Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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Archifektonische Rundschau

1912

Seite 27

bereits an besteren Wohnhäusern fand, to berechtigt diese Tat-
tache uns unzweifelhaft zu der Annahme, das) die Königs- oder
Häuptlingshallen schan lange uarher diesen Gedanken bei ihren
Bauten angeroendet hatten. Die Vermutung darf selbst ausgesprochen
roerden, das3 bei der bronzezeitlichen Hausurne aus Schonen, die
Rlontelius in seiner „Kulturgeschichfe Schroedens“ (Seite 133) ab-
bildet, in der Bemalung ein solcher Umgang angedeutet ist.

In drei uerschiedenen Ausführungen ist der umlaufende Skot
denkbar und in den späteren Stabkirchen auch nachzuroeisen. Die
altertümlichste und als Typus sicher früheste Art ist die, den ganzen
Blockbau mit einer geschlossenen Reiscoerkroand zu umziehen.
Kirchen toie die uon Reinli und Hedal sind Beispiele dieser ITlethode.
Das Cxtrem dazu bietet etrua die Stabkirche sortun: die geschlossene
Wand ist aufgelöst in lauter einzelne Säulen und damit ein hölzerner
Peripteros geschaffen, mie ihn die Schilderung des Venantius sortu-
natus andeutet. Cs ist natürlich unmöglich, das) zroei derartige in
ihrer künstlerischen Ausführung so stark unterschiedene Bauroeisen
entmicklungsgeschichtlich unuermittelt nebeneinanderstehen. Gins
mar aus dem anderen nicht ohne weiteres zu folgern, mir mussen
nach einem uerbindenden Zroischenglied suchen.

Und diese Zroischenform findet sich in der dritten, an den
weitaus meisten Stabkirchen zur Anwendung gebrachten ITlethode:
die Skotwandungen zeigen ringsherum eine klare Zweiteilung. Rur
etwa zu zwei Dritteln uom Boden aufwärts bleibt die Reiswerk-
wand geschlossen; das obere Drittel aber ist aufgelöst in einem sries
uon Rundbogenarkaden mit zum Teil sehr hübsch geschni^ten Säulchen.

Wir wollten wissen, welchen ungefähren Anblick die alten
Königshallen uon ausjen boten. Das Wesentlichste lernten wir schon
kennen in der einfachen Silhouette des uon den geraden Wänden
hoch aufsteigenden Giebeldachs. Run gibt sich uns ein Weiteres in
der Gestaltung der Wände selbst: ihrer Zweiteilung in einem ge-
schlossenen unteren und einem zu Balustraden aufgelösten oberen
Teil. Dieses. oon der oölkischen Holzbaukunst immer wieder aus-
genommene Klotiu finden wir auch in den spätesten Steinhallen
der sogenannten romanischen Zeit mit einer laichen Hartnäckigkeit
wiederkehren, dafj wir unbedenklich behaupten dürfen: es war
typisch für die alte Königshalle.

Zweierlei ist aus dieser Tatsache zu folgern. Zunächst eine
Andeutung über die Gntstehung des Rlotius. Die Zweiteilung der
Skotwand ist nur so zu erklären, dasj wir hier einen rudimentären
Überreif der alten Zweigeschossigkeit annehmen. Bei den Toften
der Zweigeschosse ist es eines der beliebteren ITlotiue, den Suale-
gang oben ganz oder teilweise aufzulösen in die nämlichen Rund-
bogenöffnungen. Die stolze Königshalle mochte auf dieses aus-
gezeichnete, künstlerisch so mirksame Klotiu nicht uerzichten, als sie
zur alten Gingeschossigkeit zurückgriff, und so behielt sie es bei an
ihrer äusjeren Skotwand, dem ersten, was der sich Rahende nächst
der stolzen Silhouette wahrnahm.

Die zweite, künstlerisch ungemein wichtige Folgerung aber be-
zieht sich auf die sorm der Arkaden selber: ihre Rundungen. Die
unselige Systemwuf der Kunstgeschichte herkömmlicher Auffassung
hat uns dahin gebracht, dasj wir überall, wo irgend der Rund-
bogen sich zeigt, unbedenklich Schlüsse ziehen auf eine Beeinflussung
durch den „romanischen Stil“ in der bekannten örtlichen und zeit-
lichen Umgrenzung. Reuerdings hat man so uiel zugegeben, dasj
aufjer den romanischen Zwerggalerien auch die römischen Zier-
arkaturen dem germanischen Rorden Vorbild sein konnten. Gs ist
möglich, dafj eine noch stärker erweiterte Kenntnis der Kunst-
geschichte auch noch andere Vorbilder zuläfjt wie die Arkaturen
der karthagischen ITlauern, ja selbst babylonische Illotioe. Will man
im Grnst hier wieder einmal mit der alten Bugge-Weisheit auf-
warten und die Wikinger für so grundgelehrt ansehen, dafj sie die
entfernteren und zum Teil bereits längst ausjer Übung gekommenen
Illotioe aus der serne mit in ihre Heimat brachten?

Selbst wenn man das für möglich hielte, müsjte eines doch
auffallen: die Zähigkeit, mit der der germanische norden auch in
den folgenden Jahrhunderten an den „romanischen“ Arkaturen fest-
hielt. Der gotische Spitjbogen kam, die Renaislance, das Barock
und Rokoko mit ihren so ganz anderen Kunst- und sormempfinden

_ aber jene „romanische“ Vorliebe blieb. Gin sormenmille oon

solcher Bestimmtheit musj doch wohl bodenständig sein, und wenn
in der Tat Beziehungen nachweisbar sind, dann bleibt als Ursprungs-

land nur Rordeuropa, und als Vermittlung die oorgeschichtlich alten
Rassenwanderungen längs der Küste und quer über Tand.

