Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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Rrchifekfonische Rundschau

28. Jahrgang

fieft 5

Der neue Sfadfplan für Athen,

entworfen oom Geh. Bourat Stadtbaurot Dr.-Ing. sudcoig Hoff mann in Berlin. Hierzu Tafel 66/70.

Bthen roächst zur Grof^sfadt heran. Von 30590
im Jahre 1853 mar die Ginmohnerzahl (ein-
schließlich derVororte) 1879 auf 65500, 1896
auf 123 000 gestiegen; 1907 zählte man 167 479.
Immer roeiter breiten sich die neuen Stadtniertel
in dem langgestrecktenTale aus, das im llardroesten
und IJorden uon den Bergketten des Ägaleos und
Parnes, im Osfen uom giebelförmigen Pentelikon
mit seinen ITlarmorbrüchen und im Südosten uon
der langen Wand des Hymettos umschlossen roird.

Von der antiken Stadt lagen die ältesten Teile
auf dem jeßt unbebauten Hügelgelände roestlich uon
der Rkropolis und dem Philopappos, die späteren
nördlich non der Rkropolis und die lleustadt des
Hadrian südöstlich uon dieser. ln den Resfen der
alten Stadt nördlich der Rkropolis hatten sich die
dürftigen Rnsiedlungen eingenistet, die mährend
des Ulittelalters und der Türkenherrschast den
Flamen Rthen bemahrten.

Rn sie schlossen sich nach dem Freiheitskriege
die neuen Rnlagen nach Rorden zu in regel-
mäßigen, geradlinigen Straßenzügen an. Ihre
Grundlage bildet ein Dreieck, dessen Basis die non
Weit nach Ost laufende Hermesstraße ist, an deren
Ostende das Kgl. Schloß steht (Tafel 68,2); seineSchen-
kel, die Piräusstraße und die Stadionstraße, uer-
einigen sich mit der uon der mitte der Hermesstraße
nach Horden gehenden Rthenestraße im Ontonia-
(Gintrachts-) Plaße, dem Verkehrsmittelpunkte der
Stadt (Tafel 68,1:5). Rordmestlich non diesem liegt
der Hauptbahnhof der uom Piräus nach Rthen
heraufführenden Peloponnesbahn (Tafel 68,i:r).

Roch ist Rthen nur oon der See aus zu-
gänglich, da den nerschiedenen Bahnstrecken der
Rnschluß nach Horden an die türkischen Bahnen
fehlt. Wird dieser hergestellt, so ist eine erhebliche
Grleichterung und Steigerung des Fremdeimerkehrs
zu erroarten, der non jeher einen Hauptfaktor
für die Gntmicklung Rthens bildet. Für diesen,
mie für die Verbindung der roeitläufig angelegten
Stadtteile untereinander ist eine zroeckmäßige
Rusgestaltung und Zusammenfassung der Ver-
kehrsmittel uon höchster Bedeutung. Vor allem
ist es roünschensroert, die nerschiedenen Gisenbahn-
betriebe einer einheitlichen Ceitung zu unterstellen,
auf gleiche Spurroeite zu bringen und in einem
Zentralbahnhofe zu nereinigen. Gin ausgedehntes
Straßenbahnneß mit mehreren Ringen und Unter-
grundbahnen sall sich andieFernbahnen anschließen.
Wenn auch die Schnellbahnen erst bei einer sehr Diel
größeren Rusdehnung der Stadt zur Ausführung
gelangen merden, so ist doch die Festlegung ihrer
Cinien innerhalb derjeßtbestehenden und entstehen-

den Stadtteile in Rücksicht auf die demnächst zu
beginnende Kanalisation dringend zu roünschen.

Daraus ergab sich der praktische Rnstoß, recht-
zeitig einen großzügigen Plan für das Allmächten
der Stadt und des Verkehres zu geminnen, der
den gegebenen Verhältnissen mie den zu entarten-
den oielseitigen Anforderungen Rechnung tragen,
zugleich aber auch für die städtebaukünstlerische
Weiterentmicklung der Stadt, für die Beseitigung
mancher fühlbaren FTlängel des bisherigen Be-
bauungsplanes und für einige einsehneidende Um-
gestaltungen, namentlich in der jeßigen Altstadt,
eine sichere Grundlage bieten sällte.

Die Umgebung Rthens ist durch das nahe
JTleer und die hohen Bergketten (der Parnes ist
1400 m, der Pentelikon und der Hymettos über
1000 m hoch) nach allen Seiten in Umrissen und
Farben außerordentlich malerisch. Die aus der
Stadt selbst emporroachsenden uielgestaltigen Höhen,
Rkropolis, Cykabettos, Philopappos, Pnyx, die
beiden Kolonos u. a., non denen die Rkropolis
80 m, der Fykabettos 200 m über die Talsohle
aufsteigen, oermitteln in reiznollster Weise zmischen
der in der Gbene gelegenen Stadt und den sie um-
gebenden Gebirgszügen und bieten die mannig-
faltigsten Überblicke.

Die Stadt selbst aber besißt in den Retten alter
Kunstroerke eine einzige Grundlage für ihre meitere
künstlerische Gntmicklung und hat, mie nur menige
andere Städte, in ihrer äußeren Grscheinung eine
einheitliche, harmonische Stimmung bemahrt. Ihr
Wiederaufbau fiel in die Zeit, in der sorgfältige
klassische Ausbildung die Grundlage des bau-
künstlerischen Schaffens bildete. So sind die öffent-
lichen Gebäude der bayrischen Zeit oon Gärtner,
Hänsen und Ziller, aber auch die neueren, in dem
ruhigen, oornehmen Sinne der Antike und aus
dem gleichen schönen FRarmor der nahen, noch
heute ergiebigen Brüche errichtet. Die kleineren
Wohngebäude aber bilden in ihrer einfachen,
bescheidenen Gestaltung und Durchbildung eine
stimmungsuolle Begleitmusik zu den großen Haupt-
motioen Alt- und Reu-Athens (Tafel 66).

So bot auch die künstlerische Behandlung des
neuen Bebauungsplanes eine ganz eigenartige,
uerantroortungsDolle Aufgabe, die besonders takt-
uolles Feingefühl und Anempfinden, reife Grfahrung
und sorgsamstes Wägen der Ginzelheiten erforderte,
und die Stadt Rthen muß ihrem kunstsinnigenBürger-
meister Dr. RJ e r k 0 u r i s allezeit Dank mitten, daß
er dafür in Fudroig Hoffmann den geeigneten
mann zu finden gemußt und ihm über alle
entgegenstehenden Schmierigkeiten die Wege ge-
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