Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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Das Ratscafe in Bremen.
Architekt: Rudolf Jacobs, B.D.R., in Bremen.

Dem Bremer JTlarktplafje drohte die schwere Gefahr, daf] durch
lJeubebauung des bisher mit unseheinbaren alten Häusern bestandenen
Blocks zroischen dem Kaiser-Wilhelm-Plafz und der engen Sleischstrasje
das Gcsamtbild gerade an der roichtigsten Stelle neben dem Rathause
und am Kaiser-Wilhelm-Platje schroer geschädigt, das Rathaus selbst durch
den Ileubau gedrückt und durch die „aus Verkehrsrücksichten“ geforderte
Verbreiterung des eingangs zur Obernsfrasje die Geschlossenheit des Platz-
bildes mit den engen Stral^eneinmündungen an den Ecken durchbrochen tnerde.

Schon uor etroa zehn Jahren, als noch kein „Verunstaltungsgesetj“
Handhaben zur Verhütung solcher Gefahren bot, entschlossen sich deshalb
Senat und Bürgerschaft, die fraglichen Grundstücke zu erroerben und ohne
Rücksicht auf die möglichste Crtragsfähigkeit im beiten Sinne künstlerisch
neu zu bebauen.

Gin dafür ausgeschriebener Wettbewerb, sür den ein Laubengang
am Kaiser-Wilhelm-Plat] und Anpassung an den historischen Charakter der
Umgebung gefordert rnaren, blieb erfolglos; aber er zeigte erst recht
deutlich die Gefahren, die in der ITlassenroirkung eines einheitlichen Ge-
bäudes oon solcher Gröfje, oor allem aber in der rtachahmung der
Bauformen des Rathauses für dieses selbst drohten. Ulan erkannte die
Flotroendigkeit, den langgestreckten Baublock in drei Giebelhäuser zu zer-
legen, die sich im JTlas^stabe und Charakter der alten Bremer Bürgerhäuser
dem Rathaus entsprechend unferordnen liesjen. Daraufhin rourde 1904
ein zweiter Wettberoerb ausgeschrieben. Aber auch nach diesem toar die
?rage noch nicht oollkommen gelöst. Der anfängliche Beschlusj der Bürger-
schaft, diele Dreiteilung nur im ssul^eren durchzuführen und als Kulisse
einem im Innern einheitlichen Bau oorzuhängen, konnte glücklicherrueise
durch die Bestimmung des Gebäudes für einen grosjen Wirtschaftsbetrieb

Crdgelchosj

FLEISCH-STRASSE

GROSSE-

DIELE:

KÜCHE.

LÜB5CHE STUBE

ClOORREN-
LADEN .

SCHENKE

MARKT-DIELE.

1 ARKADEN -GANG

ARKADEN

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G.


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KAISER-Wilhelm-PLATZ .

durch den Wechsel der Sormen und des ITlaterials betont, das dem Rat-
hause am nächsten stehende Eckhaus ist am einfachsten gehalten und durch
dessen roeitoorspringenden, dreigeschossigen Crker der Einblick in die Obern-
strafje besonders reizooll gestaltet.

Im Innern ergab der Cinbau gut erhaltener Teile aus dem in-
zwischen abgebrochenen Hause Hinterm Schütting 8 und der Stöoesandt-
schen Diele oom Geeren in den beiden Cckhäusern die Dreiteilung, lieben
der ersferen ist die Einrichtung eines Zimmers aus Lübeck mit prächtigen
Wandbildern als Lübsche Stube eingebaut, neben der letzteren die alte

rageplan.

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30 W 50 60 m

Küche, deren Wände mit holländischen sliesen belegt sind, und an der
Ecke ein gut eingerichteter Zigarrenladen. Der llliftelbau enthält die Haupt-
treppe nebst Sahrstuhl, daneben die Schenke und dahinter die sür den Wirt-
schaftsbetrieb erforderlichen Räume.

ln den Obergeschossen liegt nach dem markte zu der geräumige Kamin-
saal, so benannt nach dem dort aufgestellfen herrlichen Sandsteinkamine

1. Obergdcholj.

umgangen werden, der uerschiedenartige Räume erfordert, ja sogar un.
schwer oerschiedene Stockwerkshöhen in den einzelnen Teilen zuläsjt.

