Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: 47
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Gefchichte zu geben, fondern roie
er in der Vorrede lagt: „Ginzu-
führen in das Wefen der Kunft
ift mir der oornehmfte Gndzroeck.“

Das Wefen der Kunft aber ift
anfchauliches Geftalten. Lind die
Widmung feines Buches offenbart
fein ßemußtfein, der kunftlerifchen
Geftaltungskraft feiner Zeit ein
Förderer zu fein: „Diefe Gefchichte
der Kunft roeihe ich der Kunft,
und der Zeit, und befonders
meinem freunde, Herrn flnton
Raphael ITlengs.“ Ulan frage
fich einmal, roelche kunfthiftori-
fchen Bücher heute eine falche
Widmung uertragen könnten, für
Ruskin mar es die Gotik, flus
ihr uor allem ftellt er in Oxford
eine erzieherifche Reihenfolge uon
Beifpielen ausgezeichneter Kunftroerke zufammen, „zu denen feine
Schüler“, roie er in feiner Antrittsrede fagte, „in jedem fraglichen fall
zurückgreifen und durch deren Studium Sie allmählich jenen inftink-
tiuen Sinn für das Rechte und Gchte erroerben können, der fie fpäter
uor roefentltchen Irrtümern beroahrt“, oder, mit unteren Worten
ausgedrückt: unter deren Leitung fich ihre Begabung zu entroickeln
uermag. Ruskin roie Winckelmann — und mit flbficht find hier
zroei fo uoneinander abftechende Perfönlichkeiten geroählt — holten
aus Gotik und Hntike das heraus, roas fich mit ihrer eigenen
künftlerifchen flnfchauungsart deckte. Das Beftehende nerrichtete
für fie gleichfam die materielle Rrbeit des fchaffenden Künftlers.
Beide hatten das Glück gehabt, aus der Überlieferung das zu roählen,
roas in der Richtung der zeitgenöffifchen Kunft lag, und damit diefer
uorroärts geholfen. Sie hatten oorhandene fornibeftände auf-
genommen, aber mit neuen Rügen, offen für die Dinge ihrer
Zeit. Der Prozeß, der in der bedeutenden künftlerifchen Perfönlich-
keit als Lehrmeifter ein einheitlicher ift, in dem diefe ftarke künft-
lerifche Rnfchauung, ein Grieben der Überlieferung nach ihren künft-
lerifchen Grundgefeßen mit anfchaulichem Geftalten uerbindet, diefer
Prozeß ift in Winckelmann und Ruskin nur geteilt, indem hier nicht
gleich der neue anfchauliche flusdruck, fondern der Rusdruck des
Wortes erfcheint. Diefer geroinnt dann die anfchauliche formung
durch die Perfon des Hörers, deren Begabung das gefprochene Wort
und die dabei geroiefene form zum Grlebnis uerbinden kann. (Gs ift
klar, daß Wort und Bild nebeneinander ftehen müffen, und in unteren
Lichtbilder-Projektionsapparaten haben roir ja den betten Helfer.
Hötig ift allerdings für die Hörer, dafj jeder Plaß eine abblendbare
Beleuchtung hat, um Skizzieren, nicht Llachfchreiben zu ermöglichen.)

Das Ganze ift ein llnrroeg, aber ein Umroeg, der nun über
roeite, roeite Gebiete zu führen oermag. Der alles Gefchaffene auf-
fuchen kann und als letzten Lehr-
meifter nicht eine Perfon, fondern
das oon Unzähligen geftaltete Reich
der form hat. Zu Hilfe kommt
untere oorroiegend begriffliche Gr-
ziehung und die Geroöhnung, Wort
und flnfchaulichkeit miteinander
oerbunden zu fehen. SelbftKünftler
benutzen zur Grläuterung bildneri-
fcher Probleme Worte, roie etroa
nicffcl, Corinth. Hildebrand tagt
zroar in der Ginleitung feines
Problems der form, „dafj die Klar-
heit, die roir als Künftler bei der
Arbeit nötig haben, roie bei jedem
handelnden Hlenfchen die des ge-
läuterten Jnftinkts ift und nicht
die einer durch das Wort mitteil-

baren Grkenntnis“. Doch roiirde
er kaum fein Buch gefchrieben
haben, roenn er fich nicht eine
geroiffe Läuterung auch durch
feine Worte oerfpräche.

