Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

Seite: 8
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architektonische_rundschau1912/0018
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
ssrchifekfonische Rundschau

Seite 8

1912

soloierung des Barocks eben „dran mar“. Und schon
rnird das Vorzeitbuch wieder umgeblättert. Gs mar alles
noch nicht simpel genug für untere Fexe mit der senti-
mentalen Rackenlinie und der Histrionenrasiertheit. Und
da fand man denn glücklich schon die Gillyzeit wieder
heraus, jene Richtung des Biedermeiers auf eine unge-
nügend gekannte Antike, die, bis auf öilly selbst, die er-
findungsärmste aller Zeiten war. Gewifj, auch in diesem
„Schmalhansstil“, wie man ihn nennen könnte, lebte ge-
legentlich noch ein oererbtes Feingefühl für Rhythmus und
Cinie. Was daran erträglich war, finden wir denn auch
schon in einer „zeitgemäßen“ und nom geschichtlichen
Standpunktaus höchst löblichen Veröffentlichung zusammen-
gebracht: „Deutsehes Bauhandwerk uor 100 Jahren“ aon
Regierungsbaumeister IRac Cean und Hrchitekt Utax
Walther (Verlag non Baumgärtel, Berlin), das also eine
gesuchte ssusschreibequelle werden dürfte. Rber über diese
Zeit der „reinlichen“ — um mit dem alten Goethe zu
reden — Rbtuscherei non dorischen Säulen und Rund-
bogennischen mit dürftigen, aber „bedeutenden“ Festons
kann uns doch nur hinwegtrösten, daß sie die — Inku-
bationszeit für das Genie Schinkel war. Der steht denn
glücklich auch schon oor der Tür, und die Rbfälle des
Titanen werden denn auch bald genug als neueste Kunst-
überzeugung wieder zehn Jahre lang in köstlichem mate-
rial, wie man es dem Heroen selbst hätte gönnen
mögen, so lange ausgemünzt werden, bis nach einem
zweiten Stülerchen und Strackchen non neuem die
Bußenseheiben- und Schnörkelromantik wieder modern
wird. — —

Rur beißendster Spott kann uns danor schüßen, daß
diese Gntwicklung der madischen Fassadenschneidermeisterei
nicht die glänzenden Blüten neuen Hebens überwuchert
und abtötet, die untere wirklichen Architekten aufsprießen
ließen. Daß diese Gefahr in Berlin am größten ist, liegt
in der Ratur der Sache, weil einmal die Paruenükultur
der Reureichen immer wieder nach dem „ Allermodernsten“
greift, das die „anerkannten Größen“ liefern. Diese aber
sind schon durch ihre Vielbeschäftigtheit und den Atelier-
großbetrieb gezwungen, auf persönliche Kunst zu oer-
zichten und ihren jungen Heuten gute, „bewährte“ Vor-
bilder in die Hand zu drücken, seien es englische Villen
oder eben die schöne dorische Säule, die jeßt wieder in
jeder Hänge non 1,9 m bis 19 m am lllarkte ist, und
dann den ganzen herrlichen Schinkel —; als ob untere
Bauentwicklung wirklich nur ein Karussell mit sechzig-
jähriger Umdrehungszeit wäre!

Wahrhaftig, untere Vorortarchitekten fangen — wie
getagt an, eine Hoffnung gegen diese Bankrotterklärung
des modernen Baudenkens zu werden! In ihren Arbeiten
regt sich, was die IRünchner und Albert Geßner anbahnten:
ein architektonischer Aufbau, der nicht künstliche „stil-
gerechte“ Gliederung durch Quaderung, Stüßen, Gesimse,
Umrahmungen, Friese und Schnörkelgiebel, sondern die
naturgegebenen Teile des Hauses: Portal, Grker, Balkon,
Hoggia, Giebel und Dach als Gemente der Komposition
oerwandte und der im übrigen der Fläche ihre Wirkung

ließ, wozu dann noch gelegentlich eine kräftige Farben-
gebung kommt.

