Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 28.1912

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Seife VI

Hrchitekfonikhe Rundschau

1912,2


ssrchitekt ss. Koch, die ITlaler
Kämmerer und Reile, R. Haag,
Oberbaurat Hambert, ssrchitekt
£aur,Prof. ss. Schirmer und Prof.
Hauser (mit Detailaufnahmen
uon gotischen Wandmalereien)
und die Gartenarchitekten Berz
& Schmede (mit Aufnahmen
alter Grabstätten) beteiligt
roaren. Sie zeigte die liebe-
oolle Hingabe an das eifrige
Studium der alten Kunst, auf
der lieh eine gesunde Denkmal-
pflege und bodenständiges Heu-
schaffen aufbauen miissen.
So bot das Ganze ein
überaus oielseitiges undfesseln-
des Bild des gegenroärtig er-
reichten und oor allem der oor-
handenen Anläße, die unter
günstigem Zusammenroirken
einer sortsehreitenden Schulung
der handroerklichen und kunst-
geroerblichen Kräfte mit uer-
ständnisooller Aufnahme und
sörderung seitens der Auftrag-
geber roohl eine gesunde
Blüte für die Zukunft erhossen
lassen. C. Z.


Zwei scnWer aus der Kirche Cntamrf non Kunsfinaler öref in Stuttgart, ssus-
zu Trailfingen bei Urach. Von der Ausheilung kirchlicher Kunst aus Schtnaben“ in Stuttgart. führung uon Glasmaler Dettinger in münsingen.
Veranitaltet uon der „ßerafungsstelle für das Baugetuerbe“.

Von der gemeinsamen Tagung für Denkmalpflege und
Heimatschutj in Salzburg am 13.—15. September 1911.
ln der sfolzen alten Bischofsstadt Salzburg hat die eilte gemeinsame
Tagung für Denkmalpflege und Heimatschuß eine überaus statfliche Anzahl
oon Teilnehmern aus allen Gauen Deutschlands und Österreichs, aus den
Uiederlanden und der Schroeiz zusammengeführt; konnte doch sür diele be-
deutsame Tagung, zugleich die erste auf österreichischem Baden, keine glück-
lichere Wahl getroffen roerden als Salzburg, diese Perle landschaftlicher Schön-
heit, ein einzigartiges Schaßkästlein alter Kunst und eins der leuchtendsten
Vorbilder künstlerischen Städtebaus, das leider auch schon so manche schroere,
unnerroischbare Schädigungen erfahren hat und oon roeiteren ernsten Ver-
lusten bedroht ist. Ganz oon selbst übertrug lieh der Zauber der Stätte auf
die Tagung, die unter dem Protektorate des österreichischen Thronfolgers
Erzherzogs sranz serdinand uon Este, oollzählig beschickt uon den oerbün-
deten Regierungen und unter sfetiger eifrigster Teilnahme des um die sächsische
Denkmalpslege hochuerdienten Prinzen Johann Georg oon Sachsen, einen
glänzenden Verlauf nahm. Sie tourde zur bedeussamsten Kundgebung, nicht
als rühmende Übersicht über bisher Gekittetes, sondern als bestimmte, un-
widersprochene sestlegung der im taufe der Jahre durch Erfahrungen und
roachsende Erkenntnis gereiften Ziele, als eine programmatische Zusammen-
sassung der mittel und Wege für das Schaffen der Zukunft, insbesondere auch
für die in erfreulichem Wachsen begriffene Denkmal- und Heimatschufjbetoegung
in Österreich, mit begeisternden Worten uerroies in der Begrül^ungsrede der
Handespräsidenf Graf Schaffgotsch auf die doppelte ssufgabe, die Heimat
und ihre Denkmäler zu Schüßen gegen den natürlichen Verfall und gegen
die rücksichtslosen Jnteressen der Gegenroart. Weit Schwerer und dornenooller
ist die leßtcre, für die zähe Verteidigung und umsichtiger IJachmeis der Bahnen
zum Ausgleich der roiderstreitenden Jnteressen Sich oereinigen mussen; aber
sie ist auch ruhmooll, denn sie gilt der Erhaltung des Heimatgefühls, das
in der Tiefe unterer Herzen als unsehäßbares Gut Schlummert. „Wage es
niemand, in friuolem Übermut die ssxf an die Heimat zu legen; denn wer
die Heimat nicht kennt, kennt auch kein Vaterland!“
Kardinal sürsterzbischof Dr. Katschthaler hob heroor, roie Hiebe, sreude
und Verständnis zur Kunst das Salzburg der souoeränen siirstbischöfe mit
herrlichen Kunstroerken geschmückt habe. Wenn der Geist, der diese Werke
geschafsen habe, um die sittliche Kraft und das Streben des Volkes zu heben,
auch heute toirksam märe, roürden die besfehenden Denkmäler sicher erhalten
und neue, ebenbürtige entstehen.
Im ersten Vortrage tchilderte der Prooinzialkonteroator der Rheinprouinz,
Geheimrat Prof. Dr. C lernen (Bonn), die sortsehritte und die Entwick-
lung der Denkmalpflege in Deuttchland. Seine Ausführungen gaben
in klaren Worten das Programm für die Zukunft. Die Denkmalpflege ist ein
Kind des Historismus. Ihre Entroicklung ist nur begreiflich als eine Parallele
zur zeitgenössischen Kunst, und sie muß lieh notroendig mit dieser toandeln.
Die historische Restaurierungssucht ist übermunden, ebenso die erste Regung
der neuen ssnsehauung, die das Kind mit dem Bade aussehütten mollte. Die
Denkmalpflege steht auf dem historischen Boden, lieht aber darin keine sessel,
sondern zieht neue Kräfte aus ihm. Sie sicht in den historischen Vorbildern
ein Rüstzeug, eine Welt der Anregungen, nicht zum fälsehenden Hachahmen,
sondern zürn künstlerischen Weitergestaiten. Sie suchf, roo eine Weiterbildung
des architektonischen Organismus eines Denkmales und oor allem seiner ssus-
stattung nötig ist, der lebendigen Kunst und oor allem der Kunst an lieh die
Türe zu öffnen und im übrigen die historischen Urkunden möglichst oor Enf-

