Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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28. Jahrgang Rrchitekfontfche Rundlchau Reff 10

Unfersuchungen über den Charakter der Gebäude.

Cine nerschollene Hsthetik der Baukunst aus dem Jahre 1788.
mitgefeilt oon Otto Voepel, Architekt b.d.a.

mit 2 Abbildungen.

ir lind jeßt endlich so roeit, daß mir die
Baukunst einer Zeit als die Kristallisation
ihres getarnten Kulturinhalts zu betrachten
gemahnt sind. Wir haben eingesehen, daß jede,
auch die allergenaueste Kenntnis der historischen
Cinzelformen steriler Gedächtnisinhalt bleibt, so-
lange es uns nicht gelingt, den Zusammenhang
zmischen ihnen und dem Zeitgeist zu knüpfen, aus
dem sie geboren rourden.

Das Knüpfen dieser Zusammenhänge, das Ab-
leiten der sichtbaren sorm aus den unsichtbaren
geistigen, sozialen und zinilisatorischen Bedingungen
ist die leßte und dankbarste Aufgabe des Histo-
rikers. Wir stehen erst am Anfang dieses Weges,
der zuleßt in die Geisfesroerkstatt des einzelnen
Künstlers führt und uns die Art seines Schaffens
belauschen, uns seine Werke beim Befrachten inner-
lich nachschaffen läßt. Aur seiten und erst hier
und da seit den Zeiten der RenailTance haben
die alten ITleister selber den Schleier gelüftet, der
die Welt ihres ästhetischen Cmpfindens oor den
profanen Blicken der Klasse oerbarg. Als ob sie
eine geroisse Scham gefühlt hätten, oon dem Höch-
sten und Heiligsten zu reden, das man doch nur
selber ahnen und den Beschauer ahnen lassen kann.

So haben ein Alberti, Palladio, Ceanardo da
Vinci, Dürer u. a. bis auf Schinkel und Semper
und oon den Hebenden einKlinger, sriß Schumacher,
Adolf Hildebrand zur seder gegriffen, um ihr künst-
lerisches Glaubensbekenntnis niederzulegen, lind
solche Versuche, das Wesen der Kunst ästhetisch zu
ergründen, können dem Historiker ein mertoolles
Dokument zum Verständnis ihrer Cntstehungszeit
sein. Sie können, darüber hinaus, dem Schaffen-
den späterer Generationen, der nach den einigen
llrgeseßen der Kunst sucht, Cichtstrahlen zur Cr-
kenntnis darbieten.

Cinen solchen zroiefach roertoollen Beitrag
zur Hsthetik der Baukunst am Cnde des 18. Jahr-
hunderts fand ich zufällig in der Bibliothek eines
Vorfahren. Die kleine Schrift*) bereitete mir
höchsten Genufj und gemährte mir in das Bau-
schaffen jener Zeit einen tieferen Cinblick als

*) Der uollständige Titel des Werkchens lautet: Unterluchungen
über den Charakter der Gebäude; über die Verbindung der Baukunst
mit den schönen Künsten und über die Wirkungen, ruelche durch
dieselbe heruorgebracht werden sallen. Theorie der Baukunst. ITtit
Kupfern. Ceipzig, bey Joh. Philipp Haugs Wittroe, 1788. Als mut-
masjlichen Verfasser hat der frühere Besi^er des Buches den bekannten
Architekten o. Crdmannsdorf bezeichnet, doch spricht hiergegen die
zum Teil etwas dilettantische Ausführung der beigesügten Zeichnungen.

alle gelehrten Kunstgeschichten zusammen. sür die
ältere Generation der Kunsthistoriker mar es ja
zudem eine ausgemachte Sache, daß jene Zeit
einen Verfall der Baukunst bedeutete, und man
gab sich deshalb noch bis oor kurzem roenig ITlühe,
sie mirklich zu oerstehen. Crst in den lebten
Jahren hat sich das Empfinden für die außerordent-
lich feine und gehaltoolle sormensprache des
Klassizismus roieder belebt; mir erkennen jene
Cpoche als die leßte roahrhaft schöpferische, die
dann oon einem jahrzehntelangen fast mechani-
schen Kopieren historischer Baumeisen oernichtet
rourde und an die mir heute mieder anzuknüpfen
oersuchen, um den saden der steten naturgemäßen
Cntroicklung roeiterzuspinnen.

Am Cnde des 18. Jahrhunderts murde der
Kampf gegen das absterbende Barock oorroiegend
Don den Akademien geführt. Sie forderten kate-
gorisch die abermalige Rückkehr zu den sormen
der Antike; geroiß häufig in allzu puritanischem
Sinne und unter allzu starker Betonung des rein
Normalen. Aber die srüchte, die diese Bemegung
in den Werken der besten Architekten jener Zeit
trug, roaren nichts roeniger als trockene Produkte
schematischerVerhältnisregeln. Sie lehrte oor allem,
indem sie den Blick an den alten, einig schönen
Gebilden schulte, den geistigen Gehalt der
einfach st en sorm, die Sprache der elemen-
taren Proportionen in Cinie, släche und Körper
oerstehen. Dies ist die llrsache, roarum auch die
einfachsten Bauroerke jener Zeit, an denen oon
antiken sormen nichts angebracht roerden konnte,
einen so einheitlichen und roohltuenden Gindruck
auf uns machen, lind roeil auch gerade mir Heutigen
roieder oon der rhythmisch empfundenen, roohl-
abgeroogenen Gestaltung der einfachsten sorm aus-
gehen, darum mag eineVertiefung in dasCmpfinden
jener Zeit besonderes Interesse bieten.

Der ungenannte Verfasser der ermähnten Schrift
stellt als Ceitsaß auf: daß es die erste Aufgabe
des Architekten sei, in einem Gebäude den seiner
Bestimmung entsprechenden Charakter klar zum
Ausdruck zu bringen. Seine ganzen Ausführungen
sind getragen oon einer außerordentlich schönen
und großen Auffassung oom Wesen der Baukunst.
So oerlangt er oom Architekten:

„Cr studiere die Aatur und die schönen Künste mit
anhaltendem sleiß. Das Studium der llatur roird ihn
für das Crhabene, Prächtige, für das Schöne und Ro-
mantische fühlbar machen; und so roenig dieBaukunst
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