Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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ssrchitektonische Rundschau

1912

Strafen, und mag es auch nur Zufall sein, so ist doch
uorbildlich, wie sich diese architektonische Komposition
in einen großen Blockzraickel einfügt, an dem die
Hauptoerkehrsstraßen rechts und links norbeiführen. Die
Strasen roiederum stimmen sich in ihren Größenabmes-
sungen auf die Bauten ab, gegen die sie geführt sind. Die
Rue de Tournon im gleichen Quartier (Rbb. 11 und 14),
leicht ansteigend gegen das Palais du Cuxembourg, roeitet
sich Dar diesem nach beiden Seiten, um frei seinen
Kuppelbau in Erscheinung treten zu lassen. Ähnlich ist
die Rue Royale gegen die llladeleinekirche angelegt
(Rbb. 7 und 9, der Plan gibt den Grundriß des ersten
Entwurfs), auf dem Plaß selbst sind, roie in Tyon, Baum-
pflanzungen zur Ausgleichung der beiden Wandungen
mit und ohne Durchbrechung benußt. Die Häuser der
Rue Royale ordnen sich in schlichtester ?orm der
Kirchenfront unter. Daß das Bedeutende seine Wirkung
steigert, roenn es neben sich den Gegensaß des einfachen
hat, ist eine Erkenntnis, die nicht nur theoretisch aus-
gesprochen ruird. Ulan handelt nach ihr, unterstüßt durch
die Baugesinnung jener Zeit, für die „le beau essentiel
de cet arf consiste principalement dans la regularite, la
Proportion, et l’ordre“. Daß dies nicht zur „froide uni-
formite“ führen dürfe, roird dagegen ebenso lebhaft ge-
fordert. Das bauliche Verpflichtungsgefühl dem Bedeuten-
den gegenüber ist so stark, daß man dort, too der Wunsch
zu glänzen übermächtig roäre und dies nur unter Benach-
teiligung eines bedeutenden Bauroerks hätte geschehen
können, lieber ablehnt. Rls bei dem Wettbewerb zur Er-
langung oon Entwürfen für eine Place Couis XV., der in
Paris 1748 ausgeschrieben wurde, die öffentliche llleinung
den Plat3 am liebsten oor der Perraultschen Couorekolon-
nade angelegt gesehen hätte, waren die Architekten gegen
diesen Plaß, um nicht mit der Kolonnade in Wettstreit
treten zu müsfen. Das Ergebnis war schließlich die heutige
Place de la Eoncorde (Rbb. 7).

Gefühl für die Einheitlichkeit des Straßenraumes, einem
langen Korridor uergleichbar, brachte dazu, auf einheit-
liche Behandlung der Strafjenwandungen zu achten. Das
einzelne Haus gab seinen Indioidualismus zugunsten einer
höheren Einheit auf. Viel oon jener Erziehung des oer-
gangenen Jahrhunderts wirkte in Parisnach; noch 1861—74
wurde in der Rrt das ganzeViertel der Oper bebaut, und erst
die jüngste Zeit hat an dem gefährlichen Versuche des Indi-
oidualisierens Gefallen gefunden. Ganz einheitlich sind die
Blockfassaden des Eours St. Andre in Rantes (ein Stück der
bereits 1726 angelegten Promenade) durchgebildet oder
werden noch heute so weiter ausgebaut (Rbb. 15). Die
UJitte der Blockfassade ist durch ein leichtes, giebelge-
schmücktes Risalit angedeutet, ohne daß diese Teilung sich
auf das fiausinnere übertrüge. Die Wirkung der ge-
schlossenen Wandung kann, wie ein Teil der Place d’armes
oon Douai (Rbb. 22) zeigt eine Stadt, die ähnlich wie
Arras reich ist an schönen Beispielen geschlossener Block-
bildung bereits mit einfacheren lllifteln erreicht werden.
Gleiche Geschoßhöhen, durchlaufende Sims- und Virstlinien
genügen, wechselnde särbe und oerschiedenes material
wirken nicht nachteilig.

