Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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ssrchitekfonische Rundschau

Seife 6

zu Triebkräften für Werdendes und Hufstrebendes, die der
oornehm sich abschliesjende Kreis des Beamtentums in
gleichem FRafje nicht kennen zu lernen pflegt.

Die beamteten Künstler bleiben im Grunde bis zuletjt
ihre eigenen und einzigen Richter. Weder der offizielle
Ruftraggeber, noch die Öffentlichkeit, die sich sehr bald mit
allen ästhetischen Darbietungen non oben her zufriedengibt,
begleiten ihre Ceistungen mit besonderer innerer Teilnahme.
Rber nielleicht gerade deswegen pflegen die Künstler im
Rmt ihrer Tat nicht recht froh zu werden, zumal die Kennt-
nis ihrer künstlerischen Vaterschaft weiteren Kreisen in den
meisten sällen norenthalten bleibt.

Gs wäre kurzsichtig, zu leugnen, dasj sich unter ihnen
hernorragende Baukünstler befinden. Rber die gezogenen
Schranken, die sich aus dem Begriff einer Organisation oon
selbst ergeben, können der Bildung oon Indioidualitäten
nicht förderlich sein, ohne die es eine Gntwicklung zu großer
Kunst nie gegeben hat.

ln jedem salle oerdienen das künstlerische Selbstbewufjt-
sein und die Febensenergie, die einen freien Wettkampf der
Russicht auf ein gesichertes Beamtendasein oorgezogen hat,
eine höhere Ginschätjung, als ihnen bisher zuteil geworden
ist. Die Gleichgültigkeit des Publikums unterer monumen-
talen Baukunst gegenüber ist nicht diesem zur Fast zu legen,
sondern unterer zwar gelehrten und gewissenhaften, aber
temperamentlosen Rrchitektursprache, für die der etwas
boshafte, aber bezeichnende Flame „Polytechnische Kunst“
gefunden worden ist. Baukunst mufj gedichtet, nicht gereimt

1912

werden, hiesj es im „Rembrandt als Grzieher“. Ohne leiden-
schaftliche persönliche Hingabe wird nichts Großes geschaffen.
Gs ist die oerhaltene Glut in der stillen Würde Schinkelscher
Flleisterwerke, die noch heute ihre oon den Zeiten unberührte
Wirkung ausmacht.

Das Bedürfnis einer Blutauffrischung in unterem öffent-
lichen Bauwesen durch Zuführung neuer Cebenswärme mufj
einmal zu ungewöhnlichen maßregeln führen. Der Refor-
mator, der in der Überzeugung, dafj die Kunst der freien
Persönlichkeiten nicht entraten kann, sich durch die ihm
bereiteten Schwierigkeiten und durch persönliche Rücksichten
bei der Cösung der neuen Rufgabe nicht aus seiner Bahn
drängen läfjt, wird sich nicht nur den Dank zahlreicher
Baukünstler erwerben, was für die Sache an sich belanglos
ist, sondern das dauernde Verdienst, uns eine Baukunst
ermöglicht zu haben, in der sich unter Volk wiederfindet
und deren Grscheinungen es mit eifersüchtiger Teilnahme
oerfolgt — eine oolkstümliche monumentale Kunst.

Wir leben in der Zeit der Organisationen. Der mächtige
soziale Zug drängt überall zu gemeinsamen Zusammen-
schlüssen, zum sozialen Organismus, in dem der Rnspruch
der Persönlichkeit leicht als Ruflehnung empfunden wird,
der unterdrückt werden mufj.

?ür die Kunst kann die ITlehrheitsherrschaft der sozialen
Zukunft nicht anders als gefahrbringend sein.

Sollte die schmerzliche Totenklage der lesenswerten
Ruburtinschen Schrift „Die Kunst stirbt“ zur bitteren
Wahrheit werden?

Geschmacksroandlungen in den ITtiethausfronten.

Von Hans Schliepmann.

er Charakter unterer größeren deutschen Städte
wird weniger oon den FRonumentalbauten als
oon den ITliethäusern bestimmt, die ja bei unteren
Bodenoerhältnissen undCebensgewohnheiten leider
unoermeidlich scheinen. So wenig wir ein Recht haben,
unteren Flationalcharakter etwa als einen Gxtrakt oon
Bismarck, FRoltke, Wagner, Böcklin, Wildenbruch, Raabe,
Helmholfj, ITlommsen und Wilhelm Busch anzusehen, ob-
gleich jeder Barbier in gehobener Stimmung meint, er
habe Grund zu besonderem Stolz, weil er mit deutschen
Heroen auf denselben sleck Crde geboren, ebensomenig
sind die Bauwerke einzelner besonders heroorragender
Künstler, oon besseren Deutschen beschlossen, zu besseren
Zwecken errichtet, das allein richtige Bild unterer Zeit;
sie geben nicht einmal in den langen Zeilen unterer Wohn-
strafjen den Ton an. Sie gehören auch zur Stadt, sie
können sogar ihre Wahrzeichen sein, Zeugen, dasj eben
die Blüte der llation in höheren Regionen sinnt und fühlt
und schafft; oom Volk und oom empfinden der großen
ITlenge brauchen sie nicht zu sprechen. Ich erinnere nur
daran, wie oöllig unoerstanden Wallots Reichstagsbau ge-
blieben, wie er nur als eine ganz persönliche künstlerische
Wesensäusjerung richtig gewertet werden kann. Damit
wird nicht geleugnet, dafj nicht in Höhen- und in Tiefen-

kunst schliefjlich doch meist nationale Gleichklänge mit-
schwingen. Diese Übereinstimmungen treten aber erst im
Vergleich mit den Werken anderer Flationen heroor; inner-
halb der einzelnen Stadt sind die Klonumentalbauten
entweder Kitsch, wenn sie dieselben Züge wie die Strasjen-
zeilen, nur etwas reicher und im Rlafjstabe größer, zeigen,
oder sie stehen unter den Bauten des Rlltags wie ein
Dichter unter Philistern oder ein Held unter einer Volks-
oersammlung. — Das kann und das soll auch gar nicht
anders sein.

Rber die Kulturhöhe eines Volkes und einer Zeit ist
nicht einseitig nach deren Heroen zu messen. Wohl aber
ist diese allgemeine Kulturhöhe oon größter Wichtigkeit
für die Gntwicklung. Denn da das Volk der breite Unter-
grund bleibt, aus dem geheimnisooll hier und da plö^lich
wie Wunderblumen seine Genies emporwachsen, so spricht
mindestens die Wahrscheinlichkeit dafür, dafj ein Volk desto
eher Genies heroorbringen wird, je fruchtbarer der Boden
seiner Kultur geworden. Gs ist darum oiel wesentlicher
als man gemeinhin annimmt, den Rusdruck der Rllgemein-
kultur, die landläufige Gmpfindungshöhe jeder Gpoche
und jedes Volkes zu betrachten, wie sie sich in der Tages-
literatur, den „beliebtesten FRelodien“ der Gasse und des
Spiefjerhauses, in unteren überlaufenen Theatern und in
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