr. 29. Die anderen
Ginheimitchen begleiten des Bürgermeisters nom „Caien-
ttandpunkt“ aus gehaltene Rede mit lautem • Brauo!

Alto Debatte über jede Arbeit und Ginzelabttimmung.
„Zunächtt llr. 17!“

Der Oberbaurat begann: „Gs itt geroifj eine tehr inter-
ettante Ceittung. Aber, meine fierren“ — er roendet tich zu
den Ginheimitchen — „mallen Sie Ihre Stadt zu einem Ver-
tuchsfeld moderntter Kuntt machen? Ich habe den Gindruck,
als roenn mir es hier mit einem tehr talentnollen ITlann zu
tun haben. Soll ich aber als uerantroartlicher Preisrichter
einen ITlann empfehlen, der noch experimentiert, der noch
nicht ausgegoren itt, der ertt noch erproben mill, mas
ihm das fierz beroegt ? Ich bin kein Gegner der moderne,
aber tie mufj tich ertt in tich befettigt haben, ehe man
ihr eine to roichtige Aufgabe annerfraut. Wir taten dem
Projekt die Ghre an, es in die engtte Wahl zu bringen.
Aber je^t bin ich für Ablehnung!“ Dabei erklärte er
nochmals alle Schroächen des Projektes. Unter sreund
beantragte Gerieten des Begleittchreibens. Dies getchah.
Gs enthielt eine etroas iibertchroengliche Begründung der
Anticht, dalj jede Zeit ihre eigenen Ausdrucksmittel gehabt
hat und daij auch untere Zeit diete tuchen niuijte.

Der Oberbaurat lächelte und sah nach der Uhr: „mit
dem Zug um 9 Uhr 45 komme ich schroerlich fort!“

Abttimmung! Gegen eine Stimme abgelehnt!

Run nimmt der Bürgermeitter für Flr. 29 das Wort:
„lllan tielit dem Projekt Kenntnis der lokalen Bedingungen
an. Gs itt die Grfüllung der Wünsche der Bürgertchaft.
Diete roürde es nicht oerttehen, menn die Jury es ab-
lehnen mailte.“

Der Geheime Baurat erklärte: „Das Projekt itt freilich
nur gute Ulittelroare; aber man sieht, der IJJann hat
Grfahrungen; die Arbeit itt nicht gerade überroältigend,
aber tie trifft den Cokalcharakter. Dieten und jenen sehler
roird der Architekt tchon selbst erkennen und bei der Aus-
führung oerbettern.“ Gr sei dafür, dalj das Projekt roeiter
berücktichtigt roerde. Unter sreund protettierte lebhaft: Gs
sei nicht mittel-, tondern Du^endroare, und zroar non der,
bei der man 13 Stück aufs Duzend gäbe. Die anderen
fierren blickten tich gegenseitig an: „Gin Querkapf, menn

nicht gar ein Ulann, der tich non pertönlichen Antipathien
leiten läfjt.“

Der Stadtbaurat tserlas den beigegebenen Bericht.
Ghe er begann, schickte der Oberbaurat den Ulagittrats-
diener ins fiotel mit der Bettellung, er behalte sein Zimmer
für diete lTacht und mit einer Depetche nach Berlin. Zu
seinem jüngeren Rachbar aber tagte er mit mohlroollend
klingender Bosheit: „Sie sind ein beneidensroerter Ulensch,
Sie haben noch den größten Reichtum, den ein Hlentch
haben kann, nämlich an Zeit!“

Der Bericht behandelte fatt nur die Kottenfrage. Die
Ginheimitchen roaren tehr befriedigt oon ihm.

Abttimmung: Gegen eine Stimme angenommen ! Alto
die zroeite Riederlage. Der Ginflulj des Gigenbrötlers tank
unnerkennbar recht ratch. Gr tatj nerttimmt da und kaute
an seinem Bleittift oder zeichnete Ornamente auf das Papier
nor tich.

HJan einigte tich ziemlich ratch über die roeiteren oier
Projekte. Runj aber tetjte ein lebhafter Kampf zroitchen
dem Oberbaurat und dem Geheimen Baurat um den ersten
Preis ein. Zroei kluge, erfahrene Ulänner, deren jeder an
einem Projekt seine Theorien auf das roärmtte oerteidigte
und die des anderen bekämpfte; freilich nicht in harten
Worten, tondern indem tie sich als „nerehrter Uleitter“
und „hochgeschä^ter Kollege“ anredeten. Alle Streitfragen
modernen Schaffens rourden berührt, manch gutes, ernttes
Wort rourde gesprochen. Beide oerteidigten in den Projekten
die Grgebnitte der eigenen Cebensarbeit. Unter sreund
begann die ins Schroanken geratene fiochachtung nor dieten
IRännern in tich roieder aufzurichten.

Der geschäftskundige Bürgermeitter machte den Vor-
tchlag, meder die nom Geheimen Baurat beoorzugte Arbeit
Rr. 43 noch die uom Oberbaurat beuarzugte Rr. 7 in ertte
Cinie zu ttellen, tondern Rr. 31, uan dem die fierren ja
tooiel Cabendes getagt und die auch der Bürgertchaft ge-
fallen merde. Ulan könnte ja dann für Rr. 43 und Rr. 7
zroei gleiche zroeite Preise ausroerfen.

Rr. 31 rourde nochmals geprüft: „Die Arbeit itt fehler-
frei, aber tie itt etroas flau, charakterlos,“ tagt der Ober-
baurat. „Aber ich habe nichts gegen den Vortchlag!“

„Auch ich roürde für den ertten Preis aus diete Arbeit
zu haben sein, uorausgetetjt, dafj hintichtlich der roeiteren
Preise nach dem Vortchlag des fierrn Bürgermeisters ner-
fahren roird!“

Unter sreund opponierte gegen solchen fiandel. Aber
man hatte das Gerede nun satt: „Der Warte sind genug
geroechselt.“ „Abttimmung über den Vortchlag des Bürger-
meitters.“

„Gegen eine Stimme!“

Alle blickten üorrourfsuoll auf den Gigenbrötler. „Schade,
dal] roir nicht Ginttimmigkeit erzielten!“ „Sie sind über-
ttimmt seien Sie froh, Sie sind die Verantroortung
los!“ „Können Sie tich nicht enttchlietjen, auf die Pro-
tokollierung Ihrer ablehnenden Stimme zu oerzichten?“
„Gs roürde einen Diel betteren Gindruck machen, roenn
roir getchlotten auftreten!“

„Ra, meinetroegen sachlich roird ja doch nichts
dadurch geändert!“

Run aber drang er darauf, die Jury tolle klipp und
klar erklären, roelche Arbeit tie für die zur Ausführung
geeignettfe erkläre. Innerlich freilich roar er mit sich
selbst im Zroeifel, roelche er narziehen salle: tie tchienen
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