Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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ssrchitektonische Rundschau

Seife 12

1912

Verkehrsstraßen, eine Aufteilung, dieebenso roieder General-
straßenplan, in dem natürlich nur die allerroichtigsten
Strasen, die großen Verkehrswege festgelegt ruerden dürfen,
uon einem roeitsichtigen Standpunkte zu erfolgen hätte.
Das heutige preußische System, roo auch diese srage den
einzelnen Gemeinden überlassen bleibt, ist für die solge
unhaltbar. Wir sehen ja bei unterer ganzen Städteent-
roicklung, roohin mir steuern. Groß-Berlin ist ein trauriges
Beispiel dafür. Auch da mufj eine zeitgemäße Geseß-
gebung eingreifen. Die Hauptschroierigkeit bildet das
Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden; die Gemeinden
fürchten non ihrer Selbständigkeit einzubüßen, meines
Grachfens ist das nicht der sall, denn den sehr roesentlichen
Teil des speziellen Bebauungsplanes, d. h. die eigentliche
Gntrourfsausarbeitung und deren Ausführung, müssen sie
behalten, roeil nur sie die nielen örtlichen sragen beurteilen
können. Alsa auch hier rnieder eine Trennung in Auf-
gaben allgemeiner lTatur, in der einheitlichen, großzügigen
Behandlung roeiter Bezirke, someit sie für die Gesamt-
entroicklung uon Wert ist, also Aufgaben des Staates,
und in Aufgaben besonderer örtlicher Ratur, der ein-
gehenden intimen Durcharbeitung des Gritenurfs als Auf-
gaben der Gemeinde. Die Berliner Städtebauausstel-
lung des uorigen Jahres hat deutlich die Rotroendigkeit
der Gntroicklung in diesem Sinne gezeigt.

Sie hat aber auch mehr gezeigt, nämlich, daß mir mit
deutseher Gründlichkeit mieder einmal Diel zu uiel getan
haben und tun, daß mir untere Straßen uiel zu kostspielig
ausstatten. Und das Wort des (Engländers, der die deutsehen
Städte bereiste, um die Stadtplanung zu studieren, sall uns
eine ernste Rlahnung sein. „Die Deutsehen haben zmar
schönere Städte, schönere Straßen als mir, aber nur auf
Kosten einer gesunden Wohnmeise.“ Auch hier muß die
Ginschränkung eintrefen. Gerade hier mird die Anlage
uon Gängen uon mesentlicher Bedeutung roerden. Wir
treiben einen uiel zu großen Cuxus mit der Straßenbreite
und mit der Befestigung der Straßen. Wir müssen uns
nur klar darüber sein, daß die einfachen Wohnstraßen fast
gar keinen Wagenoerkehr zu bemältigen haben ; sie können
in ganz geringer Breite ausgebaut roerden und mit einer
einfachen Deckung, da sie tatsächlich oon einem suhrroerks-
oerkehr nicht beansprucht roerden. Cieber sällte man den
einzelnen Häutern Vorgärten geben, um oon der heute
üblichen Florm: Straßenbreite gleich Haushöhe, roieder ab-
zukommen; eine sorderung, die soroohl aus ästhetischen
roie auch aus hygienischen Gründen roegen der besseren
Betonnung der Wohnungen sich als roünschensroert ergibt
(Abb. 15).

In dieser Zusammenstellung ist der Eichteinfallsroinkel
bei oerschiedenen Haushöhen eingezeichnet, und zroar oom
Ginfamilienhaus ausgehend, steigend bis zum oiergeschossigen
Haus, um damit nachzuroeisen, roieoiel ungünstiger die
Betonnung eines mehrgeschossigen Hauses roird, je höher
die Geschoßzahl steigt. Die oier Beispiele sind unter Be-
rücksichtigung der geographischen Cage Bremens aufgestellt
bei einer Straßenbreite, die in jedem salle gleich der Haus-
höhe ist, und bei einer Dachneigung oon 45". Gs ist nun
der Stand der Sonne eingetragen, einmal roie er geroöhn-
lich mit 45 1 angenommen roird, eine ganz willkürliche
Annahme, die absolut keine Berechtigung nach irgendeiner
Seite hin hat, dann ist eingetragen der Sonnenstand an
den Sonnroendtagen und den Tagen der Tag- und nacht-
gleiche. Außerdem sind auch die Ochtroinkel angegeben,
die noch eine oolle Betonnung der Ginfamilienhausroohnung
ergeben, also die Verbindungslinie oon der sensterbank des

