Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: 43
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leferäume, Kunft- und Tehrmittelfammlungen und die unteren Zeichen-
klaffen beftimmt. Der grafte fcftfaal, der fich im oberen Gefchoß
in fechs hohen fenftern zum Vorplaß öffnet, gibt der Hauptfront
das uorherrfchende ITliftelrifalit. Vielleicht aber, daß eine Ver-
fchiebung der Verhältniffe des etroas Heilen Giebels und der fchroachen
Säulenhalle im Untergefchoß nach eine günftigere Wirkung erzielen
roird. Hange Korridore begleiten den Ghrenhof, der eine befonders
fchöne Gliederung nerfpricht, und den Gartenhof. Hohe Baum-
gruppierungen roerden diefem erft fpäter feine eigentliche Wirkung oer-
fchaffen, deren die kahle, klare und fachlich zweckmäßige Aufteilung
der fenfferachfen auch bedarf, ln der Hauptachfe roird die gerad-
linige Garfenanlage fortgefetjf, das Parterre mit den baumbeftandenen
Alleen zur Seite. Treppen führen am Gnde der Gartenachfe zu der
abfchließenden Plat3anlage, die fich zu beiden Seiten dann zu runden
freilichtakffälen erweitert. Diefe Hauptachfe der Gartenanlage oer-
fprichf eine roirkungsoolle Perfpektine. Am Gnde der Baumreihen
roird der fchön gefchroungene Bogen, der die beiden Seitenflügel
des offenen Gartenhofes uerbindet und einen Blick auf den uon
Bäumen umffandenen Brunnen geftattet, non außerordentlicher
malerifcher Wirkung fein. Und er ift nicht allein der malerifchen
Wirkung zuliebe entftanden, fondern auch eine zweckmäßige, be-
queme Verbindung der oorgefchobenen Treppenhäufer am äußerften
Gnde der langen Korridore.

Das Ulotio diefes Bogens ift zwar ebenforoenig originell roie
das der fchönen Auffahrt. Das achtzehnte Jahrhundert
liebte diefe rundbogig und elliptifch angelegten Auf-
fahrten, diefe Taufgangoerbindungen uon feitlichen Paoil-
lons mit dem Hauptbau. Simon Touis de Rys Schloß
5iirftenberg in Weftfalen ift eine nerroandte Anlage,
nur daß die uerbindenden faufgänge zroeiftöckig find
(oergl. Kerckerinck und Klapheck, Alt-Weftfalen, die
Bauenfroicklung Weftfalens feit der Renaiffance. 1912.

Abb. S. XXXVI.). Schloß fürftenau bei ITlichell'tadt
hat einen abfchließenden Verbindungsbogen, der dem
des Akademieneubaues an der Gartenfront ziemlich
übereinftimmend entfpricht und auch roohl dem preis-
gekrönten Gntrourf die Anregung gegeben hat, fogar
in der Gliederung der Baluftrade, der Anwendung der
Baluftradenplaftiken und des Wappenfteines im Bogen-
fcheifel (oergl. Paul Klopfer, Baukunft und dekoratioe
Skulpturen der Renaiffance in Deutfchland. 1909. Abb.

S. 15 6). Wach und Beck haben aber das Vorbild
glücklich, ja oielleicht im Anfchluß an die Hauptachfe
der Garfenanlage roirkungsooller und organifcher oer-
roandt.

Bei den übrigen Bauten berührt die Klarheit und
Zweckmäßigkeit der Anlage fehr fympathifch, die ron
großer architektonifcher Reife zeugt und mit den ein-
fachffen ITliffeln in den fchön abgewogenen Verhältniffen
ftellenroeife überaus reizoolle Wirkungen erzielt. Das ift
auch der große Vorzug der Gefamfanlage, die fehr über-
legte Verteilung der einzelnen Gebäude und der gärt-
nerifchen Anlage: eine roirkungsoolle Auffahrt einer fich
im Aufbau fteigernden gefchloffenen Bebauung der Vorder-
front und nach dem Rheine zu aus der Garfenanlage
die abroechflungsreichen Durchblicke durch die Zroifchen-
räume der getrennt gruppierten Ateliers. Breite, fchattige
Baumreihen roerden die ganze Anlage einfaffen.

Wenn diefer Akademieneubau die erfte greifbare
folge der Anregungen und Abfichten der großen Städfe-
ausHeilung des oergangenen Jahres in Düffeldorf und
des Wettbewerbes für einen Stadtbebauungsplan ift, fo
dürfte man den weiteren Bauplänen, die natürlich nur
je ein großer Wettbewerb löfen kann, hoffnungsooll ent-
gegenfehen.

AJan hätte die mannigfachen Anregungen der Städte-
ausftellung aber doch in einer umfangreichen Publikation
erhalten fallen. Der an und für fich roertoalle illuftrierte

Sonderkatalog der Gruppe Städtebau kann einem fpäteren Studium
des auf der Ausftellung oereinigfen materiales doch nicht genügen.
Archifekturfachzeitfchriffen können noch monatelang ihre Seiten mit
dem Ausftellungsmaferial füllen.

Bielefeld, die Teineroeberffadf, hatte beifpielsroeife ein fo
intereffantes AJaterial zur Ausftellung gebracht, daß es felbft dem
flüchtigen Befucher in der großen Schau auffallen mußte, und das
fympathifche Bild, das diefe Stadt in der Abteilung Heimatfchuß
bot, kehrte in den Abteilungen für Bodenpolitik, für Stadtbebauungs-
anlagen, für Grünanlagen und für Hochbau wieder. In allen Aus-
Hellungsabteilungen fühlte man bei den Bielefelder Objekten die
künftlerifch belebende Hand der Stadtuerroaltung durch. Bielefeld
gehört zu den wenigen Städten, bei denen der oberfte Baubeamte
gleichzeitig der pietäfoolle Konferoatorder überkommenen bürgerlichen
Baudenkmäler der Altftadt ift und den weiteren Ausbau der Stadt
mit einer oorbildlichen Anpaffung an die gegebenen flaturfituationen,
die heimifche Bauweife und das Stadtbild überwacht. Wie in den
alten holländifchen „Stadtfabriken“ Heht kein Baubureaukraf an der
Spiße der ftädtifchen Bauoerroaltung, fondern ein temperamentooller,
felbftfchaffender Künftler. Das gibt der Stadt die einheitliche Hofe
eines künftlerifch belebten Gebildes, die fich im Taufe der Jahre
noch deutlicher bemerkbar machen roird.

Das neue Bielefeld ift zum größten Teil das Verdienft feines
Stadtbaurates Friedrich Schulß. Seine Hark ausgeprägten

Friedrich Schulß, Stadt- Offizier-Speifeanftalt in Bielefeld,

baurat in Bielefeld (Vergl. Tafel 142—145)

flrchifektonifche Rundfchau 1915
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