Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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ssrchifektonische Rundichau

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wirken, ändern in dem ihm ferner liegenden Kunst-
geroerbe. Und selbst roenn sein enormes Talent auch
den Rnsprüchen dieses anders gearteten Kunstgebietes ge-
machten mar, so kann man hier bei Rieth roie bei
manchem sehr begabten Künstler die srage stellen, ob
denn in Deutschland immer und immer roieder das Genie
nur dazu da ist, um als Schul-
meister Hunderte uon ITlittel-
mäßigkeiten und einige hoffnung-
erroeckende Talente zu züchten.

Das ist ein besonderes, langes
und heimlichdornenoollesKapitel
im Heben der betten deutschen
Künstler, dafj sie zum Schaffen
berufen maren und im lehren
sich erschöpfen mußten. Voller
Hosfnung ist Rieth auch hier an
die Rrbeit herangetreten und
nach mehr als fünfzehnjähriger
Fehrtätigkeit hat er, uon immer
roeniger Schülern umgeben, ge-
endet.

Im Jahre 1886 sieht Rieth
zum erstenmal auf einer kurzen
Reise Florenz, Verona, Pisa und
die andern oberitalienischen Re-
naissancestädte, und — es mutet
fast unglaublich an — im Jahre 1903 mit fünfundoierzig
Jahren betritt er zum erstenmal Rom, die ewige Stadt, die
in der sülle ihrer großartigen Bauroerke aus der Kail'er-
und der Papstzeit für die Seele eines Rieth ein Paradies
sein mußte. Diese Stimmung klingt uoll roieder in seinen
römischen schriftlichen Rufzeichnungen und ist doch auch
oerbunden mit unsäglicher Wehmut, daß er so spät erst
diese Stadt seines Sehnens zu schauen bekam. Seine
Reiseskizzenbücher gehören zum Jnteressantesfen. Was er
Großartiges sieht, oerarbeitet sein seuertemperament sofort
roieder, mächtig angeregt, zu eigenen Gestaltungen.

Die Rußencoelt sieht und hört oon da an immer
roeniger oon Rieth. Seine leßte größere Veröffentlichung
erfolgte im Jahre 1903. Wer nicht stets oon neuem an
sich erinnert und die große Pauke schlägt, läuft in unterer
schnellebigen Zeit Gesahr, allmählich mehr und mehr oer-
gessen zu toerden. tm JJJärz 1911 hat ihn eine langsam,
aber sicher oorschreitende Krankheit mit fetter, unbarm-
herziger saust gepackt und im Rugust ist er in der Heimat
gestorben. * *

Die Skizzen und Gntwürfe dieses Heftes können seinen
künstlerischen Gntwicklungsgang nur andeuten, tagen
aber mehr als alle Worte. Rieth beginnt als Rrchitekt.
ln die Zeit seiner Tätigkeit bei Wallot fallen die ersten,
rounderbar großzügigen, bis zum grandios Künstlerischen

1912

sich steigernden Rrchitekturskizzen, die seinen Flamen
sofort roeltberühmt gemacht haben. Der ersten Veröffent-
lichung folgen im taufe der Jahre drei weitere Tafel-
roerke, die deutlich eine in ihm oor sich gehende Wandlung
zeigen. Immer mehr gleitet Rieths Gedanken- und
Phantasiecoelt oom Rrchitektonischen hinüber zum ITlaleri-

schen und zuleßt geradezu zum
Dekoratio-Phantastischen. Gin
ihm sehr nahestehender sreund
roill dies damit erklären, daß
Rieth über die Rrchitektur hin-
ausgeroachsen sei, gleichsam
zur größeren Kunst. Vielleicht
geschah es auch deshalb, coeil
er sehr roenig Bauaufträge er-
halten hat und er die Baukunst,
die ihre Jünger mit ganzer Kraft
zurÜberseßung der erdachten und
gezeichneten Bilder in gebaute
und greifbare Werke drängt, nicht
in ihren Grenzen zu erfassen
genügende Gelegenheit bekam.
Immerhin hat Otto Rieth als
bauender Rrchitekt besonders in
seinem Palais Staudt in Berlin
und als Bildhauer in seinem
Galatheabrunnen in Stuttgart
heroorragende, eigenartige Werke geschaffen. Daß er nicht
mehr Bauroerke und besonders Bauten größter, monumen-
taler Rrt ersteilen durfte, coar ein mißliches Geschick für ihn
und ein noch größeres Unglück für seine Zeit. Der fürst-
liche, der kaiserliche JTläzen, dessen ein Rieth bedurft
hätte, roie ihn Ulichelangelo brauchte und in seinem
Papst Julius II. fand, ist ausgeblieben. Wer hier den
größeren Verlust trägt, ist nicht zweifelhaft.

Sa hat sich Rieth immer mehr in die Welt seiner (ent-
würfe und Phantasiegebilde oersenkt und eingesponnen.
Gr ist der lließsche der Graphik geworden. Reue un-
erhörte Gedanken oon nie geschauter Wucht und Phantasie
offenbaren sich in seinen hinterlassenen Skizzenblättern
und Gntwürfen, deren Zahl mehrere Tausend beträgt.
Untere Zeit oerehrt noch allzusehr einseitig die Philosophie
und Poesie, die im gedruckten Wort enthalten ist; Rieth
zeigt uns, daß diese beiden Stimmungen der menschlichen
Seele auch im Bilde niedergelegt und mit dem Rüge wieder
empfunden werden können.

In Stein und Grz durfte Rieth nur weniges schaffen,
aber seinen Stift und seine Farben konnte ihm niemand
oorenthalten. Darin hat er sich so uoll ausgelebt, wie
seiten ein anderer Künstler. Gine demnächst im Berliner
Kunstgewerbemuseum stattfindende Russtellung seiner
betten Werke wird unzweideutig offenbaren, wie sehr er
des dauernden Ruhmes würdig ist.
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