Ginfamilienhauses mit dem sirst, roie auch des senster-
sturzes mit dem Dachsirst des gegenüberliegenden Hauses.
Das Grgebnis ist dann, daß beim eingeschossigen Haus fast
roährend des ganzen Sommerhalbjahrs eine gute Durch-
sonnung der Wohnung stattfindet und dann erst allmäh-
lich die Sonne oerschroindet, beim zroeigeschossigen Haus
roird es schon roesentlich ungünstiger, zur Tag- und nacht-
gleiche fällt schon fast kein Sonnenstrahl mehr in die Grd-
geschoßroohnung. Dagegen ist die Obergeschoßroohnung gut
beleuchtet, besser als bei Beispiel 1. Roch ungünstiger stellt
es sich bei den Beispielen 3 und 4; dagegen sind gerade
bei dielen Beispielen das dritte bezro. das dritte und oierte
Obergeschoß besser beleuchtet als das Ginfamilienhaus.
Wenn roir nun hieraus Rückschlüsse machen roollen für
das Ginfamilienhaus, so roürden die dahin gehen, eine sront-
entfernung zroischen den Häusern oon mindestens 6 sTletern,
besser sogar mehr, zu roählen. (Vergleiche die Obergeschosse
oon Beispiel 2 mit einem Abstand oon 6,20 Kiefern.) Damit
sall aber nicht getagt sein, daß dieser Hausabstand ganz
oon der Straße eingenommen roerden toll. Gin sußroeg
oon 3 ffletern und das übrige als Vorgarten roürde eine
durchaus zweckmäßige und hygienisch einwandfreie An-
ordnung geben. Run roird eingeroendet roerden, dann
stellt sich aber der Bau teurer, denn für die Ginfamilien-
häuser brauchen roir eine noch größere Räche. Ich möchte
auch hier Bremen als Beispiel heranziehen. Die übliche
Bremer Bauroeise roeist Häuser auf, die eine Breite oon
7 ITletern haben. Jeßt roerden, nachdem Kellerwohnungen
oerboten sind, diese Häuser oon zroei bis drei Familien
beroohnt. Abb. 17 zeigt eine Anordnung, roie sie in Bremen
üblich ist: Grundstücke 7 ITleter breit und 25—30 ITleter
ties. Abb. 18 zeigt dielelbe släche, bebaut mit Ginfamilien-
häusern, die oon einem Gang aus zugänglich sind. Der
Gang ist 3 Bieter breit, an einer Seite sind Vorgärten
roieder oon 3 Bietern, natürlich ist der Hintergarten dann
sehr klein, mehr nur ein kleiner Hofplaß. Run das Gr-
gebnis: Bei dem Beispiel Abb. 17 sind an jeder Straße 5 Häuser
mit je 3 Wohnungen, also 30 Wohnungen im ganzen.
Bei Abb. 18 sind es 28 Ginfamilienhäuser, also ein so ge-
ringer Unterschied, daß man ruhig behaupten kann, unter
Berücksichtigung der oben errechneten Baupreise, daß der
Blietpreis des Ginfamilienhauses sich keinesfalls teurer
stellen roird roie der der üblichen Geschoßroohnungen.
Gs ist also ein Grgebnis, das ebenso für den Bau oon
niedrigen Häusern, oon Ginfamilien-Reihenhäusern, spricht.
Ich möchte noch eine der üblichen Bremer Straßen mit
Ginfamilienhäusern (Abb. 16) zeigen, die gewiß Beifall
oerdient und deutlich erkennen läßt, roie notwendig die
Ginführung einer Staffelbauordnung mit sehr scharfen
Bedingungen ist, die in den Straßen, in denen der slach-
bau üblich ist, den Hochbau oerbieten.

Damit wäre ich zu dem Schluß meiner Ausführungen
gekommen, die sich eigentlich auf die Bedeutung oon Be-
bauungsplan und Bauordnung für den Bau oon Garten-
städten erstrecken sällten. Ich habe es absichtlich oer-
mieden, gar zu eingehend diese srage auf die Gartenstädte
zuzuschneiden, roeil es die Grundfragen für Bebauungs-
plan und Bauordnung sind, mit denen sich meine Aus-
führungen beschäftigten, und die unbedingt zu dem Bau
oon Gartenstädten hinführen. Wir können und müssen
nur hoffen, daß roir brechen mit einer Rlenge alter Zöpfe
in unteren Anschauungen, und daß eine gesunde Geseß-
gebung einseßt zur sörderung des Wohnungsroesens und
damit hinführt zu der denkbar betten Bauroeise, nämlich
zum Bau oon Gartenstädten.
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