Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

Seite: 35
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architektonische_rundschau1912/0045
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
1912

ssrchitektonische Rundschau

Seite 35

zeigt den bekannten geschachtelten Grundriß der nieder-
sächsischen Dorfkirchen des 12. und 13. Jahrhunderts;
im Weiten ein breitgelagerter schlichter Turm, nur mit
halbrundbogigen Schallöffnungen der Glockenstube im
obersten Turmgeschoß öersehen, daran anschließend in
der Breite des Turmes das Kirchenschiff mit darauf
folgendem, etroas eingezogenem Chor. Rach der Gin-
führung der Reformation in Hehre rourde die Kirche
nach Osten zu erroeitert.

Zur Reformationszeit gehörte Hehre zum Amte Campen,
das einen Teil der Bettungen des Braunschroeigisch-Hüne-
burgischen Welfenhauses bildete, mährend die benachbarte
Stadt Braunschroeig der älteren, Walfenbüttelschen, Hinie
Derblieben mar. Da Herzog Crnst üon Hüneburg, der
Bekenner, der Reformation zugetan mar und bereits 1527
die neue Hehre in seinen Händen eingeführt hatte, sa ist
auch das Kirchdorf Hehre oerhältnismäßig früh zum
Protestantismus übergetreten, zumal die benachbarte Stadt
Braunschroeig bereits 1528 dem Beispiele Crnst des Be-
kenners folgte, obgleich Herzog Heinrich der Jüngere in
Wolfenbüttel die Cinführung der neuen Hehre in seinen
Gebietsteilen zu hindern suchte.

Der erste protestantische Prediger, Persiel, nahm die
(crroeiterung der Kirche nach Osten uor; die Ostmand mit
der Apsis rourde abgetragen und das Gebäude etroa um
ein Drittel oerlängert. Der Chor rourde in der Breite des
alten Chors halbkreisförmig geschlossen und das Innere
mit großzügigen spätgotischen Ornamenten oermalt.

Im Dreißigjährigen Kriege rourde die Kirche stark be-
schädigt, nach Beendigung desselben aber roieder her-
gestellt. 1649 rourde das Derfallene Dach abgenommen,
rourden die lllauern durch IReister Christoffer aus Weddel
ausgebessert und erheblich erhöht, um eine Westempore
einbauen zu können.

Im Innern rourde die flache Balkendecke 1652—1655
durch den Kalkschneider Otto Horenbostel aus Celle für
„80 Taler und Cssen und Trinken“ mit Stuck oerziert; die
Wände rourden mit figürlichen und ornamentalen Dar-
stellungen öersehen, nachdem üorher schon neue Glocken
und ein Taufstein, eine Stiftung des um die Wiederher-
stellung der Kirche oerdienten Pastors Bernhard Hasdorf,
1650, beschafft, auch Kanzel und Rltarroand eingebaut
roaren.

Der Cinbau der Rordempore erfolgte im 18. Jahr-
hundert, unbekümmert um die Wandmalerei uon 1655.
Wahrscheinlich ist diele aber damals schon abgängig und
übertüncht geroesen. Die Wandmalerei oom Jahre 1655
läßt erkennen, daß sie unter dem frischen Cindruck der
Beendigung des oerheerenden Krieges und des Friedens-
schlusses zu Osnabrück und IRünster entstanden ist. Rn
den beiden durch die Crroeiterung nach Osten abgeschrägten
Schiffspfeilern rourden in Hebensgröße die Standbilder
ITlartin Huthers und Philipp Rlelanchthons angebracht, Don
denen das erstere durch den Cmporeneinbau zerstört ist.
ITlelanchthon ist im pelzoerbrämten Rocke mit der Bibel
in der rechten Hand dargestellt, auf einem Brette Behend,
das oon einer Kartusche getragen roird mit dem Bibel-
spruche: „In Christo Jesu gilt der Glaube, der durch die
Hiebe tätig ist. Gal. 5 u. 6.“

Die Fenster sind oon einem Barockornament in so-
genanntem Hobelspänenstil eingesaßt, auf jeder Seite oon
unisizierenden Cngeln flankiert.

