Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: 22
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franz Zell (ß.D.A),
ITlünchen

in diefer Strafe finden fich nun aber bei näherem Zufehen
oielleicht fchon hier und da Hausfronten, die gar nicht fo übel
gedacht find. Sie zeigen, foroeit es die Baupolizei erlaubt hat,
gute Verhältniffe in den Abmeffungen der Gefchoffe, zroeckmäfjige
fenfteroerteilung und coirkfame dekoratiue Zutaten. Aber fie kommen
für das Sfrafjenbild nicht zur Geltung. Warum nicht? Weil fie im
Baublock Hecken, der fie uerfchluckt.

Gr ift ein foffiles Ungeheuer, diefer Baublack. Gin Dutjend
Hausparzellen oder mehr liegen da begraben, jede Parzelle trägt
ein miethaus, und jedes ITliethaus macht ITlufik auf eigene fault.
Rieht nur Klaoiermufik nach Roten, fondern Rrchitekfurmulik, dafj
einem Hören und Sehen oergeht. Baikone, Grker, Giebel und Türmchen
krabbeln roild durcheinander, die Gelims- und Dachlinien gehen im
Zickzack, das Baumaterial mechfelt munter ab, je bunter defta beffer,

und der Grfolg ift jene ooll-
kommene Verroirrung aller
räumlichcnBeziehungen,die
eine längere Wanderung
durch untere Grofjftadt-
ffrafjen zu einer Qual macht.

IRan dachte eine Zeit-
lang, die tchnurgerade
Strafjenführung fei dar-
an fchuld. man ertoärmfe
fich mit Hilfe oon Camillo
Sitte für die geneigte flucht,
für architektonifche Schlufj-
punkfe und Ruheblicke.
Aber roas helfen diefe ficher-
lich produkfioen Ginzel-
gedanken, roenn ihre Ver-
roirklichung auf räumliche
JTlifjbildungen fföfjf, oder
roenn diefe durch jene Re-
formideen nur in um fo
fchärferes Tichf gefegt roer-
den? Gs ift nun einmal fo,
dafj die Baukunft Raum-
kunff ift im roeiteften
Sinne: der Raum, der nicht
zum Träger lebendiger funk-
tionell gemacht roerden
kann, bleibt nicht nur tot
und unergiebig, fondern er
belaftet auch den geftal-
teten, den fchäpferifch be-
lebten Raum mit einer
äfthefifchen Hypothek, die
zroar ungerecht ift, aber
den Wirkungsfalfachen nach
zu Recht befteht.

Überall dort nun, roo
Rüethäufer in Gruppen zum
Baublock architektonifch
oereinigt morden find, roar
es felbft mittelmäßigen Be-
gabungen möglich, erfreu-
liche Cöfungen zu finden.
Höfe können oereinigt, Gin-
fahrten gefpart roerden, und
hygienifcheforderungen roie
die nach guter Belichtung
und Durchlüftung kommen
beffer zur Grfüllung. für die
Schaufeiten ergibt fich die
möglichkeit, mit roenig Rüt-
teln oiel zu erreichen und
den ungefügen Block, diefes
nüchterne Zellengehäufe, zu beinahe monumentalen Strafjenroirkungen
aufzurufen. Befonders unter genoffenfchaftlichen Wohn-
bauten finden fich manche gute Beifpiele aus der jüngften Zeit,
roo der Baumeiffer den „Zuchthausftil“ der ITlietkaferne über-
rounden und einer gefälligen Wohnlichkeit roieder zum Anfehen
oerholfen hat.

Deshalb lag es nahe, die frage aufzuroerfen, ob man diefe
Blockarchitektur nicht ebenfo in den Bereich der amtlichen
Sfadterroeiterungsaufgaben ziehen falle roie den Bebau-
ungsplan? W. C. Behrendt ftellt in feiner fehr lefensroerten
illuftrierten Schrift „Die einheitliche Blockfront als Raumelement
im Stadtbau“ (Bruno Caffirer, Berlin) an Gründen zufammen, roas
in der Vergangenheit und Gegenroart für die Bejahung diefer
frage fpricht.

Grker am Candhaus des Barons Tautphoeus
in Reuhaiis bei Schlierfee. (Vergl.Tafel 82)

Architektonifche Rundfchau 1015
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