Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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1912

ssrchitekfonikhe Rundschau

Seite 11

Hygiene-Ausstellung in Dresden (ogl. Heft 11 u. 12, 1911).
Und wie das Ergebnis hier zugunsten des Ginfamilien-
hauses spricht, so habe ich es schon nor Jahren an ner-
schiedenen Stellen gefunden, so bei den Bauten in Seelze
und bei der Hrbeiterkolonie in Grambke bei Bremen, non
denen ein Teilmodell ebenfalls auf der Hygiene-Ausstellung
ausgestelit mar. Bei dieser entschieden sich die Huftrag-
geber zu der Husführung uon Ginfamilienhäusern erst auf
Grund eingehender diesbezüglicher Berechnungen. Rber
schon bei dem genauem Vergleich der Bauausgaben mird
das Grgebnis schon sehr erklärlich, und alle, die da be-
haupten, dasj Ginfamilienhäuser unbedingt teurer rnerden
müssen als Geschofimohnungen, haben entroeder mangel-
hafte Grundrisse für Ginfamilienhäuser im Rüge oder aber
mangelhafte Grundrisfe für Geschofjwohnungen. ITlan tagt,
Dach und Fundament sind dieselben, daher mu§ der Gin-
bau uon mehreren Geschossen sich billiger stellen, als die
Herstellung non Ginzelroohnungen. Das ist aber durchaus
nicht der sall, die Voraussepng ist eben falsch. Gs kann
der sall sein (aber auch da nicht immer), rnenn man für
Ginfamilien- und ITlehrfamilienhaus denselben Grundriß
annähme. Das darf man aber nicht. Die geringere
Treppenbreite beim Ginfamilienhaus, die eingeschränkte
Vorplapröfje, die geringeren Konstruktionsstärken, die
billigeren Transportkosten des FFlaterials, alles spricht für
den Bau der Ginfamilienhäuser. Dazu kommt roeiter:
die Treppenbreite des FAehrfamilienhauses, die non der
Zahl der Wohnungen abhängig sein müf]te, der Verkitt
der Rusnu^barkeit an bebauter Grundfläche durch den
direkt lüftbaren Vorplat], den ich, roie oorher schon ge-
tagt, sür ein unbedingtes Grfordernis halte. Ruch die
notwendige Schalldämpfung kommt hinzu und die Vor-
sichtsma^regeln gegen die Durchdünstung non der einen
Wohnung zur anderen, Decken mit Ginschub müssen ge-
baut werden; alles das bedingt die höheren Baukosten.
Ich komme daher zu dem Schluß, dal) für die Klein-
wohnung das Ginfamilien-Reihenhaus die billigste Bau-
weise ist.

Bei den oben angeführten Untersuchungen sind be-
gehende Baugesetje und die heute üblichen Bauausfüh-
rungen angenommen, denn es sind Beispiele aus der
Praxis; wie man auch bei den Bauausführungen in kon-
struktiner Weise sparen kann, habe ich in dem Buche der
Gartenstadt-Gesellschaft, „Rus englischen Gartenstädten“,
des näheren auseinandergeset]t und habe auch dort bereits
darauf hingewiesen, dafj sich der Bau non Ginfamilien-
häusern noch günstiger gestalten wird, wenn die Bauord-
nung der Gntwicklung des Ginfamilienhauses fördernd zur
Seite tritt. Um darin klar zu sehen, ist es notwendig,
dafj wir uns einmal überlegen, was eigentlich eine Bau-
ordnung, ein Baugeset], heute ist. Ich glaube, wir können
die Grklärung etwa folgenderweise zusammenfassen: „Die
Bauordnung ist das gese^liche mittel, eine Be-
bauung zu erzwingen, die in konstruktioer, hygie-
nischer, teuer- und oerkehrstechnischer Beziehung
dem Benutzer des einzelnen Bauwerks wie auch
seinen Flachbarn einen möglichst großen Schuf]
bietet.“ Wie geht nun heute die Gntwicklung der Bau-
ordnung oor sich? Gine Bauordnung, ob gut oder schlecht,
ist uorhanden. ITlan läfjt die Bautätigkeit sich entfalten,
wie sie sich unter dem Zwange der Gesef]e, oornehmlich
also der Bauordnung, entfalten will. Zeigen sich auf-
fallende Übelstände, so werden Rbänderungen der Bau-
ordnung erlassen, d. h. die Gntwicklung wird „gehemmt“,
indem die Bauordnung „uerbessert“ wird. Von einer
freien Gntwicklung ist dabei natürlich gar nicht die Rede.
Im wesentlichen handelt es sich ja doch heute darum, wie
kann der Spekulant das betreffende Grundstück durch Be-
bauung am betten aerzinslich ausnutjen, und wie kann
er diese Ausnupng auch in baulicher Beziehung unter
dem begehenden Wortlaut des Geseps am besten und am
billigten erreichen. Der Spekulant rechnet daher einmal

