Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

Seite: 7
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architektonische_rundschau1912/0017
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
ssrchitektonische Rundschau

1912

Seite 7

unserem Straßenäußeren spiegelt. Hier allein zeigt lieh,
ob roir sfeigen oder fallen.

Was Bauer und Bürger mallen, uoas sie für ihr täg-
liches Wohlbefinden und ihre Selbstdarstellung in Kleidung
und Behausung für notwendig halten, das gibt den rich-
tigen Kulturmaßstab, den mir festzustellen hätten, um
diese Brage zu beantmorten. So ist denn zum Beispiel
das Studium der „lTtode“ non diesem Standpunkte aus
noch oiel zu sehr oernachlässigt. Wesentlicher aber noch,
roeil minder oergänglich und mit größerem Rufroand
menschlicher Denk- und Werkkräfte hergestellt, sind untere
Behausungen. Daß diese meist nicht mehr nach dem
eigenen Wunsche der Beroohner selbst, sondern meist non
Unternehmern auf Spekulation hergestellt roerden, ergibt
nicht etroa eine Bälschung oder Verzerrung des Kultur-
bildes. Daß mir uns dieses Unternehmerroesen überhaupt
gefallen lassen, ist an sich schon eine Rnklage; dann aber
suchen ja gerade die Spekulanten, deren einziger Cebens-
inhalt Verdienenroollen ist, mit aller ihnen gegebenen Bindig-
keit gerade das zu schaffen, coas die lllenge uerlangt.
Wenn sie dabei meist den niederen Trieben schmeicheln —
nun, sie roissen roohl, daß die eben die Welt da unten
regieren, für die sie schaffen. Immerhin roerden, nament-
lich in größeren Städten, die Unternehmer, die ja bei der
Rrf unterer modernen Geld- und Bodenroirtschaft gar
nicht anders als durch eine uöllige Reoolutionierung unteres
Wirtschaftslebens auszuschalten roären, auch für höhere
Kulturschichten bauen müssen — zumal ja die eigentlichen
Kulturförderer meist nicht in Paläsfen und Villen, sondern
oier Treppen hoch das undankbare Werk geistiger, nicht
allein auf Erwerb sinnender Tätigkeit auszuüben pflegen,
man roird daher auch schließlich den „besseren Ge-
schmack“ selbst noch in den Spekulationsbauten antreffen
können.

Daf3 in der Rrchitektur des so umrissenen Gebietes bis
oor kurzem nicht uiel Rühmliches zu uerinelden, ist nach-
gerade eine Binsenroeisheit geroorden. Die scheul^liche
Öde unterer Praletarierquartiere, der überladene, oerlogene
und aberroißige Prunk der sogenannten Prachtstraßen, in
denen jede Straßenecke mindestens mit einem Stückchen
St. Peters-Kuppel kokettieren möchte, sind uns endlich als
roarnende, beschämende Denkmäler unterer Unkultur auf-
gegangen. Rber seit dieser Erkenntnis beginnt es auch
glücklicherroeise besser zu roerden.

Die kritische und belehrende Tätigkeit zahlreicher Zeit-
schriften, deren Hehren zuleßt selbst in das Hesefutter der
Erzphilister, der Cokalblättchen, durchsickerte — ein uner-
roarteter Segen des kosfenlosen Russchneideoerfahrens —
und uor allem die oorbildliche Tätigkeit einzelner heroor-
ragender Architekten ist nicht oergebens geroesen, roorüber
nur die Stuckfabrikanten zu klagen haben, deren oer-
gängliches Surrogatkunstroerk nicht mehr in Schroadronen
zum Kampf gegen allen guten Geschmack auffährt. Wenn
nichts anderes, so ist eine Rückkehr zur Einfachheit un-
uerkennbar. Das aber ist in der Tat schon der entsehei-
dende Wendepunkt zur Gesundung. Selbst der unpolierteste
Unternehmer weiß heute sein Bauoorhaben dem Geldmanne
gegenüber dadurch oerlockend zu machen, daß er den
„Anforderungen der Fleuzeit entsprechend“ oder „der mo-
dernen Richtung entsprechend“ zu bauen oerspricht, wor-
unter der Biedermann einen Terrasitpußbau mit möglichst
oielen Dachflächen, aber gesparten Bensferumrahmungen

und Gesimsen uerstehf. Das scheint noch nicht uiel; roer
aber die neuentstehenden Stadtquartiere durchschreitet,
der muß doch mit Breuden feststellen, daß das Straßen-
bild an Sachlichkeit, Ruhe, Gleichmäßigkeit und Aus-
druck ganz unoergleichlich gegen ältere Straßenzüge ge-
wonnen hat.

