Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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28. Jahrgang

Rrchifekfonikhe Rundschau

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ssbb. 1. Verona, Piazza 6rbe. Schnitt ö—H.

Plafj und Turm.

Von Dr.-Ing. Curt Bieder in 0’sen.

mit 15 Hbbildungcn nach Hufnahmen und Zeichnungen des Verfassers.

Die Sfadtbaukunst roird durch eine blofje Zusammen-
Itcllung ungleichroertiger Hlassen noch keine künst-
lerische Wirkung erzielen; eilt roenn diele zueinander
in Beziehung gebracht sind durch sinngemäsjen Konfrast
und Rhythmus und lieh in ihrer Wechselroirkung im
öleichgeroicht halten, tritt Harmonie ein. Die gut aus-
balancierte ITlatsenoerteilung roird dann ein ausdrucksnolles
Cinienspiel erzeugen, das lieh wiederum in Kontrasten äußert.
Diete Ausdrucksprinzipien, die die Stadt in ihrem Gesamf-
bilde zu roahren hat, müssen auch bei ihren Cinzelgebilden,
also zum Beispiel bei den Plat]gesta!tungen, roiederkehren.

Karl Hocheder unterscheidet in seiner Abhandlung
über „Baukunst und Bildroirkung“ drei Arten uon Einien-
oder Richtungskontrasten:

1. Cinienkontraste im Wechsel der Silhouetten,

2. Richtungskontraste im nertikalen Sinne,

3. Richtungskontraste im horizontalen Sinne.

Die geometrischen Schnitte durch die Plätze mit den An-
sichten der Wandungen ueranschaulichen die beiden ersten
Kontrastarten, roährend diePerspektioe und im geroissen Sinne
auch der Grundrisj für die dritte Art in srage kommen.

Bei den Plätjen roerden die Silhouetten der Plafjroan-
dungen zur Erzeugung non rhythmischen Kontrasten einen
geroissen Einienflusj aufroeisen miissen. Dabei ist für die Ge-
samtbildroir-
kung roich-
tig, dafj jede
Platjroand
möglichst
eine ein-
zige roirk-
s a m e Sil-
houette
liefert und
nicht durch
zu breite
Strasjen-
mündungen
in mehrere
für sich zur
Geltung
kommende
Teilsilhouet-
ten zerfällt.

In Abb. l
(oergl. auch
Abb. 2) ist

die eine Eängsseite der Piazza Erbe in Verona geometrisch
dargestellt. Wir beobachten ein äusjerst beroegtesOnienspiel,
entsprechend den oielen Häusern, ein Auf und Ab in slüssigem
Takt, roährend die gegenüberliegende Pla^roand (Abb. 3)
ein anderes Tempo ansehlägt. Horizontale (die ruhige

Tinie der Dächer) und Vertikale (der geroaltige Turm) treten
hier in ein einfaches, aber um so roirkungsnolleres Wechsel-
spiel. Die Dachaufbauten erzeugen interessantelllodulationen.
Die beiden Tängsseiten der Piazza dei Signori in Verona
und Vicenza (Abb. 4, 5 und Abb. 6, 7, 8) zeigen den ent-
sprechenden Wechsel der Silhouetten. Der roirksame Unter-
schied roird in allen diesen sällen ganz besonders eindringlich
durch die Türme herbeigeführf. Der Sfadtbau hat schon
non jeher in seinen Wirkungen den Türmen sehr oiel zu uer-
danken. Die Türme sind zuerst aus reiner Zweckmäßigkeit
entstanden. Sie haben bei den Verteidigungsbauten der alten
Kulturnölker eine heroorstechende Bedeutung. Derartige B e -
festigungstürme finden roir bei denBurgen des mittel alters
wieder, die soroohl in der Stadt selbst roie auch uon außerhalb
das Stadtbild roirksam beeinfluljten und mit den Wehrtürmen
der StadtmauerTrut3 und Schutj nerkündeten. Ihnen schließen
sich die rounderoollen alten Tortürme an.*)

Seit der Zeit Konstantins begannen die Gotteshäuser
die Türme für ihre Zwecke zu oerroerten. Die Glocken-
fürme erschienen zunächsf getrennt non der Kirche, um
dann auch später mit ihnen fest nereinigt zu roerden.

Immer neue Turmarten sind im Taufe der Zeit aufge-
taucht; roir finden Uhrtürme, Rath ausf ü rme, Denk-
malstürme, non denen namentlich in neuesterZeit die Bis-
marcktürme,
für die Wil-
helm Kreis
einen Typus
geschaffen
hat, den
Städten in
ihrer Umge-
bung einen
Alarkstein
gegeben ha-
ben.

Die mo-
derne Stadt
hatdurch die
Türme für
roissensehaft-
liche Beob-
achtungen,
namentlich
aber durch
die Wasser-
türme in

ihre Physiognomie markante Züge eingegraben. Durch die
Wucht eines einfachen Wasserfurmes können die Wohnhäuser-

*) Über die Cnfstehung und Sonn uon Türmen seit der Antike
uergl. das tresfliche Werk uon H. Thiersch, „Pharos“ 1909. (Ceipzig
und Berlin, bei B. ö. Teubner.)

ssbb. 2. Verona, Piazza Crbe und Piazza dei Signori.
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