Der Gedanke fand eine geschichtliche Begründung darin, dasj bis
zum Jahre 1685 im Eckhause am markt ein Weinhaus bestanden hatte.
Seine Durchführung gab oor allem die Kläglichkeit, hier zahlreiche im Belize
des Bauamtes und des Gewerbe-niuseums befindliche höchst wertoolle Bau-
teile — ganze sassadenstücke sowohl als Raumausstattungen — einzubauen
und so in anschaulichster und nutjbringendster Weise dem Heben mieder-
zugeben. Das war inzwischen auf Anregung des Vereins für niedersäch-
sisches Volkstum an anderen Stellen mit beitem Erfolge geschehen und zeigte
einen damals doppelt willkommenen und gerade an dieser Stelle wohl auch
besonders gerechtfertigten Ausweg, eine Stilnachahmung im Sinne der
lebten Jahrzehnte zu oermeiden, ohne das Wagnis eines Versuchs mit
einer noch nach Gestaltung ringen-
den, oöllig neuen sormensprache.
mit hingebender Sorgfalt und
feinfühligem Verständnis ist der
mit der Ausführung betraute Ver-
fasserdes im zweiten Wettbewerb
mit dem ersten Preise ausge-
zeichneten Entwurfs, Architekt
Rudols Jacobs, dieser äusjerst
schwierigen städtebaulichen und
oormiegend denkmalpflegeri-
schen, im eigenen Gehalten
manche Entsagung fordernden
Aufgabe in einer Weise gerecht
geworden, die allen Zweifel an
der Berechtigung solcher Lösung
an gegebener Stelle und mit den
entsprechendcn lllitteln alten Be-
händes widerlegen mufj. Ihr
Ergebnis konnte wohl nur durch
die reifste Schöpfung einer ersten
JTleisterhand erreicht werden.

Sehr geschickt ist dieTeilung
des Ganzen in eine Häusergruppe

aus der Renaissancezeit. Seine senstersront ist aus alten, kunstooll gear-
beiteten Senstersäulen zusammengesetjt. Die Wände sind mit dunklem Holz
oertäfelt. Daran schliesjen sich entzückende kleine lJebenräume „Himmel-
reich“ und „lllausefalle“ und im mittelbau das Cafe. Auf der anderen
Seite liegt der grofje Sestsaal, der mit den erforderlichen llebenräumen zur
Abhaltung größerer sestlichkeiten geschlossener Gesellschaffen usw. bestimmt
ist, darüber im zweiten Stock Billardsaal und Lesezimmer.

Die innere Ausstattung ist, soweit nicht wirklich alte Stücke oer-
wendet sind, durchaus selbständig ausgebildet, in den 5esträumen durch-
weg. Die gelungene Stimmung, die durch das oortreffliche Zusammen-
gehen des Alten und neuen überall erzielt ist, gibt das beste Zeugnis
für die in jeder Hinsicht oortreffliche Durchführung. Die Ausmalung
der oerschiedenen Räume übernahmen die ITlaler 0. Bollhagen, £. Gunkel

und m. neumark. Die Glas-
fenster malte G. K. Rohde (oergl.
Tafel 90, 1911), die JTlodelle für
die Stückarbeiten fertigten Reb-
han & Lüdecke, die modelle für
Sandsteinarbeiten Berger und
Schmidt & Schäfer. Dem Archi-
tekten standen bei der Entwurfs-
bearbeitung und Bauleitung der
inzwischen oerstorbene H. sitger
und H. Werner sowie der Bau-
führer Chr. £au zur Seite.

So ist nach langem reif-
lichem Überlegen und sorgsamstem
Erwägen ein Werk zustande ge-
kommen, das für Bremen ein
schöner Erfolg glücklichsten Zu-
sammenwirkens aller Beteiligten,
insbesondere auch der beschliesjen-
den Körperschaften, und weit
über Bremen hinaus ein Vor-
bild für behutsames, denkmal-
pflegerisch städtebauliches Wir-
ken ist. C. Z.

JTlalerei im ßillardiaal non Ceonhard Gunkel in Bremen.
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