Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: 24
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Delisle & Jngwerfen Haus Fllax feldbauer in mifterndorf-Dachau

(B.D.A.), ITlünchen bei manchen. (Vergl. Tafel 69 — 70)

herftellung in den Großftädten leider uiel zu gering iff. Wer aber
fall nun über den eingereichten Plan, über die baukünftlerifche
Zuläffigkeit des neuen Baublocks entfcheiden? Doch mahl das
Stadtbauamt. Hier feßt der Haken ein, den Behrendt in feinem
fympathifchen fiter für die gute Sache ein roenig außer acht ge-
laffen hat.

Wir haben zroar fchon eine Baupolizei, aber eine äfthe-
tifche Zenfurbehärde in Baufachen tritt meines Wiffens nur
ganz ausnahmsroeife in funktion: in manchen z. B. in form einer
freien Kommiffion für monumentalbaufen. Dann gibt es Gefeße
für Heimat- und Denkmalfchuß, und im Anfchluß an fie Beftimmungen
über das Ginfpruchsrecht der Behörde bei Heubauten, die gegen jene
Gefeße oerftoßen könnten. Das find alles befondere fälle.
Würde nun den Stadtbauämfern die äfthetifche Zenfurbefugnis er-
teilt für alles, roas innerhalb des Weichbildes gebaut roird, fo be-
deutete das eine ganz außerordentliche Grweiferung der Amtsgewalt,
und dafür kann ich mich nicht ohne weiteres erwärmen.

Gewi!), die landesfürftliche Baupolitik der alten Zeit hat kraft
ihrer abfoluten Vollmacht Grofjes auch im Kleinen oallbracht. Aber
entfcheidend dafür war, daß die aufgeklärten Defpoten damals
eben Träger des fortfchritts auch in kiinftlerifcher Beziehung
waren. Sie riefen mit großen Kaffen und mühen tüchtige Bau-
meifter ins Cand, ebenfo wie fie ITlanufükturen anfiedelten und
die heimlichen Gewerbe durch den Kaufzwang der Konfumenten
ftärkten. Und heute? Gs finden fich unter unteren Baubeamten
ganz ausgezeichnete Kräfte, und es iff eine freude zu fehen, was

die Städte an männern wie Hoffmann, Bertfch, Schachner, Grlwein,
Schumacher gewannen haben. Aber was die Stadtbaumeifter im
19. Jahrhundert gekittet oder uielmehr nicht geleiftet haben, das
darf man doch auch nicht nergeffen. Diesmal war und iff der
fortfehritt nicht non oben her befahlen, fondern non unten her,
aus dem Willen des Volkes zur Gntwicklung Baufälliger Ausdrucks-
formen einer neuen Zeit geboren worden. Wir wären heute nicht
da, wo wir nun doch gottlob find, wenn in jeder Großftadf ein
befonderer St. Bureaukratius für Baukunft im Baublock hätte er-
fchlagen werden müffen.

Alfa Vorficht. Vielleicht läßt fich auch mit dem ujrhandenen
Rüftzeug der Obrigkeit anfeuernd wirken. Behrendt teilt ein paar
folcher fälle mit, aus Köln und Schöneberg, wo es der Stadt-
gemeinde gelang, ihre fizenzen für größere Planungen oon Be-
dingungen abhängig zu machen, die durchaus im Sinne einer künft-
lerifchen Groberung des Baublocks gehalten und fogar grund-
buchlich eingetragen find. Wenn Staat und Gemeinden überall,
wo fie als Geldgeber für gemeinniißige Wohnungszwecke ange-
gangen werden, auch eine Sicherung der guten Architektur für die
Heubauten ausbedingen, fo wird uns auch das oorwärts bringen.
Zu gutachtlichen Äußerungen find, wie auch Behrendt heruorhebt,
die Bauberatungsftellen da, die als freie Korporationen, oor-
läufig wenigftens, eher eine fichere Gewähr dafür bieten, daß wir
die Willkür des fchlechten Gefchmackes im Bauen, den wir bekämpfen,
nicht gegen die Gefchmackswillkür einer ßureaukratie eintaufchen,
die wir ficherlich auch nicht lieben können.

flrchitektonifche Rimdtchau 1915
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