Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: 15
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mäf^igkcif und der Sachlichkeit des künft-
lerifchen Symboles nie aus der Sphäre
kleinlicher Selbftgefälligkeit oder prahleri-
fcher ITlonumentalität erheben.

6in zur Weltmacht ftrebendes Volk
bewahrt lieh den inneren Halt [einer bau-
künftlerifchen Kultur lieh erlich nicht durch
die heute übliche akademifch bleichtüchtige
Unparteilichkeit gegen alle und jede hi-
ftorifche Richtung, die im Caufe einer
langen Gefchichte einmal fein Schaffen
beeinflußte. Unfer größter Kulturfchaß
liegt in dem, roas unfer ITlenfchentum,
abweichend non dem aller anderen Völker
und Raffen, als fein ureigenftes feelifches
Geheimnis offenbarte, ln diefer modernen,
uon jeder Stilpedanterie befreiten, dafür
aber auf Raffenempfinden gegründeten
Bedeutung, märe nichts fehnlicher zu
roünfchen als eine Renaiffance der Sach-
lichkeit im Sinne germanifcher frühzeit.
Carl Ulühlenpfordt, reichenhalle auf dem Vor- Sie würde nußbringend der Cntwicklung

Cübeck werker friedhof in Cübeck oorarbeiten, welche die immer gewaltiger

erneute Entfaltung unterer Eigenart
nichts. Ein in Stein, Glas und Eilen
folgerichtig durchgearbeiteter Bahn-
hofsbau ebnet ihr beffer die Wege.
Flicht angequälte Scheinperfönlichkeit,
[andern die Ehrfurcht oor den Tat-
fachen, die felbftfichere Betonung der
durch das Blut uererbten Geiftes-
richtung und dementfprechend die
Befinnung auf diejenigen Epifaden
unterer buntfcheckigen Tradition, in
denen fich untere Eigenart am reinften
fpiegelt, können würdig das große
germanifche Erbe des ITtittelalters fort-
führen, das in der Kulturgefchichte
der Raffen und Völker als ein Wahr-
zeichen unoergleichlicher Indinidualität
aufragt. Ohne diefe Selbftbefinnung
werden wir uns troß allertheoretifchen
Verherrlichung der technifchen Zweck-

Carl Ulühlenpfordt, Cübeck

Eingang zum Vorwerker friedhof in Cübeck

Carl Ulühlenpfordt,
Cübeck

fich fühlbar machende Huseinanderfeßung
unter den großen Raffengemeinfchaften
der Erde uns über kurz oder lang als
unentrinnbare Rotwendigkeit aufzwingen
wird.

Die Rolandfäule in Bremen*) wirkt
auf die Dauer doch in einem abgeklärteren
Sinne charakferiftifch als uiele höchft per-
fönliche Arbeiten unterer Tage, und auch
die fchlichten mittelalterlichen Profanbauten
tagen dem Gemüte weit mehr als die ITlehr-
zahl der uon Perfönlichkeit ftroßenden
faffaden moderner Straßenbilder. Das
Perfönliche in der Architektur hat fich ftets
den Tatfachen der Bauaufgaben und ihrer
Symbolik unterzuordnen und liegt des-
halb in oiel tieferen Dingen begründet
als in dem Zurfchaufragen äußerlicher
Ciebhabereien und Eigenmächtigkeiten.

) Die Aufnahmen zeigen das Roland-
Turnhalle mit Abortgebäude der euangelifchen denkmal oor der inzroifchen erfolgten Wieder-
Schule in Kückniß bei Cübeck. Grundriß liehe Tafei.47/48 herftellung.

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