Indem so nur die unerläßlichen Glieder des Baues,
nicht aufgeschweißte tektonische Gerüste, Teile und Teil-
chen wirken wollen, entsteht der Gindruck oollkommener
Sachlichkeit und zugleich ein größerer ITlaßstab der einzelnen
Baugedanken, also auch ein wuchtigerer, ruhigerer Gin-
druck. Die moderne mannigfache, aber fast durchweg
materialgerechte und interessante Behandlung des Pußes
und ganz wenige frei in die Fläche geseßte Ornamente
oder Figürchen, „lllotioe zweiter Ordnung“, sorgen dafür,
daß die Härte und trockene Hogik solchen Aufbaues in
anmutigerer Verhüllung auftritt: kurz, die Bahn für eine
sehr gesunde sachliche und sprechende Kunstübung ist frei.
Gs sall nicht geleugnet werden, daß natürlich zwischen
den guten Beispielen auch wieder spottschlecht oerarbeitete
Karikaturen der neuen Richtung stehen, daß sogar im
allgemeinen ein arger mißbrauch mit oorgetäuschten Dach-
flächen und oermickelten, höchst unpraktischen, ja rui-
nösen Dachzerfallungen getrieben wird, daß auch mit
Grkern und Hoggien, mit nicht umklappbaren Fensterläden
gar und mit spielerischem Fachwerk oft schon wieder
ein recht arger mißbrauch getrieben wird und daß da-
gegen das Problem der Ginfügung großer Grdgeschoßläden
in solche „Wand bau komposition“ immer wieder ungelöst
bleibt, ja zu besonders scheußlichen Widersprüchen zwischen
Iahender Fläche und gähnendem Hoch führt, die durch
schwarze Glasschilder nur noch unterstrichen werden
alle diese Klüngel sind unoerkennbar, aber sie sind gering
im Verhältnis zu denen der früheren Säulen-, Pfeiler-
und Giebelwälzerei und sie können das gesunde Prinzip
nicht ins Unrecht seßen. Rötig ist nur noch ein wenig
mehr Klut zu dem, was der durch allerlei Klitterwerk
Verwöhnte und Verbildete „langweilig“ nennt. Auch die
Ähnlichkeit der Häuser der neueren Pariser Bouleoards
ist „langweilig“, aber ihr Zusammenklang gibt ein sehr
kultioiertes Straßenbild. Ist doch jedes Haus schließlich
sehr sorgfältig für sich detailliert und oon feinstem, rhyth-
mischem Gefühl. Hernen wir daran, daß gemeinsame
Grundzüge oornehmer wirken als eigenwillige Originalität,
wenn nur das Gemeinsame wirklich ein gefühltes, kulti-
oiertes ist. Und wünsehenswert ist, daß sich die Haus-
besißer je eines Häuserblockes zusammentun, um eine
architektonisch einheitliche Gruppe zu schaffen. Wenn ganze
Häuser als Aufbaumotioe erster Ordnung auffreten können,
wie sanst nur Grker und Risalite, so ergibt sich die ITlög-
lichkeit so mannigfacher, oielgestaltiger, reicher Hösungen
so bedeutsamen IRaßstabes, daß man auf Gemaltsamkeiten
in den Dachlösungen wird oerzichten können, zumal wenn
erst die allerbesten Kräfte der Rliethauskunst sich zuwenden.
Der Anlauf zu einer wirklich werfoollen und zeitgemäßen
Gestaltung dieser Kunst ist so gut, daß wir hoffen dürfen,
auch dieser Sprung werde noch gelingen. Und dann
wird endlich aus einer Dernünftigen Alltagskunst auch
langsam eine nicht oom Stilnachschreiben lebende, sondern
aus derGegenwart geschöpfte IKonumentalkunst oon unserem
wiedergewonnenen Geschmack reden.
loading ...