Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

Seite: Tafel 36-37
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Das neue Stadthaus in Berlin.

Architekt: Stadtbaiirat Geh. Baurat Dr.-Jng. Tudroig Hoffmann in Berlin.

Das uon Bauinspektor Wäsemann erbaute, 1861 begonnene und 1869
uollendete Rathaus der Stadt Berlin hat leinen Zruecken nur wenige Jahre
zu genügen oermocht, da das unmittelbar daraus einsehende rasche Wachs-
tum der neuen Reichshauptstadt eine unuorhergesehene Ausdehnung der Ver-
roaltung mit lieh brachte. Die durch die Rotwendigkeit, immer roeitere
roesentliche Teile derselben anderroärts unterzubringen, heruorgerufene Zer-
splitterung mußte das einheitliche Ineinandergreifen der zahlreichen Verwal-
tungsbetriebe ernstlich gefährden. So entsehloß man lieh, möglichst nahe bei
dem nunmehr nur als Sit] der Zentraberroaltung dienenden Rathause ein
grosjes öeschäffsgebäude zu errichten, in dem die einzelnen Abteilungen roieder
uereinigt werden konnten, mit dem Bau rourde 1902 begannen, uom JTlärz
1908 bis JTlai 1909 erfolgte nach und nach die Ingebrauchnahme der Bureau-
räume und am 29. Oktober 1911, nach sertigstellunq der Repräsentationsräume,
die den Abschluß des Baues bezeichnende feierliche Übergabe.
Wie das Rathaus nimmt das neue „Stadthaus“ einen uon uier Strasen
umschlossenen Baublock ein. Das Grundstück uon 11 588 qm (oergl. Cageplan und
Grundriß auf der Rückreite der Tafel 19) hat an der Klosterstraße eine konuexe
sront uon 127 m Hänge, an der Jüdenstraße eine konkaue uon 62,63 m Hänge; die
getarnte srontlänge aller uier Straßen beträgt 442,90 m (das alte Rathaus ist
ein Rechteck uon 99:88 m Seitenlänge und 8712 qm släche). Die Grundstiicks-
form bildete die Grundlage für die architektonische Entwicklung des Bau-
körpers. Die einer malerischen Entwicklung günstige konkaue Hinie der dem
ITIolkenmarkt und dem Rathause
zunächst liegenden sront an der
Jüdenstraße bestimmte deren Aus-
bildung zur Hauptfront, ihr ent-
sprechend wurde die enfgegen-
geseßte sront an der Klosterstraße
durchgebildet. Die beiden Seiten-
fronten dagegen wurden ohneVor-
sprünge gleichmäßig ruhig durch-
geführt, so daß uon keiner Seite
zwei lebhaft entwickelte sronten
zugleich zu Gesicht kommen. Sie
treten beiderseits um 5 m über
die Hauptfronten, diele umfassend,
uor und drängen an der Jüden-
straße, wo siesich einander nähern,
den Turmbau gleichsam aus dem
lTlittelbau heraus in die Höhe.
Am lTlittelbau an der Jüden-
straße tragen die Dreiuiertelsäulen
einen 24 m breiten und 6 m hohen
Giebel. Darüber nimmt eine etwa
10 m hohe Attika die seitlichen
lTlansarddächer auf und leitet mit
ihrem oerkröpften Gesims und


