Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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ssrchitekfonische Rundlchau

Seite 10

1912

oon Tag zu Tag mähren, gereichen aber weder zur Zierde
noch zum Fluren der Stadt, sondern mülTen uielmehr in
polizeilicher Rücksicht als gemeintchädlich betrachtet cuerden.
Denn abgesehen danon, daß He lehr leicht zum Verttecke für
solche Indiniduen dienen können, die Ursache haben, sich
und ihr Tun und Treiben der polizeilichen Rufsicht zu ent-
ziehen, sind sie ihres beschränkten Raumes roegen dem Zutritt
und der Zirkulation einer gesunden Duft so gut wie uer-
schlossen und schon deshalb der öesundheit nachteilig.
Dazu kommt, daß bei der Wohlfeilheit der mieten sich in
solch engen Gängen zahlreiche Familien aus den untersten
Volksschichten zusammendrängen, roas dann zur solge hat,
daß es daselbst an der zur Erhaltung der öesundheit so
roünschensmerten Reinlichkeit mangelt. Huch pflegt für
gehörige Rbroässerung seiten hinreichend gesorgt zu sein,
roas alles Übelstände herbeiführt, die schroer zu beseitigen
sind, man hat daher immer diese Gänge als höchst nach-
teilig angesehen, und sie haben bei eintretenden ansteckenden
Krankheiten Veranlassung zu gerechten BesorgnilTen ge-
geben, roeshalb es doch roohl geraten sein dürfte, der
Vermehrung derselben ein Ziel zu seßen, zumal es in der
Fleustadt und in den Vorstädten nicht an Raum zur An-
legung ordentlicher Strasen gebricht.“

Hlle die hier angesührten Gründe hatten damals zweifel-
los eine uolle Berechtigung, Gng und schmal, so daß kaum
ein Sonnenstrahl in die Wohnung kommt (Hbb. 8 und 12),
ohne Kanalisation, ohne irgendwelche gesundheitlichen und
feuerpolizeilichen Rücksichtnahmen gebaut, boten manche
der Gänge zweifellos große Gefahren. Hber heute sind
die oben angeführten Gründe nicht mehr gültig. Heute
haben roir Vorschriften der Hygiene, eine gehörige Ab-
roässerung; roir haben eine Wohnungsinspektion, die für
die gesunde Herstellung und Benußung der Wohnungen
sorgt, roir haben eine gute Polizei, roelche die Sicherheit
in den Strasen geroährleistet, roir haben eine glänzend
organisierte seuerroehr, die auch gegen Feuersgefahr ein
roachsames Rüge hat, und roir haben als Grsaß jener
Wohnungen Vielfamilienhäuser bekommen, bei denen eine
so strenge Trennung der einzelnen Wohnungen wie bei
den Ganghäusern nicht möglich ist, bei denen die Gänge,
durch die der Wind bläst und die die Sonne bestrahlt, er-
seßt sind durch dumpfe Treppenhäuser, in denen die Rus-
dünstungen der einzelnen Wohnungen sich sammeln und auf
die anderen Wohnungen sich übertragen.

So sehen roir eine städtebauliche Gnfroicklung, die hin-
drängt zum Bau oon Ginfamilienhäusern, zur Anlage des
Gartens neben der einzelnen Wohnung, zu Gartenstädten.
Das lehrt uns, dafj roir da roieder anknüpfen müssen, roo
die Verordnung aus der mitte des norigen Jahrhunderts die
Gnfroicklung unterbrochen hat. Dazu aber roerden noch
einige weitere Grroägungen Pla^ greifen müssen. Vor allem
roerden roir uns die srage oorlegen müssen, ist es heute
noch roirtschaftlich möglich, unsere Geschoßroohnungen durch
Ginfamilienhäuser zu erseßen? Die Beantroortung dieser
srage wird abhängig sein einmal uan dem Bodenpreis,
zweitens oon dem Bebauungsplan und drittens oon der
Bauordnung. Rber roir roerden, ehe roir in die Grörte-
rung dieser einzelnen sragen eintreten, noch eine Vorfrage
zu erledigen haben: roir roerden oersuchen müssen, eine
Klärung darüber zu gewinnen, roie die Kosten oon zwei
gleichgroßen Wohnungen sich stellen, oon denen die eine
im Ginfamilienhaus liegt, die andere eine Geschoßroohnung
ist. slun ist es sehr schroierig, einen Vergleich zroischen
zwei so grundoerschiedenen Wohnungsarten zu ziehen;
dazu müssen roir uns erst darüber klar roerden, roie roir
die Wohnungen miteinander oergleichen wollen. Die Vor-
züge der Geschoßroohnung, bei der alle Räume neben-
einander liegen, roerden roir im Ginfamilienhaus nicht
finden können, andererseits wird die Zugänglichkeit oom
Garten bei Geschoßroohnungen roieder nur seiten möglich
sein, und die Rbgeschlossenheit, die man beim Ginfamilien-
haus findet, ist bei der Geschoßroohnung ausgeschlossen.