Geschlosfene, regelmäßige Wandungen zeigen fast stets
die großen Straßendurchbrüche, wie in Tours die Rue
Rationale, in Orleans die Rue Royale, beidemal im An-
schluß an eine neue Roirebrücke, deren Bewegungsrichtung

durch den Stadtkern hindurchtragend. Die leßte Straße
ist nach den Plänen oon Hupeau 1750—70 ausgebaut.
Verlchiedentlich sind die sassaden nur alten Gebäuden oor-
gelegt, ohne mit ihnen zusammenzustimmen — man wollte
nicht allzulange warten. Orleans bietet ferner mit der erst
1833 41 senkrecht gegen die Kathedrale durchgebrochenen

Rue Jeanne d’Arc noch ein Beispiel aus späterer Zeit, die
Idee zu diesem Durchbruch geht aber schon ins Jahr 1777
zurück (Rbb. 17). llJag man hier oon Schematismus
sprechen, so ist diesem doch Wohlanständigkeit nicht ab-
zusprechen. Gegen die Kathedrale zu weitet sich die
Straße, ihr Idlotia durchführend, zum rechteckigen Vor-
plaß (Rbb. 20). Versailles baut in seinem älteren Teil
seine Straßen ganz mit diesen schlichten Wänden hoch, sie
nur an beoorzugten Stellen reicher ausbildend (Rbb. 13).

Die Rue de Riooli in Paris (Rbb. 18) gibt ein Beispiel
einheitlicher Blockbildung um 1800. Die fette Wand der
Häuser ist für alle Cockerheit des Tuileriengartens der
schönste Kontrast. Eine geschorene Baumhecke bildet die
Überleitung zur freieren Dafür.

Besondere Stellen dieser gleichmäßigen Straßen werden
heroorgehoben, so ihr Beginn gegenüber der Brücke
(Rbb. 19 und 21), ebenso ihr Auslauf in einen Plaß. ln
Orleans beachte man die gule Überleitung zu den seitlich
sich anschließenden sassaden durch Fortführung der Simse.

Korrektur- und Fluchtlinienpläne mit Angabe der be-
deutenden Baulichkeiten werden oerschiedentlich gefordert
und auch bearbeitet. Einer der schänsten ist der Plan
general de la oille de Paris oon Verniquet, der 1791
oollendet wurde. „Rien n’est plus sage que de tracer
sur un plan general les embellissemens ä desirer et dont
les lieux sont susceptibles, quoiqu’ils ne puissent etre
executes que dans une longue suite d’annees. Si an aoait
suioi cette methode dans les grandes oilles, an ne oerroif
pas tant d’ouorages publics et particuliers qui forment
un ensemble decousu, et dont les dioerses parties n’ont
ni accord, ni unite, ni correspondance.“ Das gilt ganz
für unsere Zeit. Die ausführlichen Bedingungen eines
Bebauungsplanwettbewerbes sind im Januarheft der Gazette
de Trance abgedruckt. Es handelt sich um Vorschläge für
St. Petersburg. In kluger und auch heute empfehlens-
werter Erwägung forderte man zwei gesonderte Entwürfe:
einer sällte sich möglichst an das Begehende halten, ein
zweiter dürfte sich oolle Freiheit der baulichen Phantasie
gestatten.

Das starke Selbstbewußfsein den Ceistungen oergangener
Zeit gegenüber nimmt nicht wunder, und mit stiller Resig-
nasion mag der Architekt denken, es wäre besser für uns,
eine so selbstbewußteBaukunst zu haben, anstatt jedes kleine
Zeugnis der Vergangenheit sorgsam zu bewahren. Sa er-
klärt es sich, daß der Architekt älteren Bauwerken wenig
ehrfürchtig gegenüberstand. Ulan war nicht in die „schöne
alte Stadt“ oerliebt, sondern sah hier mehr „un amas de
maisons entassees pele-mele sans sisteme, sans ceconomie,
sans dessein“, den es architektonisch durchzugestalten galt.
Trat man aber einmal einem wirklich gewaltigen Werk
gegenüber, so diktierte jenes so überaus fein entwickelte
Gefühl für Zusammenhänge und Beziehungen einer großen
Situation die sorm der Reuanlage. Die sich als Eingang
der Stadt Ehartres weit öffnende Place du Ehätelet(Abb. 23)
wirkt wie eine ruhige, niedrige Balis für die emporstreben-
den UJassen der wunderoollen Kathedrale.
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