Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

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\7ei) & Herms,
ITlünchen

anfänglich nicht unwesentlich beeinflußt durch die oft ftark über-
triebenen Anforderungen der Bauherren an Schaufenftergrößen und
Gebäudereklame, fo daß der neue Typus des Gefchäftshaufes zu
der begehenden Bauart in auffälligen Kontraft treten mußte. Es
fchien, als fei die Hufläfung der Wände in Pfeiler und Zwifchen-
konftruktionen aus Glas und ITlefall die dem Gefchäflshausproblem
eigentümliche Tötung. Dennoch zeigen die jüngften Beifpiele großer
Gefchäftshausbauten in ITlünchen, daß diefe Bauaufgabe ohne
Beeinträchtigung moderner Anforderungen in bezug auf Schau-
fenfterfläche und Reklame
auch mittels des alten Prin-
zipes der durchbrochenen
Wand zu löfen ift. Die letz-
tere Art uor allem ermöglicht
die Erhaltung der Harmonie
im alten Stadtbild. Erfreu-
lichercoeife ift auch ein Herab-
mindern der mafjlos über-
triebenen Anforderungen des
bauenden Publikums an große
ungeteilte Schaufenfterflächen
eingetreten, die zroeifellos
einer fich gegenseitig über-
bietenden Reklame entfpran-
gen und fich coie oieles andere
roeniger als unerläßliches Be-
dürfnis, coie als modefache
herausffellfen. Dadurch ent-
fällt für den Architekten das
ftärkfte Argument zur Bildung
ungewöhnlich großer formen-
einheiten.

Bei einer Betrachtung der fpeziellen Anforderungen, welche
an moderne Gefchäftshäufer zu {teilen find, muß unterfchieden
werden zwilchen folchen für Kleinoerkauf und folchen für Groß-
oerkauf. Die erfteren, oornehmlich in der Altftadt und ihrem
erweiterten Kern gelegen, oerlangen oor allem ergiebige Schau-
gelegenheit, nachdem die große mehrzahl der Käufer fich bereits
oor Betreten eines Gefchäftes über die Kläglichkeit der Befriedigung
feiner Wünfche zu orientieren
fucht. Das Innere fall geeignet
fein zur Anbringung und
guten Beleuchtung großer Re-
gale und Stellagen, die nicht
feiten fogar im Sinne oon
Innenauslagen gedacht find.

Bequeme Zu- und Abgänge
müffen den Publikums- und
Perfonaloerkehr oermitteln,
reichlicheTreppenanlagen.nach
behördlicher Vorfchrift in ITla-
ximalentfernungen oon 25 m,

Perfonen- und Taftenaufzüge
für die Verbindung der Stock-
werke untereinander forgen.

Durch die gefteigerte Inan-
fpruchnahme der Aufzüge, fo-
wohl feitens des Publikums
wie des Perfonais, werden
die Stockwerksfreppen all-
mählich auf die Bedeutung oon Aotausgängen reduziert und dafür
die Wichtigkeit der Aufzüge oergrößert. fine unmittelbare folge
der gefteigerten Inanfpruchnahme der letzteren ift die Zunahme der
fahrgefchwindigkeit, die fich mehr und mehr Steigert. Dafj für Gefchäfts-
häufer nur Zentralheizung in frage kommen kann, erfcheint felbft-
oerftändlich. An Syftemen wird Aiederdruckdampf- und Warmwaffer-
heizung beoorzugt. Außer der Belichtung des Gebäudes durch Seiten-
licht, die nie groß genug fein kann, wird bei tiefen Grundftücken häufig

Aus „ITlünchen und feine Bauten“. Verlag uon S. Bruckmann, A.-G., ITlünchen

ITlax Reumann (B.D.A.),
ITlünchen

Aus „ITlünchen und feine Bauten“. Verlag uon 5. Bruckmann, A.-G., ITlünchen

Oberlicht oerwendet, was bei der fichtminderung durch Rachbar-
gebäude oder fchmale Straßen oft nicht zu umgehen ift. Als künst-
liche Belichtung wird in der Hauptfache elektrifches Dicht oerwen-
det, oft zufammen mit Gas. Größte Aufmerksamkeit erfordert
die ergiebige und wirkfame Beleuchtung der Auslagen, über welche
nur fooiel getagt werden fall, dafj augenblendendes Eicht tun-
lichst oermieden, im übrigen aber die Eichtinfenfität unter allen
Umftänden fehr oiel größer fein mufj wie im Gebäudeinnern.
Bei der Gefamtanlage des Gebäudegrundriffes ift eine klare über-
sichtliche Raumdispofition
gleichermafjen für das Perfonal
wie für das oerkehrende Pu-
blikum Grundbedingung.

Im Gegenfatj zu Gefchäfts-
häufern für Kleinoerkauf find
jene für Grofjoerkauf an die
fogenannte gute Gefchäftslage
weniger gebunden. Hier wird
mehr die Rähe des Güterab-
fertigungsdienftes beoorzugt,
für TRünchen die Tage in der
Rähe des Hauptbahnhofes,
die Bayerftrafje, Paul-Heyfe-
Sfrafje, Schwanthalerftrafje,
Arnulfftrafje ufw. Diefe Ge-
bäude find in der Hauptfache
Eagerhäufer und demgemäß
in erfter Einie unter Berück-
sichtigung einer bequemen
Aufstapelung und Belichtung
der Waren zu projektieren.
Da zwifchen den einzelnen
Stellagen in der Regel Ablegefifche benötigt find, fo erweift fich eine
Anordnung doppelfeitiger Stellagen mit dazwischen befindlichen Ab-
legetifchen und eine dem genau entfprechende fenfterpfeilereinteilung
als oorteilhaft. Die Anordnung der Stellagen Senkrecht zur fenfter-
wand hat den Vorzug einer gleich guten Raum- und Stellagenbelich-
tung. Treppen und Aufzüge dienen hier in der Hauptfache dem
Perfonaloerkehr, da als Großabnehmer nur eine geringe Anzahl

oon Perfonen in frage kommt.
Bei beiden Arten oon Gefchäfts-
häufern Spielen die oorkom-
menden Belattungen durch
aufgeftellte Waren eine kon-
ftruktio bedeutsame Rolle, die
für jeden fall eingehend zu
prüfen ift. Rieht unwichtig
ift die frage der Belichtung
oon Untergefchoffen, welche
in jenen fällen befondere
Schwierigkeit bereitet, in wel-
chen der Erdgefchoßfußboden
fich nur unbedeutend über
das anschließende Straßen-
nioeau erhebt. Hier kann
mit Zuhilfenahme oon über
die Baulinie hinausreichenden
Eichtfchächten mit tragfähigen
Glaskonftruktionen unter Hin-
zunahme befonderer Konftruk-

Villenkolonie Herzogspark:
Haus Pienzenauerftraße 32

Gefchäfts- und Wohn-
haus Rofental 15

tionen des Schaufenfterpodiums fornohl für gute Belichtung wie
Entlüftung geforgt werden. Die frage des fußbodenbelages ent-
scheidet fich oon fall zu fall, jedenfalls ift bei Starker Inanfpruch-
nahme des Bodens durch ITlenfchen- oder Eaftenoerkehr bis jeßt
immer noch der Holzboden anderen Belägen oorzuziehen.

Verwaltungsgebäude find in ihren allgemeinen Anforderungen
der oorbezeichneten Gebäudeart nahe oerwandt, aber in ihren fpeziellen
Anforderungen fo fehr oom Einzelbetrieb abhängig, daß über das

flrchitektonilche Rundtchau 1015
Seife 7
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