Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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1912

Hrchitcktonische Rundschau

Seite 39

Decke, und die Armut drückt so schwer darauf, daß die
Schornsteine nicht höher steigen konnten.

Die bisher betrachteten Profile haben gleichwohl alle
das Verdienst gehabt, daß sie sehr einfach gewesen sind.
Wenn man dies gehörig schäßen roill, so oergleiche man
sie mit anderen, roo die Profillinie scharfe Hbschnitte
macht. Die unangenehme Wirkung daoon findet man
schon in F. Eine Warnung, kein Gebäude mit einer
Attika zu oersehen, dessen Dach noch eine merkliche Höhe
besißt. Vergleicht man dieses Profil mit ss und B, so sind
folgende Bemerkungen fasf
nicht zu oerfehlen:

1. Es scheint niedriger
zu sein als diese, sogar nie-
driger als B, obgleich sein
Dach nicht leichter profiliert
ist. Das ssuge coird aber
durch den scharfen Winkel in
a sehr schnell oon der Ver-
tikallinie oerschlagen. Daher
die Täuschung, aber auch die
leichte Folge, dafj die schein-
bare Höhe eines Gebäudes
durch dergleichen scharfe ssb-
schnitte ungemein oerliert.

2. Eine so gebrochene
Cinie ist dem ssuge sehr un-
angenehm, und diese Empfin-
dung nimmt uns gegen das
ganze Gebäude ein. Ulan
coird sich schcoerlich bereden
können, daß in F ebenso glückliche und geschmackoolle
Ulenschen coohnen tollten als in B . . .

nichts, dünkt mich, kann die unglückliche Wirkung
eines stumpfen, ängstlichen und oercoickelten Profils an-
schaulicher machen als G, es müßte denn sein Kompagnon
H sein, der hier die Stelle eines sehr durchdringenden
Geruches oertritt, wodurch man Übelkeiten oerhütet. . .
Das Profil der Ulansarde und seinen roidrigen Effekt
kennt man zu gut, als dafj ich nötig hätte, es zu zeichnen.“

In dieser letzten Bemerkung, die coir heute nicht
unbedingt billigen, erscheint die alte Beobachtung be-
stätigt, daf3 man über die soeben übercoundene Kunst-
richtung (in diesem Falle das Barock) am schärfsten und
ungerechtesten aburteilt; und toenn der Verfasser auch
in der Verallgemeinerung seiner subjektioen Empfindungen
und in den daraus gezogenen Schlußfolgerungen oielleicht
bisweilen zu weit geht, so zeugen sie doch oon einem
ganz erstaunlichen Feingefühl, das coir heute bei der
großen Klasse der Bauschaffenden oergeblich tuchen.

In ähnlicher Weise, coie soeben die Wirkung des Daches,
werden sodann die Stellung der Schornsteine, die er gegen
die extremen Klassizisten oerteidigt, die Plinte, die Form
des Grundrisses, die Cinien der Gesimse, Größe und Stel-
lung der Tür und Freitreppe und oor allem der Fenster
eingehend behandelt.

Der zweite ssbsehnitt des Werkes ist den einzelnen Arten
des Eharakters gewidmet, die der Architekt in seinen Gebäu-
den zum Ausdruck bringen kann. Hier werden der erhabene,
der prächtige, der schöne, der ländliche, der romantische,
der edle Eharakter sorgfältig ooneinander geschieden.

Das erhabene Gebäude oerlangt einfache, ruhige,

große Klassen mit oorwiegend oertikaler Gliederung, Ver-
meidung aller Klannigfaltigkeit und Pracht; schwache,
geheimnisoolle Beleuchtung des Innern. Höchste Dauer-
haftigkeit, da die „mahrscheinliche Dauer gleichsam die
Stelle eines schon erreichten Altertums oertritt, indem die
Imagination leicht das Zukünftige mit dem Vergangenen
oermechselt“.

„Ein prächtiges Gebäude seßt uns in Erstaunen; ein
erhabenes tut das weit weniger, sondern seine Haupt-
wirkung ist Bewunderung. Das prächtige zieht das ssuge
jz auf den Reichtum und die

Klannigfaltigkeit seiner Teile,
es überrascht und wird oom
gemeinen Klann angegafft;
das erhabene rührt durch den
Umfang seiner Ausdehnung
und spannt das ssuge an; die
Wirkung der Pracht heitert
uns auf, und wir sind geneigt,
bei einem Anblick dieser Art
laut zu werden; das er-
habene wirkt stille Bewunde-
rung oder sanfte Schwermut.“
Bei einem prächtigen Gebäude
ist der architektonische Reich-
tum angebracht, der aber
oon bloßer Klannigfaltigkeit
sehr oerschieden ist. Kost-
bares lllaterial, Säulenstel-
lungen und reicher plastischer
Schmuck.

Bei der Definition des eigentlich s ch ö n e n Eharakters
„darf man nicht geradezu dem Sprachgebrauch folgen;
denn oft nennt man ein Gebäude schön, wenn man es

prächtig, groß und erhaben nennen tollte. Zuweilen

wird auch ein Gebäude schön genannt, wenn es frische
Keller hat und oiel miete trägt. Dieser Gedanke leistet
zwar nicht alles, was man erwartet, aber er zeigt doch,
daß man die Schönheit eines Gebäudes auf Rußen oder
Bequemlichkeit bezieht, und wer diesen Gedanken fest-
hält, ist auf einem weit richtigeren Wege als oiele Bau-
meister, die ihn allein aus gewissen Verhältnissen herleiten“.

„Darüber wird man indessen mit mir einig sein, daß
ein schöner Gegenstand weder Erstaunen noch Bewunde-
rung erregen toll und daß also ein schönes Gebäude keine
starke Sensation machen darf. Daher sind große Klasfen
und jede Art oon Pracht diesem Eharakter äußerst zuwider.

Das eigentümliche Kennzeichen der Schönheit ist aber
das Anziehende oder der Reiz. Eine Eigenschaft, die
noch niemand erklärt hat, die auch ihren ganzen Wert
Derberen würde, wenn sie erklärbar wäre. Wo sie ist,
fühlt sie jedes Herz, aber sie heroorzubringen ist das
Höchste der Kunst.

man lasse die Tausende oon Ulenschen ihren Weg
ruhig oerfolgen oder ihn schnell durchlaufen. Diese
Wege mögen sich noch so weit ooneinander entfernen,
wir werden bald sehen, daß alle die Tausende bei einem
gemeinschaftlichen Ziele zusammentreffen. Rur kommen
einige früher an, einige später; oielleicht erreichen es
einige nie; aber sie waren gewiß auf dem Wege dahin.
Und dieses Ziel, wobei wenigstens die Wiinsche aller
ITlenschen zusammentreffen, ist Ruhe.

Rbb. 1.
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