den 2,60 m hohen siguren zum Turme über. An der Klosterstraße ist der
lTlittelbau ohne Giebel durch eine Attika mit 2,65 m hohen siguren abge-
schlossen (Tafel 21). Die unregelmäßige Hinienführung der sronten führte zu
manchen perspektioischen Schwierigkeiten. Da die Seitenfronten mit der sront
an der Jüdenstraße unter Winkeln uon 98° und 100° zusammentresfen, mußten
auch die beiden anderen Seiten der Risalite unter sfumpfen Winkeln uon 950 ein-
geschnitten werden. Ebenso mußte beim Turmunterbau, der quadratisch
wirken sall, das rechtwinklige Zusammenschneiden der sronten aufgegeben
werden, da dieses spißwinklig erschienen wäre. Die Seiten schneiden mit der
Vorderfront unter 91,5° zusammen, was einem Herausziehen der Seitenflächen
um etwa 1 m auf die Tiefe der Attika entspricht.
Dem Turme sind freie Säulen uorgestellt, uon denen die unteren 46,5 cm,
die oberen 43,5 cm abstehen; dabei wurden die Säulen, um sie senkrecht
wirken zu lasfen, um 8 cm nach innen geneigt. Den obersfen Abschluß bildet
eine in Kupfer getriebene sortuna mit süllhorn; sie ist 3,25 m hoch und steht
76,87 m über der Straße. Der Turm ist als ssussichtsturm durchgebildet mit
bequemer Treppe und Aufzug, ln den Turmräumen sind ITlodelle auf-
gestellt, die in den leßten Jahren für andere städtische Bauten angefertigt
wurden.
Die sassaden sind in ITluschelkalkstein ausgeführt, die einheitlich durch-
geführten ITlansarddächer und die Turmkuppel mit Ziegeln eingedeckt, deren
warme graue särbe uortrefflich zu dem etwas helleren Grau der Werksteine
stimmt. Grauer ITluschelkalkstein ist auch in den Vestibüler. und in der den
ITlittelpunkt des Baues bildenden Stadthalle oerwendet, um das Innere mit
dem Äußeren in seiner Stimmung enger zu uerbinden.
Der ganze gewaltige Bau zeigt die meisterhafte Beherrschung der ITlassen,
der Einzelformen und der Stimmung. Die krastoolle Architektur des Hauses,
durch die einheitlichen Dächer gleichmäßig abgeschlossen, atmet die ernste
Sachlichkeit des Verwaltungsgebäudes und uor allem die Würde des großen Ge-
meinwesens. Der dessen Bedeutung besonders kennzeichnende Turm mit seinem
kunstooll auf sern- und Hl ah Wirkung berechneten bewegten Aufbau ist mit
dem Ganzen uortrefflich zu einheitlicher Wirkung uerbunden. Wie im Äußeren
ist auch im Inneren überall maßuolle Zurückhaltung geübt; jede Einzelheit,
auch die anseheinend unbedeutende, ist sorgsamst abgewogen und zu künst-
lerischer Wirkung gesteigert. nicht ausfällige ITlotiue, aufdringlicher ITlaßstab
oder Häufung uon motioen, Sondern Hudwig Hoffmanns bekannte, behutsam
feine und überall künstlerisch empfundene Detailbehandlung oerleihen dem
Werk seine Stimmung und seine bleibende Bedeutung. Bei der Anfertigung
und Detaillierung der Entwürfe Ständen dem Stadtbaurat der ITlagistratsbaurat
lAaßdorff Sowie zuerst Stadtbaumeister Schneegans, Später die Architekten
IRettke, srobeen und Gerecke zur Seite. Die Ausführung leiteten ers't ITlagistrats-
baurat Dylewski, dann ITlagistratsbaurat Broniatowski mit Architekt sriße.
Die Turmkonstruktion bearbeitete anfangs Baurat Cramer (s), dann Regierungs-
baumeister Bernhard. Die Skulpturen sind Werke der Bildhauer Raager,
Rauch, Taschner, Widemann und Wrba. Die Baukosten betragen rund 7 ITlil-
lionen ITlark, ebensooiel wie seinerzeit die des Rathauses; der Bauplaß hat
über 6 Rlillionen ITlark gekostet.

Hrchitektonische Rundschau 1912.

Tafel 36/37.




Das neue Stadthaus Architekt: Sfadtbaurat Dr.-Ing. tudroig Hoffmann
in Berlin. in Berlin. Bildhauer: sranz ldaager in Berlin.
9. Vorraum zum Sißungssaale im II. Geschoß. 10. Relief aus Istriastein daselbst. 11. IRarmorrelief im Vorraum des III. Geschosses.

Paul Reff Verlag (trtax Schreiber) in Eßlingen a. R.
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