Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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Rrchifekfonische Rundschau

28. Jahrgang

lieft 2

monumentale ßaukunl'f.

Von Otto ITlarch.

■n letzter Zeit itt in Architektenkreiten
Preutjens der Vorrourf mit besonderer
Cebhaftigkeit miederholt morden, dafj die
Überroeisung fast aller dem Staat oder
den Gemeinden erroacMenden monumentalen Bau-
aufgaben an organitierte Bauämter der fritchen
Gntroicklung unterer Baukunst hinderlich tei.

Den unmittelbaren Anlatj hierzu gab eine mini-
sterielle Kundgebung, die nor dem Verlatten der
baukünttleritchen Überlieferung und uor der Pflege
der togenannten modernen Bauformen roarnte, und
die zundchtt in geschäftlicher ?orm an die beamteten
Baukünttler gerichtet mar. Da aber bei den Bau-
ämtern ein absichtliches Vernachlättigen der über-
lieferten sormen bisher nicht roohl beobachtet merden
kann, fühlten tich andere und meitere Kreise uon
dieserlllahnung getroffen und zu mehr oder roeniger
erregter Kritik üeranlafjt.

Die ablehnende Haltung gegenüber künttleri-
schen Gesinnungen, die tich mit roenig Betcheiden-
heit ihrer nölligen Voraussetjungslotigkeit rühmen
und dabei oft geneigt sind, Kenntnislotigkeit für
Raioität und Brutalität für Kraft zu halten, itt
geroifj gerechtfertigt. Aber die Zeit der Umstürzler,
in der es als rettende Tat galt, sich aller settein der
Überlieferung zu entledigen, scheint doch eigentlich
Darüber zu sein, und in denjenigen Kreiten, in
denen die Überzeugung niemals geschrounden mar,
dalj eine glückliche und gesunde Gntroicklung der
Baukunst die Anlehnung an die überkommene
sormentproche nicht entbehren kann, roollte man
die Rotroendigkeit einer tolchen ministeriellen Be-
lehrung nicht recht eintehen. Daher polititche Ver-
ttimmung links und rechts, bei den sreisinnigen und
bei den Konteruatmen.

Ginen Rutzen haben derartige Auseinander-
tefjungen immer, menngleich in unterer problem-
behafteten Kunst das Wort roenig, die Tat alles
bedeutet.

Bei ruhiger Betrachtung scheinen sich die Wogen
in dem Kampf der Anschauungen über baukünst-
lerische sreiheit und Unfreiheit allmählich zu glätten.
Alfred ITletsel, detsen Geilt roieder einmal, und zroar
hier als Anroalt bedrohter künttlerischer sreiheit,
betchrooren morden itt, kann seinem ganzen Weten
und seiner Gntroicklung nach nicht anders denn
als Eklektiker und Klattizitt bezeichnet merden, eine
Gintchät^ung, der bis oor kurzem in den Augen der

Allerneuetten ein bedenklicher Beigeschmack üölliger
niindermertigkeit angehastet hat. Gs itt nicht allzu
tchroer, neu und ungeroöhnlich zu sein. Die eigen-
mächtige^VerunttaltunggriechitcherSäulenordnungen
itt aber an tich noch keine geniale Tat.

Von Grillparzer kennen mir das kluge Wort,
datj derjenige Künttler, an dem man die Originalität
als künttleritche Gigenschaft in ertter Cinie heroor-
hebt, tchon deshalb in den zmeiten Rang gehört;
„denn die Geitter ersten Ranges charakteritiert der
Sinn für das natürliche; sie machen es roie alle
andern, nur unendliche JTlale betser“.

Dafj der Vertuchung, neu zu sein, der prroate
Baukünttler leichter unterliegt als der beamtete,
erklärt tich aus der Tage der Dinge. Rieht nur,
datj jener tich im Geben ertt zur Geltung bringen und
telbtt seine Stellung tchaffen mutj. Der Tummelpla^
seines Talentes betchränkt tich im roetentlichen auf
die Ausführung Don Wohn- und Geschäftshäutern,
bei denen unkünstleritche Bedingungen und persön-
liche Caunen leichter zu Absonderlichkeiten Der-
führen. Von monumentalen Schöpfungen sieht er
tich Don üornherein to gut roie ausgetchlotten, ob-
roohl mit ihnen ertt die grotje Kuntt beginnt, oon
der er bei Grgreifung seines Berufs geträumt hatte,
satt gezroungen roendef tich nun auch sein unbe-
friedigter Schaffensdrang mit Übereifer der inneren
Austtattung zu, die tich heute den ttolzen Ramen
Raumkuntt beigelegt hat.

Dem Baubeamten fallen dagegen mit beruhigen-
der Selbttoerttändlichkeit die roürdigtten Ausgaben
in den Schotj, die in geticherter Ruhe lösen zu kön-
nen ein beneidensroerter und an tich oerheitjungs-
ooller Vorzug itt. Abgekehrt oon ITlarkt und IRode,
itt er roeniger oersucht, tich telbtt untreu zu merden,
ein Glücksumtfand, der ihn aber auch zu seinen
höchsten Geltungen oerpflichten mufj.

Die gärende Gntroicklung eines selbttändigen
Baukünstlers ist jedoch geeignet, Kräfte zur Gnt-
roicklung zu bringen, die einer bureaukratitch oer-
roalteten Baukunst in der Regel nicht zu Gebote
ttehen. Die stete unmittelbare Berührung mit den
oertchiedentten Getellschaftstchichten, die die Träger
unterer Kultur sind, die ttändigen Auseinander-
te^ungen mit ihren oerroickelten, in üerhältnismätjig
kleinem Rahmen zu lötenden Aufgaben, die ununter-
brochene Antpannung, die das dauernde Gintetjen
der eigenen Persönlichkeit mit tich bringt, roerden
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