Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: 45
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Hummel & Rothe,
Eaffel

Entwurf zum „Stadtbau“ in Caffel. Preisgekrönt
und zur Ausführung beftimmt. (Vergl. Tafel 161)

Kunlfgelchichfe an Technifchen Hochfchulen

Von Prof. Dr. fl. 6. B r i n ck m a n n - Karlsruhe

Die Cinficht, roie roichtig für die Ausübung der Baukunft rein
technifch-unkünftlerifche Kenntniffe find, bringt die erfte
grofje Ernüchterung dem künftlerifchen Idealismus, der den
Studierenden der Architektur auf die Hochfchule führt. Diefe Er-
nüchterung roird im Unterricht fogar mit leichtem Druck betrieben,
mehr oder roeniger deutlich zeigen dies die uon den uerfchiedenen
Hochfchulen aufgeftellten Studienpläne. Gleichwohl lieht bei aller
Sorge, auch nach diefer Hinficht den guten Architekten zu erziehen —
eine Sorge, die die Beftrebung, auf Kunffgetoerbefchulen Architekten
auszubilden, ziemlich leicht nimmt — die Technifche Hochfchule
ihre höhere und tiefere Aufgabe darin, über die technifch-rechneri-
fchen Dinge hinauszugehen und die Begabung zum künftlerifchen
Geftalten zu fördern.

Wir laffen, nur auf die Aufgaben des reinen Kunftgefchichts-
unterrichtes bedacht, unberückfichtigt, dafj man im praktifchen
Unterricht an einigen Hochfchulen mehr die Hilfe hiftorifcher Stil-
formen in Anfpruch nimmt roie bei anderen. Denn roenn roir
auch nicht oerkennen, dafj eine Komödie darin liegen kann, einen
romanifchen Dom entroerfen (nicht etroa nur reproduzieren) zu laffen,
fo glauben roir doch, dafj über den Ausdruck der eigenen Zeit-
gefinnung hinaus in jedem Bauroerk fich eroig gültige Gefeite und
Funktionen der Baukunft darftellen. Uns intereffiert auch nicht,
roie der fchaffende Architekt unter folchen Gefichtspunkten feinen
Unterricht angreift. Im Grunde roiil die Hochfchule — und das

ift das Wichtige für uns — nicht die Dreffur auf die befondere
form, fondern fie roiil tiefer fchürfend Auffaffung und Anfchauung
des jungen Architekten entroickeln. Vor die Übermittlung eines
formalen Befitjes tritt der Wunfch, innerlichfte Kräfte lebendig zu
machen. Gerade in unterer Zeit ift unter den Betten diefer Jungen
das Bedürfnis ftark, fich in die Tiefe zu entroickeln, nicht nur
fich erinnern zu lernen, und der Tehrer der Architektur roird
inftinktio danach beroertet, roie roeit er bei diefem zum Teil im
Unterberoufjtfein fich abfpielenden Ringen die Hand reicht. Wir
haben fo auf der einen Seite die natürliche, aber unentroickelte Be-
gabung des lernenden, auf der anderen Seite die entroickelte Kraft
des Cehrers, fähig, durch die Dinge zum künftlerifchen Ausdruck
zu kommen. Werden Begabung und Kraft im Unterricht einander
gegenübergeffellt, fo macht man damit das uns ja felbffoerftändlich
erfcheinende Eingeftändnis, dafj diefe Begabung fich im Unterricht
entroickeln könne. Da hier aber der Angelpunkt unterer Aus-
führungen liegt, müffen roir uns den Vorgang deutlich machen.

Solche Entwicklung gleicht der Refultante in einem Parallelo-
gramm der Kräfte. Die eine Richtung liegt in der eigenen Be-
gabung. mit Ceichtigkeit roird hinzugenommen, roas mit ihr roefens-
oerroandt ift. Das roird ausfchlaggebend für die Wahl des Tehrers,
bei der allerdings infolge der Prüfungsbeftimmungen heute noch keine
genügende Freiheit herrfcht. Dagegen bedeutet einen Bändigen
Kampf die Aufnahme einer uerfchiedenen Anfchauungsart, die fich

Architektonische Rundfchau 1915
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