Wir roerden also in dieser Weise einen Vergleich nicht auf-
stellen können, roeil er auf eine persönliche Wertung hinaus-
läuft, sondern roir roerden nur die tatsächlich nußbare
Wohnfläche, die ich als relatioe Größe bezeichnen möchte,
in Vergleich stellen können, dagegen roerden roir die getarnte
Größe, die absolute, bei der eben all die Vorzüge des Gin-
familienhauses im Gegensaß stehen zu den Vorzügen und
llachteilen der Geschoßroohnung, außer acht lassen müssen,
und so möchte ich zunächst diese Forderungen, die ich für
unerläßlich bei jeder Wohnung halte, zusammenfassen:

1. Jede Wohnung muß oollkommen in sich abgeschlossen
sein, d. h. es dürfen keine Wohnräume direkt oon irgend-
einer Stelle zugänglich sein, die für den allgemeinen Ver-
kehr bestimmt ist. Rlso ein Zimmer darf nicht direkt oon
der Straße betreten roerden, aber auch nicht direkt oon
einem Treppenhause, das ja dem allgemeinen Verkehr des
Hauses dient.

2. Jede Wohnung ist oon den allgemeinen Verkehrs-
räumen, also z. B. oom Treppenhause, durch einen direkt
lüftbaren, freien Plaß zu trennen, so daß die Rusdünstungen
einer Wohnung nicht mehr in Räume gelangen können,
die dem allgemeinen Verkehr dienen.

3. Jede Wohnung muß gut gelüftet roerden können,
d. h. sie muß Querlüftung erhalten.

4. Jede Wohnung ist durch konstruktioe JTlaßnahmen
nach den anderen Wohnungen hin so zu trennen (also in
Decke und Trennungsroänden), daß eine Durchdünstung
oon einer Wohnung zur anderen nach UJöglichkeit oer-
mieden wird.

Rlle diese Forderungen lassen sich bequem im Gin-
familienhaus erfüllen, natürlich auch in einem Geschoß-
haus, aber dann kosten sie Geld und tragen roesentlich
zur Vergrößerung des Grundrisses bei.

Ich habe zurzeit in Delmenhorst einige Arbeiterrooh-
nungen zu bauen, bei denen neben Ginfamilien-Reihen-
häusern Geschoßhäuser zu stehen kommen. Jede Wohnung
hat dieselbe Größe, und es liegen bei der gleichzeitigen
Ausführung für beide Rrten der Gebäude daher die ooll-
kommen gleichen Grundbedingungen oor, also gleiche Rn-
fuhrkosten, gleiche ITlalerialpreise, gleiche Gähne, gleiche
Rrt der Durchführung des Baues, gleiche Ausstattung der
einzelnen Wohnungen, so daß tatsächlich ein richtiger Ver-
gleich aufgestellt roerden kann. — Das Ginfamilienhaus
(Rbb. 13) hat Wohnküche, Stube, zroei Kammern, eine
Spülküche, einen kleinen Keller und über den beiden
Kammern des DachgescholTes noch einen, wenn auch nur
kleinen, Trockenboden. — Baukosten 3600 UJark. Das Ge-
schoßhaus (Rbb. 14) hat dieselbe relatioe Größe, dieselbe
Wohnfläche, nur die Spülküche fehlt. Dagegen ist der Keller
größer als bei dem Ginfamilienhaus; Waschküche und
Trockenboden sind für oier Familien gemeinsam. Bau-
kosten 17 000 lTlark, also für die Wohnung 4250 UJark. :;:)

Dieses Grgebnis wird oiele überraschen, roeil es den üb-
lichen Anschauungen roiderspricht. Gs deckt sich aber ooll-
kommen mit den Berechnungen für die Rrbeiterhäuser auf der

*) Tn der Besprechung des Vortrags wurde der einwand gemacht, dag
das ITlehrfamilienhaus einen sehr großen Trockenboden hat, der auch noch
zu Wohnzcuecken hätte benufjt roerden können, um die ganze Berechnung
günsRger zu gestalten. Wie aber schon auseinandergesegt, ist es kaum mög-
lich, einen in jeder Hinsicht oollkommenen Vergleich bei der Verschiedenheit
der Wohnungen zu geben. Cbenso kann man roieder anführen, dag die Cin-
familienhäuser die Spülküche neben der Wohnküche haben, ein Vorteil, der
den Wohnungen des ITlehrfamilienhauses abgeht, und dasj serner das €in-
familienhaus trog seiner ssusnutjung bis zum äufjersten noch oiel Plag bietet
zum Wegstellen und ssufbecoahren oon Sachen, die bei dem ITlehrsamilienhaus
nur aus dem Boden untergebracht roerden können. Das ist auch etcoas, roas
bei der Bewertung der Wohnung nicht ausjer acht gelassen roerden dars.
Aber selbst zugegeben, dag hier ein sehler im Vergleich liegt, so mag man
noch eine Wohnung im Dachgeschog dazu rechnen. Diese einzubauen, kostet
mindestens 1000 tllark, so dag dann das ganze Haus auf 18 000 mark für
fünf Wohnungen käme, für eine Wohnung also ebenfalls 5600 lllark, die
fünfte Wohnung aber ist dann insolge des Verlustes durch die Dachschrägen
roesentlich kleiner und lägt sich dann nicht mehr dem Durchschnittsherstellungs-
preis oon 3600 mark entsprechend oermieten, sondern würde nur höchstens
mit 2500 mark zu bewerten sein, so dag also tatsächlich ein wesentlicher Cin-
flug aus die mieten der anderen Wohnungen nicht erzielt wird.
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