Prüfen roir, roorauf dies zurückzuführen ist, etroas
näher, so fällt uns zunächst die Abkehr oon der Stil-
schablone auf. Zroar roird Barock, besonders „frideri-
zianisches“, und Biedermeier gelegentlich noch tüchtig ge-
plündert. Aber merkroürdigerroeise zeigen die Prioatbauten
dabei fast durchgehends eine größere Breiheit als die ITlonu-
mentalbauten, die im Glauben an den Segen dieser Stile
augenblicklich errichtet roerden. Das hat uerschiedene
Gründe: Dem Unternehmer-Architekten fehlt jener wirk-
liche Glaube. Er uerroendet die Bormen nur als äußer-
liche Bloskeln, also ohne Pietät. Die Aufgaben der ITliet-
hausarchifektur — namentlich der fünfgeschossigen — sind
aber in jenen Stilen noch nicht Dorgebildet, im Barock
noch weniger als im Biedermeier, roelches wieder nur
einen ganz engen Bormenkreis hat, also ein umfangreiches
Plündern üon Bloskeln nicht gestattet; so greift der Bassaden-
künstler desto unbekümmerter und frischer zu, je weniger
er das monumentale nachzuahmen sucht. Darum finden
roir denn gelegentlich roirklich schon in Vorortstraßen
Eigenartigeres als in den Prachtstraßen, roo der gebildetere
Architekt noch immer nicht aufzuhören wagt, „in Spuren
zu wandeln“. Am beliebteren sind da zurzeit die Spuren
ITlessels, und sicher kann man sich damit, wenn denn
durchaus ohne Anlehnung nichts heruorsickern will, noch
immer am betten abfinden, denn ITlessels Streben nach
Schlichtheit, Wirkung durch große, edle Verhältnisse und
nach jener Sachlichkeit, die oon Rechts wegen das Be-
zeichnendste an unserem „Technischen Jahrhundert“ sein
sällte, darf als durchaus uorbildlich gelten. Hier kann
aber doch ein Umstand im Vorbeigehen nicht unerwähnt
bleiben. Seit der Reoolutionierung oon Darmstadt aus, die
uns gezeigt hat, daß es noch andere Bahnen gibt als die
in der Vorzeit betretenen, haben roir allerorten Bauten
entstehen sehen, die bewußt bleues zu schaffen suchten.
Die Übertreibungen, die der jugendliche ITlost heroor-
sprudelte, sind allmählich zurückgegangen, und die Aus-
heilungen in Dresden 1906 und in Darmstadt 1908
zeigten oielfach so herrlich abgeklärten Wein, daß man
auf eine große Zukunft unterer Baukunst hoffen durfte,
noch roandeln Schmiß, Albin lllüller, Bonaß, JTlöhring,
Billing, Schilling und Gräbner, die neu-Wiener und manche
anderen auf eigenen Bahnen und obendrein unter dem
Beifall immer größerer Kreise. Troßdem sind roir aus
der Stilnachtreterei noch nicht heraus. Das Eoangelium
der Anknüpfung an den Biedermeierstil, das uns Schulße-
naumburg gepredigt, und das doch nur einer Strömung
unterer Zeit, der nach Sachlichkeit, entgegenkam, mährend
Otto Schmalz schließlich mit geradesooiel Recht und mit
mehr künstlerischem Darüberstehen unterer rieroosität,
unterer Aufgeregtheit, Prunkliebe und Vielfarbigkeit in
der Bortbildung des Jesuitenbarocks (am Candgerichts-
gebäude in Berlin) einen Zeitausdruck suchte — jenes
Biedermeiereoangelium ist inzroischen zu ganz gemütlicher
weiterer Absehreiberei zusammengeschrumpft — hat sich
oielfach als nichts weiter erroiesen, als ein neues Kapitel
in der großen Stilroiederholungsgeschichte, das nach Ab-
loading ...