Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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Seite 20 ssrchitekfonische Rundschau 1912

Atelierhäuser.

Von Professor KarlWidmer in Karlsruhe i. B.

Die Versorgung mit guten ITlietateliers ist für eine
Kunststadt eine roichtige srage, die unter Umständen
zu einer roirklichen Eebensfrage cnerden kann, Am
betten roird sie dadurch gelöst, daf3 man für diesen Zroeck
besondere Htelierhduser baut. Die Ateliers, die in den
Dachräumen oon Wohnhäusern, in Hinterhäusern u. dergl.
untergebracht roerden, sind in jeder Hinsicht Flotbehelfe.
sreilich sind die geroöhnlichen Atelierhäuser, die non Staats
roegen oder oon der Bauspekulation errichtet cnerden, in
der Regel auch nicht oiel besser. Als richtige Produkte des
bureaukratischen oder industriellen Schematismus roerden
sie zu einem ITUttelding zroischen Schulhaus und JTliet-
kaserne, das für die besonderen Bedürfnisse des Künstlers
roenig Verständnis oerrät. Und doch ist die Anlage und
Einrichtung eines zweckmäßigen Atelierhauses für einen
Architekten eine anregende und dankbare Aufgabe, um so
mehr, roeil sie noch so roenig durchgebildet roorden ist.
Im folgenden mögen deshalb einige der roichtigsten Gesichts-
punkte für die Behandlung dieser Aufgabe besprochen
roerden.

Das Ideal eines Atelierhauses ist die Einstockroerks-
anlage. Dann bildet das ganze Ateliergebäude eine slucht
nebeneinander liegender Ateliers und in sich geschlossener
Atelierroahnungen. Von den Wohnungen hat jede ihren
besonderen Eingang oon der Strase; rechts und links oom
Korridor liegen Küche, Packraum, Garderobe und Toilette
(roomöglich auch ein Bad); darüber liegt ein Obergeschoß
mit Wohn- und Schlafzimmer. Hinter diesem Wohnteil
kommt das Atelier, das natürlich oom Erdboden bis unters
Dach einen großen Raum bildet. Die Vorteile, die dieses
System bietet, liegen auf der Hand. Vor allem macht es
möglich, daß jedes Atelier Oberlicht und einen besonderen
Sfudiengarten für sreilichtakte u. dergl. bekommen kann,
sreilich erfordert diese Anlage auch am meisten Plaß. Wie
in so oielen Dingen ist auch hier die srage der Baureform
oor allem eine Bodenfrage. Sie ist es um so mehr, da ja
die Atelierhäuser im allgemeinen für den roirtschaftlich
beschränkteren Teil der Künstlerschaff gebaut roerden, also
ihren Zroeck Derberen, roenn sie zu teuer roerden. Dafür
hat der Künstler roieder den Vorteil, daß er leichter als der
Geschäftsmann oor die Stadt hinausziehen und sich auf
billigem Boden ansiedeln kann.

Traf] alledem roird die Etagenanlage, bei der also die
Ateliers in oerschiedenen Stockroerken übereinander
liegen, aus roirtschaftlichen Gründen mancherlei Art oor-
läufig die Hauptform des Atelierhauses bleiben. Dann
sallen aber roenigstens die Vorteile, die sich auch mit diesem
System oereinigen lassen, ausgenußt roerden. Das gilt oor
allem oon der Einrichtung des Ateliers selbst.

Jlloderne Künstlerateliers sind sachliche Werkstätten,
aus denen die theatermäßige Romantik der ITlakartperiode
oerschrounden ist. Um so roichtiger ist es aber gerade
deshalb, dafj sie durch eine gute räumliche Durchbildung

Stimmung und Wohnlichkeit erhalten. Von der Sachlich-
keit bis zur Flüchternheit ist noch ein roeiter Weg. Allem
ooran aber geht natürlich die praktische Zweckmäßigkeit,
auf die die Raumabmessung sorgfältigst abzuroägen ist.
Der unoorteilhafteste Grundriß ist der quadratische; sein
Gegensaß zroischen Breite und Tiefe muß dasein. Aber
auch in zu schmalen Ateliers, roie man sie häufig trifft, ist
nicht gut arbeiten. Ein ziemlich tiefes Rechteck, dessen
Breitseite die Hauptfensterroand bildet, ist das normale.

Wichtig ist auch, daß ein Atelierhaus Arbeitsräume oon
den oerschiedensten Größen enthält. Hier hat das Etagen-
haus sogar einen Vorteil oor dem Einstockroerkshause;
man kann darin mit der Größe der einzelnen Ateliers
leichter abroechseln als bei dem leßteren, roo man unter
ein geroisses Durchschnittsmaß nicht gern heruntergehen
roird. ln einem gut eingerichteten Atelierhause sall ferner
für die roichtigsten Flebenräume gesorgt sein; unter allen
Umständen für einen kleinen Packraum bei jedem Atelier;
dann aber auch für eine genügende Anzahl oon Ateliers
mit Schlafzimmer usro. Die Arbeitsräume müssen eine
ruhige Cage haben, der Korridor also nach der Straßen-
seite liegen. Das Haus muß solid gebaut sein, Doppeltüren
sallen jeden störenden Cärm abhalten.

Eine besonders roichtige Rolle spielt bei einem Atelier-
hause natürlich die Belichtungsfrage. Das Oberlicht sall,
gegen Sonnenlicht möglichst geschüßt, in einem Winkel oon
45° angebracht sein. Außer dem Flordlicht sall das Atelier
roomöglich noch ein zweites senster nach einer Sonnenseite
bekommen. Die Seitenlichtfenster sallen nicht zu hoch
liegen, sondern bis zu normaler Zimmerfensterhöhe herab-
gehen: mit Rücksicht auf die Wirkung der Bilder im Wahn-
raum. Es oersteht sich oon selbst, daß das Eicht in jeder
Weise zu regulieren, roenn nötig, auch ganz abzuschließen
ist. Ein ganz besonderer Vorzug eines Ateliers ist es, roenn
es Ausbauten aus Glas, also senstererker oder Glasoeranden
bekommt, die so geräumig sein müssen, daß man darin
niodelle stellen kann; der ITlaler kann dann im Atelier
selbst sreilichtstudien machen.

Je mehr die Einrichtung der Ateliers in dieser Weise
oon dem Schema abroeicht, desto gefälliger kann auch
die äußere Architektur der Atelierhäuser gestaltet roerden.
Aus der freien Gruppierung der senster usro., den inneren
Ausbauten ergeben sich ungesucht ITlotioe für eine male-
rische Behandlung des Äußern. Ohne oon dem Grundsaß
streng sadrlicher Einfachheit abzuroeichen, kann der Archi-
tekt künstlerische sormen schaffen, die oon der herkömm-
lichen sorm der öden Backsteinkästen oorteilhaft abstechen.
Indem sich die besondere Bestimmung dieser Häuser in
ihrer äußeren Erscheinung charakteristisch ausdrückt, wobei
namentlich die reiche Verwendung oon Glas mitspricht,
entsteht ein neuer Typus moderner Zweckbauten. Das
Atelierhaus ist zugleich ein Beitrag zum Problem des
neuen Stils.
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