Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: 30
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Osroin Hcmpel (B.D.A.), Dresden

Volksreftaurant auf der \7agelcoiefe bei Dresden. (V7gl. Tafel 102/103)

Ordnung und Bebauungsplan gehen demnach Hand in Hand, und
es ift dringend erforderlich, der Baupolizei in ftädtebaulichen An-
gelegenheiten den nötigen Ginflufj zu geroähren. So haben die
meiften Gartenftädte gleichzeitig eine neue Bauordnung für ihr Gebiet
erhalten, ich ermähne zum Beifpiel die muftergültigen Bebauungs-
oorfchriften für die Gartenftadt Helle rau bei Dresden. Wirtfchaft-
liche und künftlerifche forderungen uereinigen fich hier, es ift
eine reinliche und klare Trennung der Wohn- und fabrikoiertel er-
folgt, und es find roeitere Gebiete uon der Regelung der Bebauung
ausgefchloffen morden, um noch fpäter die ITlöglichkeit zu haben,
die Viertel nach diefer oder jener Richtung zu erroeitern, und gleich-
zeitig einer Steigerung der Bodenpreife uorzubeugen.

Der Ginflufj der Baupolizei auf die ftädtebauliche Wirkung ein-
zelner Bauten und damit ganzer Stadtuiertel mird heute leider oiel-
fach noch nicht ausgeübt, trotzdem die Heimatfchutzuereine die beften
Vorarbeiten hierzu geleiftet haben. Die Baupolizei hatte in früherer
Zeit eine uiel größere macht in diefer Beziehung. Schon im
Jahre 1559 gab es für Dresden ein Bauregulatiu, das nicht nur zum
Schutze der Hachborn, fondern uor allem „um der gemeinen Stadt
Zier“ roillen feftgefetzt mar. Jn der uom Grafen Wackerbarth im
Anfänge des 18. Jahrhunderts ausgearbeiteten neuen Bauordnung
diefer Stadt roaren Beftimmungen getroffen, die ausfchliefjlich auf
die künftlerifche Gntroicklung des Stadtbildes abzielten. Heben folchen
baupolizeilichen lllaf3nahmen mar in alten Zeiten das Zuftandekommen
eines guten Stadtbildes durch Überlieferung und ein höherftehendes
handroerkliches Können gefichert. 6s rourden auch fehr off Sonder-
beftimmungen erlaffen, denen nur ftädtebauliche flbfichten zugrunde
lagen. für Dresden lief) König fluguft der Starke nach dem Brande
der Heuftadt im Jahre 1685 durch feine Hofarchitekten zahlreiche
ftädlebauliche Pläne für den Wiederaufbau diefes Stadtteiles bear-
beiten. Gs find damals die in ihren Fluchtlinien auf perfpektioifche
Wirkung berechnete Hauptftrafje mit dem Blockhaus als Abfchlufj
und die Königftrafje angelegt morden. festere führte auf das frühere
Holländifche Palais, die heutige Königliche Bibliothek, und fällte auf
der anderen Seite ein Denkmal als Rbfchlufj erhalten. Die Häufer
der Königffrafje durften nur zroeigefchoffig und mit fchlichfem Haupt-
gefims errichtet roerden, um die Wirkung des Palais oerftärken zu
helfen. Ähnliche Vorfchriften, die fich auf die Gefamtmirkung im
Stadtbilde beziehen, hat Friedrich der Grofje für Berlin und Potsdam
erlaffen. In ITlünchen find ebenfalls mehrere grofjzügige Stadt-
erroeiterungsprojekte durch König Tudroig I. entroorfen und durch-
geführt morden. So oerdanken oiele Städte ihre Schönheiten aus
früheren Zeiten dem künftlerifchen Sinne der regierenden fiirften.

Heute ift das Gemeinroefen an die Stelle der fürften jener Zeit
getreten, und diefes kann nicht genug Wert auf die architekfonifche
Ausbildung neuer Stadtteile legen. Die Gefchloffenheit und einheit-
liche Wirkung alter Stadtanlagen entfpringt dem Gefühl einer oor-
nehmen Zurückhaltung des einzelnen, in der Gegenroart fucht leider
im Gegenteil ein Haus das nachbarliche in feiner formenfprache noch
zu übertönen. 6s mul) mit allen Krätten danach geftrebt roerden,
diefes Gefühl für den archifektonifchen Ausdruck des Stadtbildes
roieder zu befeftigen. Die zuftändigen Behörden müffen einzelne
Häuferfaffaden ftets als einen Teil des ganzen Blockes betrachten
und nötigenfalls die Ginreichung anderer Taffadenentroürfe oerlangen.
Durch retrofpektioe Ausheilungen ift die Beoölkerung mit den Schön-
heiten ihrer Stadt aus früheren Zeiten bekannt zu machen, daneben
find gute moderne Bauten, foroie Platj- und Strafjenbilderauszuftellen.
Solche Ausheilungen find befonders roichtig, um den baukünftlerifchen
Gefchmack des Bauherrn zu heben. Der Architekt oder ausführende
Baumeiher ift fehr oft gezroungen, roider feinen Willen etroas aus-
zuführen, nur um der Caune feines Bauherrn entgegenzukommen
und den Auftrag nicht zu oerlieren. Gbenfo roichtig ift es, daf] die
Baufpekulation fich nicht minderroertiger Kräfte, fondern der Archi-
tekten bedient. Gs mufj dafür geforgt roerden, dafj letztere in roeit
größerem ITlafje zu Worte kommen, als es bisher gefchieht. Durch
eine gefchickte und taktoolle Bauberatung roird fich das in fehr
oielen fällen erreichen laffen.

Auf den Wert des Aufriffes im Sfadtbilde hat an der Hand
eingehender Unterteilungen Brinckmann in fernem ausgezeich-
neten Buche über „Deutfche Stadtbaukunft in der Vergangenheit“
hingeroiefen. Gleich beachtensroert find die neueren Studien oon
Walter Gurt Behrendt über „Die einheitliche Blockfront als Raum-
element im Stadtbau“. Beide zeigen an der Betrachtung zahl-
reicher Beifpiele aus der Vergangenheit, dafj man fchon früher fich
oiel mit der Töfung ftädtebaulicher Probleme befchäftigt und auch
gefetjliche Beftimmungen hierzu erlaffen hat. Das 9. Heft des
25. Jahrganges der „ Archi tekto n i fchen Rundfchau“ brachte
ebenfalls fehr infereffante Unterteilungen in diefer Beziehung über
„Die Ginheit des lllaterials im Aufbau der Städte“ oom Architekten
Bernoulli in Berlin. Diefer Auffat], der nicht nur im Sinne des
Heimatfchutjes gefchrieben roar, fondern zum erften lllale die an-
teilige Arbeit des Architekten am gefamten Aufbau der Stadt heruor-
hab, kann den Behörden roie Architekten nicht genug zur Be-
achtung empfohlen roerden.

Befonders roertooll für die künftlerifche Ausgeftaltung des
Stadtbildes roird auch eine zielberoufjte Tätigkeit der ftädtifchen und

flrchitektonitche Rundfchau 1915
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