Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: 50
DOI Artikel: 10.11588/diglit.27734.17
DOI Seite: 10.11588/diglit.27734#0060
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architektonische_rundschau1913/0060
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
W. Wagner, Stadtbaurat in Glagau

er in dieter kunffarmen Zeit feiten nur zu finden ift, in deffen Werk
es manche Aiete, aber niemals einen Kompromiß gibt. Ich erinnere
an feine erften Bauten: an das Tandhaus Zroirner in Töroenberg
mit dem fchroeren wuchtigen Dach, das auf den gedrungenen Haus-
kö'rper aufgeftülpf ift roie ein breiter Schlapphut auf einen dicken
Bauernfchädel, an die Pfarrkirche in lllalffch, die in ihren klobigen
formen und ihrem molligen Turm faft roie eine Scheune in Cifen-
befon ausfieht, und dann oor allem an den Umbau des Rathaufes
in Töroenberg mit den offenen Bogengängen und hohen Dächern,
roo es Poelzig, roie feiten heute bei ähnlichen Bauaufgaben, geglückt
ift, die hiftorifche form, das gotifche und Renaiffancedetail, mit
neuem Heben zu erfüllen, fr hat die Tradition felbftändig erlebt,
darum ift es ihm auch gelungen, fie zu nergeiftigen, ftatt fie ein-
fach nur abzufchreiben. Und das ift das Wertteile an diefer Kunft:
fie ift entwicklungsfähig, weil fie ganz auf dem Boden der Über-
lieferung ftehf. Cs ift eine felbftändige, ganz elementare und moderne
Kunft, die doch durch taufend fäden mit der Tradition aufs innigffe
oerknüpft ift. Ulan wird feine Kunft uielleicht roh und unkultioiert
nennen, aber man erinnere fich an das Wort Goethes, nach dem
die Kunft lange bildend roar, ehe fie fchön ift. Poelzig hat nicht
die gefchmeidige und oornehme, meift aber auch langweilige Cleganz
der Akademiker, deren Chrgeiz fich heute in der Durchbildung
und Verfeinerung der Proportionen, in der Schaffung oon Klang-
roerten erfchöpft. Fleue ITlelodien oermögen diefe Cklektiker, auf
denen das hiftorifche Crbe roie ein Verhängnis laftet, nicht mehr zu
erfinden. Poelzigs primärer Geftaltungstrieb aber ift zu produktio,
um an folcher Zifelierungskunft Genüge finden zu können. Gr
fucht nach farmen, nicht nach Cndreimen. ln allen feinen Werken
fühlt man diefes elementare Ringen um einen roirkfamen architek-
tonifchen Ausdruck. Jede Bauaufgabe bietet ihm ein Problem, nicht
eine erroünfchte Gelegenheit zur Wiederholung eines konoentionellen
Typus. Die Konftruktionsroeife des Cifenbetonbaues, der zu einem
modernen Gerüftftil hindrängt, hat ihn zum Beifpiel zu einem kühnen
Verfuch oeranla^t, für die Warenhausfaffade eine neue archifekfonifche
Tötung zu finden. Gr läljt die einzelnen Gefchoffe oon einem Syffem
oertikaler, nach oben fich oerjüngender Stülpen mit konfolarfig aus-
ladenden Köpfen tragen, fo dafj die Horizontale in der front wieder
dominiert und das Haus roie ein Gefüge aus breit übereinander
gefchichteten Käften erfcheint (Tafel 171). An laichen Aufgaben
der reinen Autjarchifekfur oermag fich feine in des Wortes uer-
roegenfter Bedeutung „kubiftifch“ zu nennende Begabung ohne
Hemmung, beherrfcht nur oon einem ftraff difziplinierten Willen,

Kinderkrippe und Säuglingsheim in Glogau. (Vergl. Tafel 167)

frei zu betätigen. Hier bietet fich dem Talent die erroünfchte Gelegen-
heit, fich auszuleben und latente Kräfte frei roerden zu laffen.
An den großen Bauaufgaben, die ihm eine chemifche fabrik in Pofen
erteilt hat, ift Poelzigs angeborener Sinn für ITlonumenfalifäf roefent-
lich gereift und feine natürliche Anlage, in großen Alanen zu denken,
ift durch die Bearbeitung fo umfangreicher Projekte der profanen
Zroeckarchitektur roirkfam gefördert morden.

Die Ausbauten Poelzigs find auch in anderer Beziehung lehr-
reich genug. Sie widerlegen nämlich in anfchaulicher Weife die
roeitoerbreitete Anficht, dafj es bei der architektonifchen Geftaltung
moderner Induftriebauten nur darauf ankäme, die Togik der Kon-
ftruktionen und die Wirkung des Alaferials ehrlich und ungefchminkt
ihren Dienft tun zu laffen. Das aber hiefje nichts anderes, als
für folche Bauaufgaben überhaupt den Verzicht auf jedroede fchöpfe-
rifche Betätigung des Architekten, auf die lebendige Anteilnahme
der geftaltenden Perfönlichkeit uerkiinden. Damit roäre die Inferiorität
einer ganzen Gattung moderner baukiinftlerifcher Aufgaben aus-
gefprochen, eine Anfchauung, die fich mit dem Wefen des Kunft-
roerks fchroer uereinbaren läf^t, da es zwar inferiore Künftler,
niemals aber inferiore Arten non Kunftroerken geben kann. Und
Poelzigs monumentale Induftriebauten können norzüglich als Be-
weis dafür gelten, dafj es auch bei der Geftaltung profaner Zroeck-
architekturen weniger auf ein gutes TAafj reiner Vernunft, als auf
die urfprüngliche Kraft der räumlichen Anfchauung ankommt.

Auch die Behauptung, dafj es bis heute noch keinem gelungen
fei, die Schönheit aus dem Gifenbeton herauszuholen, roird fich
nicht länger mehr aufrecht halten laffen (diefes Herrn Julius AJöffel
in niünchen zur Kenntnis und gelegentlichen Autjanroendung).
Denn Poelzig hat mit feinen Bauten für die Breslauer Jahrhunderf-
ausftellung gezeigt, dafj diefes neue und zukunftsreiche Baumaterial,
mehr als man nach den bisherigen Teilungen erwarten durfte, der
künftlerifchen Durchbildung fähig ift und dafj die Urfache für den
geringen Grfolg der bisher unternommenen Verfuche weniger in
dem fpröden Charakter des AJaterials als in dem Alangel an
hinreichend befähigten Architekten gefucht roerden muij. Und
der Gifenbeton ift, fo fcheint es, in feiner giefj- und ftampf-
baren Glaftizität, ein Bauftoff ganz nach den künftlerifchen Aei-
gungen diefes Architekten, der es liebt, fich fozufagen in den
Urformen der baukünftlerifchen Sprache mit Klotj und Würfel aus-
zudrücken.

Das Gebäude für die kulturhiftorifche Abteilung (Tafel 172 — 174)
der Jahrhunderfausffellung ift ebenfalls als Gerüftbau ausgeführf

flrchitektonifche Rundlchau 1915
Seite 50
loading ...