Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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28. Jahrgang Hrchifekfonische Rundschau fieff 12

Grofjsfadf und Kleinhaus.

Von Dr.-Jng. Alexander sormer, Regierungsbaumeister in Braunschcneig.
Hierzu Tafel 165 und 1 Abbildung im Text.

Die Kulturprobleme der Gegenwart sind mehr
oder roeniger Grofjhadtprobleme, sie sind ge-
kennzeichnet durch den Übergang Deutsch-
lands oom Agrar- zum Industriestaat und die hier-
durch beroirkte neue Schichtung unterer Beuölkerung.
Die Entwicklung der Industrie und des Handels be-
dingte die Heranziehung ständig machsender großer
JTlenschenmasfen, für deren Hnsiedlung Sorge zu
tragen mar. Die Cösung dieser Rufgabe, die Wohn-
uerhältnisse neu zu ordnen, rourde bedingt durch
die Rnschauungen des wirtschaftlichen Indioidualis-
mus, der die freie Betätigung des Indioiduums
forderte. Die non ihm geschaffenen Einrichtungen
des Grundbuches, des sluchtliniengesehes und der
Baupolizei führten zur ITlietskaserne, die damals
allgemein auch im Kleinroohnungsroesen für die
richtige Wohnform gehalten rourde, und die dann
oon Berlin aus ihren Siegeslauf durch die meisten
deutschen Gro^städte nehmen tollte. Die damals
geschaffenen Bebauungspläne rourden beherrschf
DOn den Gesichtspunkfen der Strafjenpflaherung,
der Wasserleitung und der Kanalisation; damit
glaubte man dem Wohnen und seiner Hygiene
Genüge geleistet zu haben.

Der Grundrifj der ITlietskaserne mit seinem
Vorder-, Seiten- und Quergebäude ist roohl ge-
eignet zu herrschaftlichen Wohnungen, für die Klein-
wohnung jedoch ist er untauglich und auch nicht zu
oerbessern. Die ITlietskaserne bietet den kleinen
Ceuten keine „Wohnungen“, sie ist hier zum Unter-
kunftsspeicher für Ceberoesen geroorden. Die Be-
hausungsziffern non Breslau mit 52, non Charlotten-
burg mit 65 und Berlin mit 77 Cinroohnern auf ein
Gebäude sprechen hier Bände. Der ITlangel der Be-
lichtung und das sehlen der Querlüftung sind nicht
zu ändern, da es bautechnisch unmöglich ist, jeder
Kleinwohnung senster nach zroei entgegengesehten
Richtungen zu geben. Die hierdurch entgehende
schlechte, uerdorbene Cuft ist nur schroer zu ent-
fernen, die Tuberkulose und die geringe ITlilifär-
tauglichkeit der Grofjhädte stehen hiermit in Zu-
sammenhang. Durch die ITlietskaserne ist das
Privateigentum am Boden aufgehoben, dieser ist
zum Spekulationsobjekt einer kleinen ITlinderheit
geroorden.

Jn Berlin, dem Eldorado der ITlietskaserne,
sind noch nicht 3 ü/o der Einwohner Hausbesitjer,

roährend in Bremen, einer Stadt mit niel Klein-
häusern, rund 50 u/o Hausbesiher sind. In sozial-
politischer Beziehung ist aber eine ausgedehnte
Beteiligung des JTlittelhandes am Hausbesih nur
erroünscht, da in ihm eine Haupttriebkraft zum
Weiterstreben zu sehen ist. Die äußere unpersön-
liche Erscheinung der ITlietskasernen läljt sich
hieraus erklären. Endlich erzwingt die ITliets-
kaserne die hohen Bodenpreise bei prinatgeroerb-
licher Bautätigkeit, denn der Bodenpreis ist doch
der kapitalisierte, gegenwärtige oder zukünftige
Ertrag des Grundstückes, roelcher oon der zu-
lässigen Bebauung abhängig ist. Cntscheidend
für ihn sind in erster Cinie die Einnahmen aus
den mieten und nicht die durch die Erhellung
des Hauses erroachsenden Kotten, sür das Bau-
gewerbe ist Stockroerkshäufung nach den sor-
schungen oon sabarius, Wolff, Wei^ und anderen
auch nur bis zum dritten Geschofj lohnend, das
oierte Geschofj bringt schon eine Zunahme der
Kotten.

Diese hygienischen, sozialen, mirtschaftlichen
und bautechnischen Clachteile der mietskasernen
haben die Kleinwohnungshäuser nicht, sie hellen
oielmehr untere idealhe Wohnform dar. In ihnen
finden wir nicht die oerunreinigte Cuft, sie sind
ganz besonders geeignet zur Rusbreitung des
Besit^es in weiten Volksschichten. Damit dienen
sie dem Ausgleich der sozialen Gegensähe und
der sörderung des sozialen sriedens. Endlich hält
eine Bauordnung, die Kleinhäuser oorschreibt, den
Bodenpreis niedrig.

90 % unterer Beoölkerung haben eine Einnahme
oon roeniger als 3000 111. und sind infolgedessen
auf die Kleinwohnung angemiesen. Wäre es da
nun nicht richtig, diese Kleinwohnungen in Klein-
häusern zu erhellen? Im allgemeinen wird man
darauf antworten: Kleinhäuser sind in Grofjhädten
nicht möglich, da ja die hohen Bodenpreise oor-
handen sind, und diese Iahen das niedrige Bauen gar
nicht zu. Ist dem nun wirklich so? Wir können
darauf mit „Rein“ antworten, denn selbst Boden-
preise oon 30 bis 50 hl. pro Quadratmeter Iahen
noch bei geeigneter Rnlage des Bebauungsplanes
Kleinhäuser zu, wenn nicht ausschliefjhch, so'doch
menighens in Verbindung mit JTlietshäusern, und
zwar in der sog. sorm der „gemischten Bauroeise“.
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