Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: 4
DOI Artikel: 10.11588/diglit.27734.3
DOI Seite: 10.11588/diglit.27734#0014
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architektonische_rundschau1913/0014
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Richard Riemerfchmid, Pafing Verkaufsftände in Halle I

den JTlangel edlen materiales doppelt fchmerzlich empfinden, man
kann nur roünfchen, dafj diefer Raum nachträglich noch in echtem
Stein ausgeführt roird und fo dem Ausftellungspark dauernd
erhalten bleibt.

Im übrigen bot die Geruerbefchau Gelegenheit, den Beftand
der Dauerbauten des Ausftellungsparkes rneiter zu oeruollftändigen.

Der Gingang in den Vergnügungspark ift durch einen Tor-
bogen heruorgehaben und damit zugleich eine gelchlolfenere Platz-
roirkung erreicht morden. Gegenüber oon Halle I haben Veil &
Herms einen in reinen, klaffiziftifchen farmen gehaltenen Pauillon
(„Kathreinerpaoillon“) errichtet, uon dem eine Holzpergola ausgeht,
fritz Pandauer fügte das reizooll filhouettierte Gebäude der
Camera obscura an die begehende Steinpergola des Vergnügungs-
parkes an. —

Wie tchon im Anfang ermähnt: Der Crfolg hat den roeif-
blickenden männern, die zu diefer nöllig neuartigen Ausftellung
die Anregung gaben, recht gegeben. Zunächft der materielle
Crfolg. Die Geroerbefchau zählte an einzelnen Tagen über 80 000,
im Durchfchnitt täglich etroa 18 000 Befucher. Und die Aus-
fteller, die heranzuziehen anfangs lehr oiel mühe uerurfachte,
dürften mit dem gefchäftlichen Crfolg diefer Verkaufs- und Pro-
pagandaausftellung im allgemeinen recht zufrieden fein.

Der Hauptroert des Unternehmens liegt aber zroeifel-
los in dem großen erzieherifchen Cinflufj, den diefe Schau
auf Produzenten, Verkäufer und Käufer ausübt. Hier ift
zum erftenmal durch den praktifchen Crfolg die in Her-
ftellerkreifen roeit nerbreitete ITleinung roiderlegt morden,
als fei die äfthetifche Durchbildung der Gegenftände des
täglichen Bedarfs ein unrentabler Cuxus; als roolle das
Publikum durchaus das hergebrachte Durchfchnitts-
mäfjige, künftlerifch minderroertige und müffe fich der
Herfteller diefem Gefchmack des Publikums unterordnen.

Das Gegenteil hat fich als richtig ermiefen: das kauf-
kräftige Publikum beoorzugt, oom Künftler beraten, heute
fchon zroeifellos die äfthetifch durchgebildete form, und es
ift die uornehmfte Aufgabe des Verkäufers, in diefem Sinne
oermittelnd zroifchen Käufer und Herfteller zu roirken.

An diefer allgemeinen Hebung des Gefchmackes
hat aber der Architekt ein ftarkes, mittelbares Intereffe,
denn fie roird im Volk den Boden bereiten für ein
tieferes Verftändnis feines künftlerifchen Sfrebens; roird
dazu beitragen, dafj das bauende Publikum allmählich
den Unterfchied zroifchen eigener, forgfältig geftaltender
Arbeit und der klifchierten Du^endroare des Unter-
nehmers begreifen lernt.

flun noch einiges über
die unmittelbar mit dem Bau-
fchaffen zufammenhängenden
Geroerbe auf der Bayerifchen
Geroerbefchau.

Da ift meiner ITleinung
nach die Glasmalerei quali-
tatio am beften uertrelen. Die
Ausftellungsleitung hatte diefer
zur Zeit arg daniederliegenden
Kunft ihr befonderes Intereffe
zugeroandt und in Verbindung
mit einer ITlünchner firma
einen Wettberoerb ausgefchrie-
ben für Cntroürfe kleinerer
Bilder im Sinne der Schweizer
Scheiben. Diefes Vorgehen hat
einen ganz oorzüglichen Crfolg
gehabt, und es roäre fehr zu
hoffen, da^ die hier gezeigten
oortrefflichen Arbeiten auch auf
die monumentale Glasmalerei
anregend roirken möchten. Das
gilt namentlich für die kirchliche Kunft, die im übrigen durch
die Ausftattung eines ganzen Kirchenraumes, durch eine Orgel,
mehrere Altäre, Heiligenfiguren, einen heroorragend fchönen Sarko-
phag in würdiger und dabei doch oalkstümlicher Weife oertreten ift.

Auf dem der Kirche angegliederten friedhaf wurde ein Stein-
metjlager für Grab ff ei ne aller Art errichtet, oor allem für folche
in einfachen formen.

Bei dem Suchen nach befonders Wertoollem in der Geroerbe-
fchau müffen roir uns immer roieder daran erinnern, dafj es durch-
aus nicht der Zweck diefer Ausftellung roar, bahnbrechende Heue-
rungen auf dem Gebiet des Kunftgeroerbes zu bringen, fondern oiel-
mehr, ein gutes Durchfchnitfsnioeau geroerblicher Tüchtigkeit herzu-
ftellen. So bringen z. B. die Schmiede- und K u n ft f ch 1 o ff er-
arbeiten für den fachmann nichts Befonderes, Heues; ja, man
oermifjt hier faft den frifchen, fchäpferifchen Hauch, die lebhafte
ITtitarbeit der entwerfenden Künftler, die anderen Gruppen in fo
reichem ITlafje gewidmet wurde; fie hätte Gelegenheit gehabt, fich
an Baubefchlägen, Gittern und dergl. reich zu betätigen. Dafj das
Handroerk durchaus imffande ift, Solchen Anregungen zu folgen,
beroeift die meiftergerechte, tüchtige Arbeit des Dargebotenen. Jm
Werkftätfengebäude zeigt ein Kunftfchmied am Ambofj die Technik

Rup. o. ITlüller, tRünchen Raum der Goldfehmiede

flrchifekfonifche Rundfchau 1913

Seite 4
loading ...