stellung und sälsehung zu beruahren. Hur in dieser sorm ist ein Weiterleben
der ganzen Bewegung möglich.
Generalkonseroator Prof. Dr. Droorak (Wien) schilderte die Entroicklung
in Ösferreich, roo gleichfalls die JTlefhode der „stilreinigenden“ Restaurierungen
erseßt ist durch das Streben, die Denkmäler bloß zu kanseroieren in der Ge-
sfalt, in der sie auf uns gekommen sind ohne Rücksicht aus die Zeit, aus der
ihre einzelnen Teile stammen. „Die österreichische Denkmalpslege roill nicht
die Kunst der Vergangenheit zu neuem Heben erwecken, sondern, aus dem
Heben emporroachsend, die alten Kunstroerke als einen kostbaren Schaf] in
das Werk der neuen Entroicklung einfügen.“
Diese Ausführungen wurden für Einzelgebiete zustimmend ergänzt durch
einige spätere Vorträge, zunächst oon Prälat Prof. Dr. Srooboda (Wien) über
kirchliche Denkmalschußg'eseßgebung, der keinen Stil als besonders
kirchlich beoorrechtigt anerkennt und die Flofroendigkeit der Erhaltung und
Pflege der Denkmäler nach den modernen Grundideen der Denkmalpflege
betonte, sodann durch Prof. Dr. Dehio (Straßburg), der die ssufgabe der
AJuseen behandelte und Stärkung der Handes- und Prooinzialmuseen forderte,
um die heimische Kunst im Volke lebendig zu machen. Unter lebhafter Zu-
stimmung wies Dehio darauf hin, dal) Hehrer roohl nach Italien, Griechenland
und Kleinasien geschickt werten, daß aber kein ITlensch danach fragt, ob sie
auch die deutschen Kunstschaupläße kennen.
Prof. Schultje-Aaumburg und Konseroafor Dr. Giannoni schilderten
dann die Entroicklung und Ziele des Heimatschußes in Deutschland
und Österreich. Elsterer wendete sich u. a. gegen die Anfeindungen seitens
der Industriellen, welche ihre Interessen durch die Aufklärungsarbeit des
Bundes geschädigt glauben. Gescheiter sei es, wenn die Industriellen gegen
die Ideen, die doch auch die getarnten fortsehreitenden Architekten feilen,
nicht sront machen, sondern Sich ihren Anforderungen und Auffüllungen an-
passen, wie es ersreulicherweise schon eine Reihe oon sirmen getan hat. ssuch
in Österreich sind in diesem Sinne bereits Einzelbestimmungen getroffen
worden. So haben soroohl die k. k. Zentrolkommission zum Schüße der Denk-
mäler als der Tiroler Handesausschuß ernslliche Schritte gegen die Verroen-
dung des Efernifschiefers getan, der sich bei Bränden und durch Versuche als
höchst gefährlicher Explosiostosf (slugweife der Sprengstücke bis zu 70 m) er-
wiesen hat. sür Salzburg ist in lehr nachahmenswerter Weise die Anbringung
oon Ulaueraufschriften als sassadenänderung genehmigungspflichtig gemacht.
Vortresfliche Einzelausführungen zu dem durch die gesamten Verhand-
lungen durchklingenden Heitsaße der praktischen Durchführbarkeit des oer-
mittelnden Jnteressenausgleichs brachten die Vorträge uom Geheimen Hofrat
Prof. Dr. Cornelius Gurlitt (Dresden) über die Erhaltung des Kernes
alter Städte und oon Prof. Dr. suchs (Tübingen) über Heimatschuß und
Wohnungsfrage.
Gur litt schilderte in überzeugendster Weise die Unmöglichkeit, die unter
ganz anderen Verhältnissen entstandenen ssltstädfe durch Durchbrüche, Straßen-
oerbreiterung usw. zu leistungsfähigen Herzen der modernen Großstadforganismen
zu machen. JTTit der allgemeinen Erkenntnis der Schäden der übermäßigen
Verkehrskonzentration sei auch auf Erhaltung der ssltstädfe zu hoffen, die
nicht bloß eine srage der Denkmalpflege und des Heimatschußes sei, sondern
oiel wichtiger als soziale srage: die Issöglichkeit auch für den kleinen Hand-
werker und Händler zu erhalten, sich sm Handelsmittelpunkte anzusiedeln
und gegenüber dem Großkapital zu behaupten. Statt oon den Alfstädten das
Unmögliche zu oerlangen, daß sie großstädtischem Verkehr entsprechen, sollte man
aus ihnen oerkehrsgeschüßte Basare machen für Kleinbetrieb und Kleinhandel
und damit den ästhetischen und wirtschaftlichen Jnteressen zugleich gerecht werden.
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