Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: 48
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Heinrich Schweizer, Berlin

flnalyfe der hernorragenden Bauwerke feiner Zeit die Beautes
essentielles, d. h. die Grundgefelje der künftlerifchen flnfchauung, zu
entwickeln, wobei er eben doch nur feine künftlerifche flnfchauung
darlegt, fnterefiant und untere Ausführungen beftärkend ift, roie
hier wirklich allgemeine, die Gnfroicklung fördernde Grundgefef^e
geruannen roerden und überrafchend, ruie bald darauf mit Soufflot,
dem Grbauer des Pantheon, der JTlann auftrift, der den Pehren
Paugiers die anfchauhche form gibt. Von jüngften Grfcheinungen
oerdient das Buch Oftendorfs: „Theorie des architektonifchen Gnt-
merfens“ (Verlag uon W. Grnft & Sohn, Berlin. Preis 111. 5.20)
befonders heruorgehoben zu roerden, das in feinen flnalyfen gleich-
falls um formale Grundgefeije und um Klärung der architektonifchen
Grundbegriffe ringt.

lTun liegt in dem Hochfchulauffrag an den Kunfthiftoriker, das
getarnte Gebiet der Gefchichte der Kunft in den Kreis feiner Be-
trachtung zu ziehen, eigentlich eine Gleichgültigkeit gegen ihnalskünff-
lerifch empfindfame Perfönlichkeif. ITlan kann nicht allen Herren
dienen, und die Unioerfitäten find uns in der Selbftbefchränkungs-
möglichkeit ihrer Dozenten roeit uoraus. Trotzdem roird er diefer
Verpflichtung nachzukommen haben, an folchen ihn perfönlich roeniger
berührenden Stellen nielleicht mehr Hiftoriker, mehr Grklärer der
Werke aus ihren zeitlichen Verhältniffen heraus fein. Von auslchlag-
gebender Bedeutung kann ihm aber nur das roerden, roafür er
Parallelen in der Gegenroarf findet, roo er Begabung und Ziele
der Gegenroarf d u r ch die ff ä r k e r e fl u s d r u ck s k r a f f und
klare Gefetjlichkeit der Vergangenheit zu fördern
hoffen darf. Sein mittel bleibt hier immer, mit aller Gnergie
die norliegende form mit feiner flnfchauung zu durchdringen, nicht
um fie als formmatio zu lehren, fondern um die fremde flnfchauung
zu erroeitern. Ich möchte hier auf die Bereicherung hinroeifen, die
die moderne Stadtbaukunft aus den zahlreichen Hinroeifen
auf den hiftorifchen Stadtbau geroannen hat, roie fich in diefen
hinroeifenden flnalyfen und ihrer Aufnahme die uerfchiedenffen
Gefinnungen und Temperamente ausfprechen konnten. Ich möchte
daran erinnern, roie etroa die Pebensarbeit Gurlifts über den Barock

Wiefenhäuschen

oder die bekannte Schrift Wölfflins über das gleiche Thema ihre
Wellen in die heutige Kunft getragen haben.

Kaum braucht bemerkt zu roerden, dafj es fich hier nicht um
eine nonnatioe flfthetik handelt. Schinkel, den roir für uns fprechen
laffen können, äufjert fich dazu an angezogener Stelle: „Auf dem
Wege des blofjen Räfonnemenfs ift für bildende Kunft nur lehr
Geringes zu leiffen; ich habe deshalb den Weg der flnfchauung
bei diefer Arbeit als notwendig erachtet, roeil blofj dadurch das
unmittelbar Grfafjliche entftehf, welches allein nur dem Wefen der
bildenden Kunft entfpricht. Wer bei einem Werke der bildenden
Kunft erft nach und nach durch Begriffe in feinen Sinn hinein-
kammen roill, der kann nur ficher annehmen, dafj es ihm an dem
eigentlichen Kunftfinn mangelt, er kann fich nur mit dem Zufälligen
und mit den Hebendingen der Kunft befchäftigen.“ Dafj für den
Kunfthiftoriker die Gefahr beffehf, allmählich zu äfthetifchen Ober-
falben zu gelangen und namentlich ungewohnten Gindrücken gegen-
über bei allem guten Willen fich nicht zurechtzufinden, toll nicht
abgeleugnet roerden. Graf] ift die Gefahr jedoch nicht, eine ur-
fprüngliche Diebe zu allem Gefchaffenen roird ihn auch um fremd-
artiges ringen laffen, ob feinem Wefen uielleicht daran ein Teil
gehöre. Ich denke an Jakob Burckhardt, dem die italienifche
Renaiffance alles bedeutete, und der doch trat; innerer Ablehnung
über die künftlerifchen Gefeite des Barocks Auslagen machte, die
auch fiir deffen jüngfte, begeifterte Bearbeiter gelten.

Den Doppelbegriff Kunffgefchichte trennend und fiir die Hoch-
fchulen die Kunft oor die Gefchichte ftellend, brauche ich mich kaum
gegen den Vorrourf zu uerroahren, als ob ich den Wert der exakten
gefchichtlichen forfchung unterfchäfjfe. Sie bleibt Gerüft und ord-
nender Sekretär, fluch jetjt roerden für Arbeiten die hiftorifchen Vor-
unterfuchungen zu lebten fein, roenn diefe dann auch im Vortrag
und in allgemeinen Schriften zurücktreten. Keineswegs aber geben
roir zu, diefe Vorarbeiten feien fchroieriger und ernfter. Das Ringen
um die Grkenntnis künftlerifcher Probleme erfordert mindeftens die
gleiche Hingebung und Ceidenfchaftlichkeit, zumindeft eine befon-
dere Begabung, und die ift es, die letjten Gndes den Weg beftimmt.

flrchitcktonifche Rundlchau 1915
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