Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: 49
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W. Wagner, Stadt- Haus der Burfchenfchaft Alemania

baurat in Glogau in Braunfchroeig. (Vergl. Tafel 169)

neuere Baukunft in Schlefien

Von Dr.-lng. Walter Curt Behrendt-Berlin

Die Hauptftadt Schiebens hat in diefem Sommer durch die grofjen
Bauten der Jahrhundertausffellung, mit der fie das Gedenk-
jahr der Befreiungskriege feftlich begangen hat, die Aufmerk-
famkeit der Architekten in hohem lllafje auf fich gezogen. Cs find
nämlich gelegentlich diefer Ausftellung umfangreiche Verfuche mit dem
Cifenbetan als Baumaterial unternommen morden, die, neben der fech-
nifchen Bedeutung, die künftlerifche Ausdrucksfähigkeit diefes modernen
Bauftoffes in überrafchender Weife dargetan haben. Die Stadt Breslau
hat einen Teil der Ausftellungsgebäude maffin ausführen laffen, um
fie künftig für ihre eigenen Zroecke zu uerroerfen: die Jahrhundert-
halle, ein Riefenbauroerk, das ungefähr lOOOO JTlenfchen fafjt, ift
nach Plänen des Stadfbaurafs Berg als dauernde Verfammlungs- und
Ausftellungshalle erbaut morden, und das jetjt für die Schäle der
kulturhiftorifchen Ausftellung eingerichtete Kuppelgebäude, das nach
Gntroürfen non Hans Poelzig errichtet morden ift, fall auch fpäter zu
Ausffellungszroecken roeiter benutzt roerden.

Die Jahrhunderthalle, die den idealen und geometrifchen ITlittel-
punkt der Ausftellung bildet, ift ein Zentralbau mit uier geroaltigen
halbkreisförmigen Apfiden. Um diefe Grundform ift ein breiter Ring
gelegt, der in den Hauptachfen die Gingänge, Kaffenräume, Toiletten
ufro. enthält und im übrigen für die Anlage der Kleiderablagen, Hure
und Umgänge benutzt roird. Der Grundrifs bedeckt eine fläche non
rund 15 300 qm, die Innenhalle, einfchliefjlich der Apfiden, hat
einen Durchmeffer non 95 m. Das Gebäude ift ganz in Gifenbeton
ausgeführt und mit einer flach anzeigenden Rippenkuppel gedeckt.
Die 32 fchlanken Betonrippen der Kuppel find auf den Gurtbägen
der Apfiden, die als „Tragebögen in Raumkuruenform“ ausgebildef
find, bemeglich gelagert. Die Gurtbogen find ihrerfeits durch Strebe-
bögen bis zu den fundamenten abgefteift. Die Kuppel hat eine
Spannmeite uon 67 m (gegen 43,5 m des Pantheon und 43 m der
Peterskirche in Rom). Die Belichtung der Halle erfolgt durch fünf

übereinander liegende, treppenartig anzeigende Pichttrommeln, die
auljen auf die Kuppelrippen aufgefetjt find. Das konffruktine Gerüft
diefes Bauroerks ift in feinen knappen formen und geringen Quer-
fchnitfen uon einer ungeroohnfen Teichtigkeit und in feinen klaren
einfachen Pinien uon einer fozufagen mafhematifchen Schönheit. Die
gedehnten Raummaße der Innenhalle find uon impofanter Wirkung,
namentlich roenn die Halle mit ITlenfchen gefüllt ift und gebräuchliche
ITtafjZabsfaktoren fich zum Vergleich anbieten. Die architektonifche
Grfcheinung der Jahrhunderthülle profitiert uon der mafhematifchen
Schönheit der Querfchnitfslinie. Das Gebäude roirkt durch eine fehr
eindrucksuolle und monumentale Silhouette, ohne dafj doch der fpezi-
fifche Charakter der Gifenbetonarchitektur recht getroffen märe. Im
allgemeinen ift der ITla^ffab des Details und der architektonifchen
Gliederungen roohl zu fein angenommen morden: die dünne, fein-
gliederige Architektur der uorgelagerfen Gingangshalle zum Beifpiel
uermag fich gegen die riefigen Proportionen des Haupfbaues nur
fchroer zu behaupten. (Beffer hat der Bildhauer Alfred Vocke, der
das roirkungsuolle Päroenrelief über dem Haupteingang aus dem
Beton herausgehauen hat, die Cigenarf des Zlaferials zu treffen geroufjf.)

Der Plan für die architektonifche Anlage der Jahrhundertaus-
ftellung rourde uon dem Direktor der Königlichen Akademie für
Kunff und Kunffgeroerbe in Breslau, Hans Poelzig, bearbeitet.
Dieter Architekt Zellt nicht nur innerhalb der fchlefifchen Baukunft
eine prominente Grfcheinung dar, er gehört auch außerhalb der lokalen
Grenzen zu den intereffanteffen Perfönlichkeifen der jüngeren Archi-
tekfengenerafion in Deutfchland. Aus dem Gleichmafj konnenfioneller
Akademiker ragt feine urfprüngliche und unoerdorbene Begabung
mit erfreulicher Beftimmtheit heroor. Gin Talent uon ungebrochener
und darum oft ungelenk erfcheinender Kraft, ein Baumeiffer, roie

Architektonifche Rundfchau 1915
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