Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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ssrchitektonische Rundschau

1912

Baukeramik aus der Grofjherzoglichen ITlanufakfur

in Karlsruhe in Baden.

Von Professor Karl Widmer in Karlsruhe.

Hierzu Tafel 127—129.

Die Keramik spielt in der abendländitchen Baukuntt
als dekaratines ITlaterial ertt in der RenaiiTance eine
größere Rolle. Huch in der folgenden Zeit konnte
tie rieh auf der künttleritchen Höhe, die tie in der Robbiaten-
zeit erreicht hatte, nicht halten. Schon in der Delfter
Flieteninduttrie hat tie den Charakter einer richtigen Han-
delsroare non höchst betcheidenem Kunttroert angenommen.
Immerhin itt es noch Handroerk. Crtt im neunzehnten
Jahrhundert itt die alte Fliesenkuntt ganz in der matchinen-
mähigen llJattenfabrikation für rein praktische Zroecke
(Küche, Badezimmer utro.) untergegangen.

Die Beroegung, die in unterer Zeit das Kuntthandroerk
roiederzu beleben sucht, hat aber auch der Keramik, die dabei
eine Hauptrolle spielte, ihre künstlerische Bedeutung roieder
nertchafft. ln Frankreich hat der Bildhauer Carries das
Geheimnis entdeckt, ein dem japanischen ebenbürtiges Stein-
zeug oder Gres herzustellen und damit den gebrannten Ton
mieder zu einem mittel der höchtten künttleritchen Huf-
gaben gemacht. Huf Grund dieter Technik hat tich hier
auch die Baukeramik im großen Stil entmickelt. Während
man tich aber in Frankreich technisch und damit auch
kolorittitch im roetentlichen auf die Weiterentwicklung des
Steinzeugs beschränkte, ging man in anderen Cändern,
namentlich in Deuttchland, non den reicheren Quellen der
abendländitchen TiTajolikakunst aus. Teils mar es die in der
Bauerntöpferei noch fortlebende einheimitche Handmerks-
kuntt, die man künstlerisch neu befruchtete, teils mar es
die Fayencekuntt der italienischen und deuttchen Renais-
tance, an deren Stil und Technik man anknüpfte. Von
dietem Weg itt auch die Gründung der Grofjherzoglichen
niajolikamanufaktur in Karlsruhe ausgegangen.

lieben dem Ziergerät murde in der ITlanufaktur non
Hnfang an auch für die unmittelbaren Hufgaben der Archi-
tektur gearbeitet. Supraporten und dergl. an modernen
Wahnhäutern in Karlsruhe zeigen, mas für ein künstlerisch
dankbares und tolides material die Tonfliete für farbigen
Fattadentchmuck itt. Cine der ältetten Arbeiten, die aus der
ITlanufaktur hernorgegangen sind, itt der tchöne Pfauen-
fries, den Wilhelm Süs für den Cingang zum alten Htelier-
gebäude komponiert hat. ln der roeiteren Cntmicklung der
ITlanufaktur trat dann die Baukeramik immer mehr in den
Vordergrund.

Dazu maren aber mancherlei Crmeiterungen des künst-
lerischen und des technitchen Betriebs nötig. Wichtig mar,
dali aufjer den malern Wilhelm Süs, Hans Thoma u. a.
auch tüchtige Bildhauer mie niaximilian Würtenberger, Kon-
rad Taucher und Hermann Binz in den Kreis der engeren
mitarbeiter eintraten. Damit konnte au^er der Flächen-
kuntt auch die dekoratiue Plattik in den Dienst der Bau-
keramik gettellt roerden. namentlich durch Taucher an-
geregt, murde auch die Bearbeitung des Steinzeugs ein-
geführt. Huch das mar für dieCeittungssähigkeit der ITlanu-
faktur gerade aus baukeramitchem Gebiet non großer Bedeu-
tung. Die ITlajolika in ihren gröberen und feineren Formen

non der Bauerntöpferei bis zur Fayence bietet mit ihrem
marmen Ton ein unnergleichliches material für die Zroecke
des Innenraums als Ofenkachel, Wandfliete und dergl.;
dagegen itt ihr roeicher Scherben und ihre gegen Kälte und
Feuchtigkeit empfindliche Glatur den zerttörenden Ginflütten
unteres Winters im Freien auf die Dauer nicht gemachten.
Dafür itt das metterfette material des Steinzeugs um to
geeigneter für die Zroecke der Hu^enarchitektur, mie über-
haupt für alle Arbeiten, die dem Wetter ausgesetjt sind.

Bei den betchränkten Raumoerhältnitten im alten Htelier-
gebäude mar indetten die baukeramitcheTätigkeitder ITlanu-
faktur in den ertten Jahren aus Gegenttände non kleinerem
Umfang.— Flietenbilder, Öfen, Wandbrunnen und dergl.
angeroieten. An architektonitche Aufgaben großen Stils
konnte ertt gegangen roerden, als nor drei lahren ein Reu-
bau bezogen rourde, der mit seinen Ginrichtungen räumlich
und technisch allen Anforderungen für die Ausführung der-
artiger Werke enttpricht. Damit trat die Baukeramik öollends
in den RJittelpunkt der künttleritchen Produktion. Gnt-
tprechend der Bedeutung der Sache rourde jefjt auch ein
Architekt (Hans Gro^mann) als künttlerischer Berater und
mitarbeiter angettellt. Die IJJanufaktur konnte jeljf ihre
Ceittungsfähigkeit gleich an einigen großen Aufträgen er-
proben. Der größte dertelben roar die Austtattung einer
großen Schwimmhalle im kürzlich oollendeten Berliner Ad-
miralsgartenbad. Das Bad itt im Sinn der römitchen Thermen
ein großes Cuxusbad, in dem die Kultur der modernen Welt-
ttadt einen künttleritchen Ausdruck findet. Vom Belag des
Battins biszumbildhaueritchen Schmuck der Wändegingalles
aus der Werktfätte der manufaktur heroor. Flächenkuntt,
Relief und Vollplattik sind zu einer reichen Kampotition oer-
einigt, deren polychrome Wirkung an dasDekorationsprinzip
pompejanischer Innenräume erinnert. Ähnliche Aufgaben
grofjen Stils sind die Austtattung des Vettibüls der Frei-
burger llnioertität, oon Räumen im Reubau des Hauses
Wertheim u. a.

Die Grofjherzogliche ITlanufaktur itt in den zehn Jahren
ihres Bettehens zu einer der größten keramitchen Werk-
ttätten in Deuttchland angeroachten. Zu ihren HTitarbeitern
gehören Künttler aus allen Teilen des Reiches. Wie tehr tie
tich aber auch äußerlich oergröl^ert hat, an dem künttleri-
tchen Grundtafje ihrer Gründung hat tie fettgehalten. Rur
Grzeugniste der Handroerkskuntt gehen aus ihr heroor. Und
darin liegt die eigentliche Bedeutung ihrer künttleritchen
Aufgabe. So wenig die Berechtigung der niatchinenfliete
für rein praktische Zroecke bettritten roerden kann, fürtolche
Grzeugniste der Keramik, deren dekoratioe Bettimmung in
das künstlerische Gebiet hinübergreift, itt nur das künstlerisch
tchaffende Handroerk am Plafje. Hier findet aber auch
eine Fülle künttlerischer Kräfte, die tich tontt zroecklos oer-
brauchen müfjte, fruchtbare Betätigung im praktitchen
Dienst der Architektur. Gs itt eine Förderung künttlerischer
Kultur, die der Kuntt roie dem Heben in gleicher Weite zum
Ruthen roird.
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