Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: 56
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Julius Seidler, Bildhauer, ITUinchen Steinrelief an der Chirurgifchen Klinik in ITliinchen

Das Gefchäftshaus hat in ITlünchen nicht ganz die rafche
Gntwicklung durchgemacht roie in anderen deutfchen Großftädten.
noch uar etroa zcoanzig Jahren gab es keinen eigentlichen folchen
Bautypus in Alünchen. Heute aber hat auch bei uns die Gntoölkerung
der Jnnenftadt langfam eingefeßt, die Sfraßenoerbreiterungen, die
feit Jahr und Tag durch den künftlerifch überlegten ftädtifchen
Bebauungsplan für die Altftadt uorgefehen find, fordern bei jedem
Reubau ein Stück aufgegebenes Tand und nerteuern dadurch natur-
gemäß die llliete. So mehren fich die Gebäude, die lediglich

Hrbeitsräume enthalten und Wohnräume ausfchließen. man hat
fich bei uns nicht zum reinen Pfeilerbau mit der fenfterfüllung in
Glas und Gifen entfchliefjen können, fondern hat das Prinzip der
durchbrochenen Wand feffgehalten. Gewiß nicht überall konfequent
und auch nicht immer künftlerifch einwandfrei. Aber im großen
und ganzen muß man doch fagen, daß die argen Gntftellungen,
roie fie durch die Sucht nach übermäßig breiten Schaufenfter-
flächen in den Unterbau fo uieler grofjftädtifchcr Gefchäftshäufer
gekommen find, in ITlünchen Ausnahmen bilden.

Gs liegt roohl daran, daß hier der ITlaurer-
meifter nicht fo häufig über den Architekten
den Sieg dauonträgt, roeil uon alters her bei
den Bauherren das Gefühl der Verpflichtung
überliefert ift, eine anftändige form auch für
den Prioatbau zu finden, damit die „Kunft-
ftadt ITlünchen“ nicht Ginbuße erleide. Und
befonders in jüngfter Zeit fcheint die lleigung,
namhafte Architekten mit diefen baulichen Auf-
trägen zu betrauen, wieder im Wachten zu fein.

So hat fich die mü liehen er Zeitung
(Tafel 180) uon Gmil Pudroig ein fehr anfehn-
liches Arbeitshaus erbauen laffen, nachdem die
„lTlünchener lleueften lJachrichten“ mit gutem
Beifpiel uorangegangen waren. Tudroig hat
feinem Betonbau, deffen Konftruktion durch die
Kalkfteinuerkleidung fichtbar genug hindurch-
fchaut, einen ftraffen uerfikalen Rhythmus ge-
geben, durch die Wandpfeiler ebenfo roie durch
die oierfache Reihung der dreigefchoffig zu-
fammengefaßten flacherker. Dadurch ift der
Baumeifter der Gintönigkeit, die durch die gleich-
mäßige Höhe der einzelnen Gefchoffe und fenfter
entftehen müßte, roirkfam begegnet. Gine fehr
ftattliche front präfentiert das große Gckhaus
Roman ITlayr am marienplaß, das Heil-
mann & Pittmann erbaut haben. Ge-
roiffe Anklänge an die Holzarchitektur der
niederdeutfehen Renaiffance, deren dekoratiue
Ginzelheiten hier in Stein wiederholt werden,
fcheinen mir nicht fehr glücklich. Dagegen
ift mit Grfolg uerfucht worden, die fünffache
horizontale Gliederung durch runde Grker zu

Düll & Pezold, Bildhauer, ITlünchen

figuren uor dem Haufe des
Kunfthändlers Drey in ITlünchen

flrchitektonilche Rundlchau 1913
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