Zeigt die Rusmalung auch nicht mehr die Farbenfreudig-
keit früherer Jahrhunderte, so oerdient sie doch als rein
protestantische Kirchenmalerei immerhin einige Beachtung,
zumal die Zeichnungen der figürlichen und ornamentalen
Teile eine künstlerischeHand oerraten, roas um so auffälliger
ist, als es sich hier nur um eine kleine, einfache Dorfkirche
handelt und die Cntstehungszeit unmittelbar nach dem
Dreißigjährigen Kriege der Cntfaltung künstlerischer Tätig-
keit nicht günstig roar.

Cinen roeit größeren Farbenreichtum zeigen die Fül-
lungen der Cmporenbrüstungen, obgleich sie einer noch
späteren Zeit angehören.

Die Darstellungen sind in herkömmlicher Weise der
biblischen Geschichte (Crschaffung der Goa, Sündenfall,
Geseßgebung, Verkündigung, Geburt Christi, Beschneidung,
Kreuzigung, Grablegung, Ruferstehung, Himmelfahrt, Rus-
gießung des heiligen Geistes, Christus im Tempel, die
Taufe, die Beichte, das Rbendmahl, die Verleumdung, das
Weltgericht und die Verdammnis) entnommen und zum
größten Teile in typischer Darstellung gehalten. Rur die
Darstellungen der Beichte und der Verleumdung roeichen
daüon ab; erstere zeigt uns den Innenraum der Kirche
in Hehre mit der Rusmalung Dom Jahre 1655 und den
Prediger Dor dem Rltare auf dem Stuhle sißend, roährend
ein ITlann oor ihm auf den Knien liegt und beichtet, die
Angehörigen aber im Hintergründe der heiligen Handlung
roarten. Ganz abroeichend oom hergebrachten Typ ist die
in der aufgeführten Reihenfolge selfene Darstellung der
Calumnia, der Verleumdung. Rechts oom Beschauer die
Verleumder in Bauerntracht mit dem Teufel an der Spiße,
links an einem oerhängten Tische, auf dem ein Weinglas
steht, ein Gdelmann mit seiner Familie, offenbar die Ver-
leumdeten, roährend in der Rütte eine in Weiß gekleidete
roeibliche Gestalt, der ein Teufelchen mit feuriger Zunge
zugekehrt ist, gen Himmel zu schroeben scheint; eine Hand
aus den Wolken reicht ihr in Gestalt eines Kranzes den
Preis. Gine über den Tisch gebeugte bärtige Gestalt ist
schroer erkennbar; möglich, daß dies der Verleumdete und
das Haupt der dargestellten Familie sein soll. Jedenfalls
ist die Darstellung ganz eigenartig. Die Bilder sind nicht
alle oon gleichem künstlerischem Wert, oerraten aber doch
in jedem Falle eine mehr als handroerksmäßige Hand.
Die betten sind die heben ersten (bis zur Kreuzigung), die
zum Teil eine besondere künstlerische Auffassung bezeugen.
Die auf den Bildern an der Rordempore dargestellten
Personen sind zum Teil im Kostüm des 17. Jahrhunderts
dargestellt, so daß die Vermutung berechtigt sein dürfte,
daß der oder die Künstler ältere Vorlagen, Stiche oder
Holzschnitte, bei ihren Darstellungen benußt haben. Bis
jeßt hat es noch nicht gelingen roollen, solche Vorlagen
aufzufinden. Die Wand- und Gmporenbilder, die bei einer
Instandseßungsarbeit in der Kirche unter der Kalktünche
zum Vorschein gekommen roaren, sind oon den IRalern
Quensen und Gottroaldt in Braunschroeig roiederhergestellt.

Das mit seinen malerischen Zroillingstürmen roeit in
das Hand hineinsehauende Kirchlein ist durch die Ruf-
findung und Wiederherstellung der Klalereien im Innern
eine beachtensroerte Perle in dem Kranz der alten Dorf-
kirchen des Herzogtums Braunschroeig geroorden, dessen
sich jeßt auch die Kirchengemeinde, die den Abbruch der
alten und den Reubau einer größeren Kirche geroünseht
hatte, beroußt geroorden ist.
loading ...