Der Kunfthiftoriker an Tech-
nifchen Hochfchulen mufj fich
klarmachen, roie kompliziert fein
Weg ift, roenn er über die Über-
mittlung oon hiftorifchen Tatfachen
und die Aufreihung oon farm-
beftänden hinausgehend mit-
roirken möchte an der künftleri-
fchen Gntroicklung des jungen
Architekten. Hlitroirken, das ift
fein Wunfch, zu einer felbftän-
digen Difziplin roie an Unioerfi-
täten kann fich das fach hier
nicht ausroachfen. Diefer Wunfch
könnte fogar oermeffen erfchei-
nen, entfpränge er nicht jener tragifchen Sehnfucht, die fooiel
Gefchaffenes unter ihren Händen ordnend dem Leben, roenn auch
nur ein roenig, zur Seite ftehen möchte, ftatt immer nur Grkenntnis
und Wiffen zu fördern. Jn dem Doppelbegriff Kunftgefchichte tritt
für ihn die Gefchichte hinter die Kunft zurück, alles geht darauf
aus, das Wefen der Kunft, roie Winckelmann fagt, zu faffen. Da
aber das Wefentliche der Kunft, ihre Rnfchaulichkeit, ihre Geftal-
tungsgefetje, fich in der form allein reftlos äußern, roird es darauf
ankommen, fie herauszufehen und in einer eindringlichen flnalyfe
der anfchaulichen form dem formproblem in feine feinften Ver-
zroeigungen nachzufpüren. Vieles, roorauf die Kunftgefchichte bis-
her kaum Wert gelegt hat, alles, roas unter den Begriff der Phä-
nomena fällt, Verhältnisroirkungen, Gruppierungen, Proportionen,
Raumbeziehungen, intereffieren ihn. Gr kann hier durch Bemühen
um tiefere Ginficht jusrä Äöyov dArjdovg, roie Platon fagt, nicht nur
die Bedingungen des ITlaterials erkennen, in dem fich die Geftalfungs-
kraft oerkörpert — das ift eine ziemlich äußerliche Beobachtung — ,
fondern auch den Gefeßen diefer Cieftaltungskräfte und
damit den Gefeßen der künftlerifchen flnfchau 1 ichkei 1
felbft nach gehen, lllan kann, roie Schinkel in den einleitenden
Gedanken zu einem archifektonifchen Lehrbuch ausführt, „danach
ftreben, durch die aneinander gereihten Beifpiele und durch die daran
geknüpfte Grörterung den Sinn und das Gefühl fo zu fchärfen, daß
dasfelbe nach der roahren Richtung tätig roerde, um einen neuen
Gegenftand, der im Umfange diefes Werkes nicht oorgekommen ift,
auch richtig behandeln und beurteilen zu können, flus diefer
Übung des Gefühls foroohl als des Scharffinns geht am Gnde ein
Takt der Seele heroor, der augenblicklich das Richtige in einer
Aufgabe erfaßt und hinzuftellen oermag, und der ein Kennzeichen
des Talentes ift, roelches, roie überall in der Kunft, nicht fehlen

darf. Wo diefes Talent aber auch
nicht oorhanden ift, roird der in
guten flnfchauungen Geübte und
praktifch flusgebildete nichts er-
zeugen können, roas roirklich ta-
delnsroert fei. Seinen Schöpfungen
roird nur das eminente Heue fehlen,
dem allein die Ginbildungskraft
das Leben geben kann.“ Die Bei-
fpiele, roo Architekten den Wert
der formalen flnalyfe hoch an-
fchlagen, ließen fich ftarkoermehren,
ganz darauf baut fich zum Bei-
fpiel Blondels Cours d’flrchitecture
auf. flus feiner Zeit fei auch
noch ein einflußreicher Theoretiker
ermähnt, der flbbe Laugier, der
den Verfuch macht, aus einer

Georg Lübke, friß König-Stift in Bad Harzburg.

Braunfchroeig Rückfeite. (Vergl. Tafel 150)

flrchitektonitche Rundfchau 1915
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