Seesjelberg hat das Richtige getroffen, wenn er den durch den
Schiffbau ausgebildeten sormensinn an den Anfang sfellt. Gr brachte
die küstennahen Völker dazu, bei Absteifungen nicht gerade, sondern
Krummhölzer zu oerwenden. Gin Blick in das simpelste Bauern-
haus kann uns belehren, wie zwingend logisch diese Illethode zum
Rundbogen führen mufjte, dessen Schönheit man dann so stark
empfand, dasj man sie überall zur Anwendung brachte, nicht blosj
an jenen Arkaturen. Auch an Stühlen, wie deren Seesjelberg in
seiner „srühgermanischen Baukunst“, und an Kirchenbänken, wie
deren Dietrichson in genanntem Werk eine abbildet. Dieser urtüm-
liche Seewandrerstil ist die eigentliche Quelle, oon der alles aus-
läuft, um sich schliesjlich zu oerästeln in so oiele ferne Gegenden.

So oiel oom Äufjern der alten holzgefügten Königshalle. Wir
werden sehen, was der Steinbau aus ihr machte. Vorher aber
blicken wir noch einmal ins Innere.

Die ewigen Gespräche oom „Grau der Vorzeit“ umhüllen für
untere Vorstellung alles Rordische mit schweren, farblosen Schleiern.
Wir wissen indes heute, wie bunt und farbensatt in Wahrheit die Kunst
der düstersten Wälder ausschauen konnte. Rirgends gab sie sich schöner
als in den stolzen Königshallen. Roch bis oor wenigen Jahrzehnten
hatte man skandinaoische Blockhäuser, deren sugen nicht mit Kloos,
sondern mit rotem und blauem Tuch mechselnd gedichtet waren.
Das schlichte, so schöner und unaufdringlicher sarbenwirkungen
fähige mittel mag uralt sein. Wissen wir doch schon oon Steinzeit-
häusern, deren Bewurf mit einer einfachen, in zwei oder drei särben
gehaltenen Ornamentik bekleidet war. Das rote und blaue Tuch
zur Dichtung der sugen mag einen prächtigen Untergrund abgegeben
haben für die blinkende Wehr an den Wänden.

Hinzu kommt etwas anderes: die Grhöhung der sarbenwirkung
durch Teppichwirkereien. Auf dem Boden des mykenilchen Hlegaron
fanden sich niusfer, hergestellt aus Quadraten mit umlaufenden
Streifen. Dörpfeld kannte an den Quadraten rote, an den Streifen
blaue sarbspuren nachweisen und die ganze Klusterung als blosje
Rachahmung eines Teppichbelages deuten. Im Rorden oerstand
man sich früh schon auf die Kunst, den Geweben Ornamente ein-
zuwirken. Denken wir sie uns in den klaren särben der Volks-
kunst im Innern einer schimmernden Königshalle: das Bild lagt mehr
als die grelle Pracht eines farbenüberladenen archaischen Tempels.

Von dem oielgestaltigen Geben, das solch ein Kongsgaard
kommen und gehen sah, hat Axel Olrik in seinem „Rordischen
Geistesleben“ ein so treffliches Bild entworfen, dasj wir mindestens
einen Teil seiner Schilderung hier wiedergeben möchten:

„Wir schlüpfen durch die Gingangstür hinein an Knechten
oorbei, die Speisereste hinaus- oder Holz zu den Herdfeuern hinein-
tragen; ein Schwarm uon Bettlern hält sich in der Röhe des Gin-
gangs auf, um etwas uon den Gerichten abzubekommen. Vielleicht
hält es schwer, weiter in die Halle hineinzugelangen, und die langen
Herdfeuer mitten auf dem Cstrich hindern den Durchblick bis hinüber
nach der srauenbank an der gegenüberliegenden Querseite; an den
berusnen Dachbalken hängt dicht der Rauch, bis er durch eine
Öffnung oben einen Ausweg findet. Aber es ist leicht, über die
langen Bänke hinwegzusehen, wo JTlann an Klann sitzt, während
die Waffen über ihnen an der Wand hängen; in der ITlitte bei
den geschnifzten Hochsifzsäulen, die als Heiligtümer befrachtet werden,
sieht man den erhöhten Platj des Häuptlings. Vorne am seuer
geht seine Tochter auf und ab, schenkf Bier aus einem Gefäsj und
reicht den Kämpen das Trinkhorn; da gibt es Trunk und Gespräch,
Tärm und sreude, die nur unterbrochen werden, wenn der Dichter
seine Stimme erhebt zu einem Riede über alte Sagen oder den
Herrn der Halle.“

Olrik schilderf Szenen der Wikingerzeit. Sie unterscheiden sich
indessen nicht zu sehr uon dem, was der germanische Rorden schon
zweieinhalb Jahrtausende oorher kannte. Die Kultur der nordischen
Bronzezeit bereits hatte homerischen Charakter, Jahrhunderte ehe
der Süden ähnliches erlebte. Vom europäischen Rorden her erst
lernten die Ägypter den Streitwagen kennen (siehe „Prähistorische
Zeitschrift“ 1910, Seite 327f.), uon Rorden her Althellas das
Stadion mit seinen ritterlichen Spielen, und die Drachenschiffe,
die auf nordisch-bronzezeitlichen selsenzeichnungen zu kleinen
slotten uereint die Helden südmärts tragen, sind Wikinger Art.
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