mit einer ungesunden Wertsteigerung des Grund und
Bodens und nennt das eine natürliche Gntwicklung,
und zweitens rechnet er mit den Fehlern und Flicken, die
jedes starre Gesesj haben mufj. Was sich daraus ergeben
hat, ja sogar ergeben mufjte, ist klar, nämlich eine wilde
Gntwicklung ohne ein bestimmtes Ziel, bei der
das Spekulantentum die Hauptrolle spielt. Unterer
Bauordnung fehlt der grosje leitende Grundgedanke,
sie ist kein einheitliches Gefüge, sondern immer nur eine
Zusammenstellung oieler einzelner Gesesjesaorschriften. Gs
ist nur zu natürlich, dafj das Zusammenwirken aller solcher
Vorschriften mit der Zeit für die Gntwicklung des getarnten
Bauwesens maßgebend wird, daher wird heute, im Gegen-
sas3 zu früher, wo es wohl einige Baugesep, aber keine
allgemeine Bauordnungen in unterem Sinne gab, durch
die Bauordnung ein gut Stück der Baugeschichte eines
Gemeinwesens gemacht. Dies ist ein Ginflufj, der bis-
her gar nicht genügend anerkannt ist. Wenn wir ihn an-
erkennen, werden wir auch die Bauordnung ganz anders
auffassen müssen, nicht mehr als das gesepche mittel,
um dem Publikum in einigen Punkten einen Schuf] zu
gewährleisten, sondern als das ITlittel, die Gntwicklung
des Bauwesens in einem ganz bestimmten Sinne zu leiten.
Grkennen wir dies auch an, so wird der Gesepeber sich
klarmachen müssen, in welchem Sinne er die Gntwicklung
haben will, und wird sich als Ziel ein ganz bestimmtes,
klar umrittenes Bild oor Rügen stellen müssen. Flur durch
das Geset] ist es möglich, alle schädlichen Ruswüchse ein-
zuschränken und zu beseitigen und die Gntwicklung wie
einen Strom in seinen Feitdämmen dahin zu führen, wo
man sie haben will. Gs wird dann aber notwendig, dal]
auch der Wille des Geldgebers klar zum Rusdruck kommt,
daf) im Geset] der Wille als das ?eststehende ooraus-
geschickt wird, und erst im zweiten Teil die Anleitung
zur Ausführung folgt, also erstens ein unoeränder-
1 ich er Teil, der allgemein und dauernd Geltung
haben mufj, und ein ueränderlicher, der non den An-
schauungen der Zeit und ihren Grfordernissen abhängig ist
und dauernd einer Grgänzung und Umarbeitung bedarf,
llur dann wird es möglich sein, eine Bauordnung in jedem
Augenblick den an sie herantretenden Bedürfnissen anzu-
passen und sie lebensfrisch zu erhalten; nur so werden wir
zu einem sortsehritt kommen. Wir sind heute mit unseren
technischen und nolkswirtschaftlichen WilTenschaften so weit,
dafj wir an eine eingehendere Behandlung dieser srage
herantreten können, ohne dafj wir schwerwiegende sehler
machen werden. Wir wissen, was wir für Konstruktions-
stärken und FFtaterialbeanspruchung als lllindestma^ fordern
können. Wir wissen, was aus hygienischen sorderungen
sich als notwendig ergibt, wir wissen, welches geringste
FFlas] an feuerpolizeiliche Verordnungen angelegt werden
muf], und das alles mul) die Grundlage für das Baugeset]
bilden. Ruf Ginzelheiten will und kann ich mich nicht
einlassen, das würde niel zu weit führen, llur eins möchte
ich zusammenschliefjend noch hinzufügen: Die Haupt-
forderung mul] sein: größere Selbständigkeit und gröfjere
Verantwortung des Bauführenden und möglichste Gin-
schränkung aller Bestimmungen, die den Bau oon Gin-
familienhäusern betreffen, damit tatsächlich eine freie
sortentwicklung erfolgen kann.

Rber nicht nur oon der Bauordnung wird die gesunde
Gntwicklung der Ginfamilienhausbauweise abhängen, son-
dern auch uon einem guten Bebauungsplan mit allem was
dazu gehört. Sowohl der Generalplan der Stadtaufteilung,
der Generalstrafjenplan, der spezielle Bebauungsplan, die
Staffelbauordnung und die Strafjenherstellung, alle diese
Faktoren wirken zusammen und können hindernd oder
fördernd für unser Bauwesen werden. Zunächst wird der
Generalplan für die Aufteilung eines großen Gebietes auf-
zustellen sein, d. h. die Verteilung oon Wohngegenden in
ihrem Verhältnis und in ihrer Abhängigkeit non sabrik-
und Geschäftsuierteln und die dadurch bedingte Anlage der
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