Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: 60
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reichliche Verwendung. Bronze-, Stukko-
und keramifchePlaftik befonders in Innen-
räumen, nor allem aber Holzplaffik.

lieben dem Holz findet in neuerer
Zeit die keramifche Plaftik immer mehr
Aufnahme in Innenräumen. Sie bietet
zudem noch den Vorteil dekoratioer farb-
roirkungen. 0. Reich hat in dielem Sinne
keramifche Plaltiken für das Cafe fürften-
hof in Ulünchen geichaffen (Seite 53
und 55).

Cine belonders erfreuliche Crfchei-
nung dieler modernen Renailfance in der
Architekturplaltik ilt die künltlerilche
Wertung und Ausbildung des
Ornaments. Cs roird nicht blofj als
eine den tektonilchen formen lofe an-
hängende Schönheit betrachtet, fondern
als ein die tektonilche form Ichmückendes
Clement, das mit ihr organifch oerbun-
den ilt. Bei den rein tektonilchen farmen,
tnenn lie, roie die Karyatiden, einen Aus-
druck beltimmter ftatifcher funktionen
darltellen, roird die architektonilche Pagik
ftreng betont, ohne aber das Spiel der
formen und das ihnen inneroohnende
freie Peben abzulchroächen.

Der moderne Architekt ftrebt roie
der Bildhauer danach, die für die Plaftik
roirkungsoolllten Stellen am Bau heraus-
zufinden. Reben denfenfferumrahmungen
haben lieh Portale, Haustüren und oor
allem Crker und Hausecken immer roieder
als die beiten Gelegenheiten, Plaftik an-
zubringen, erroiefen. Die non Julius
Sei dl er mit Reliefbildern gefchmückte
fallade der Chirurgilchen Klinik, die
Ichän ausgeltalteten Portale non Pfeifer
an der Kgl. Kreisreallchule und am Reu-
bau des Polytechnikums in ITlünchen
geben dafür gute Beilpiele (Seite 56, 57
und 59).

Welch reiznolle Anwendung die frei-
plaltik am Haule finden kann, zeigen
die non Dul 1 & Pezold gelchaffenen
prächtigen, freiltehenden Pfeilerfiguren
am Haufe Drey (Seite 56 und 57).

Cine roeitere Beziehung non Plaftik und Architektur am Haufe
finden mir in den Hausbrunnen oor: einmal als Brün neben an

der Gartenmauer und das andere nial
als freiltehenden Hausbrunnen.

Die liebensroürdigfte form oon Haus-
plaftik aber ftellt das plaftifche Hausbild
dar, das mit dem Haufe felbft in irgend-
einer gegenftändlichen Beziehung ffeht.
Die Plaftik gehört dann nicht nur archi-
tektonifch, fondern auch gegenftändlich
zum Haufe. In ITlünchen findet man jet^t
bei der glücklichen Crneuerung des alten
fchönen Brauches, Hausbilder am Ge-
bäude anzubringen, fchon genug fchöne
Beilpiele oor. So am Haufe des Stadt-
fifchers Werner, am Gebäude der Waffer-
leitung, am chirurgilchen Spital, am
Rappeneck und am Ballinhaus. ln feiner
lieblichften form zeigt es lieh in dem
ITladonnenbilde an der Ccke der Brunn-
und Damenftiftftrafje in ITlünchen. Cs
ift nicht nur als Hausbild, fondern auch
als C ck 1 ö f u n g bemerkenswert.

Hausbilder oon grofjmonumentaler
Wirkung ftehen oor der fallade des
Reubaues der RTünchener Unioerfität
(Tafel 179), die Reliefs oon Bildhauer
Alberfshofer, die Statuen der Philofophen
oon flofjmann, die beiden Bronzefiguren
auf den monolithen oon Hahn. Die
faffade felbft ftellt ein UTufterbeifpiel
angewandter tektonifcher Plaftik dar.
Die über den Pfeilern der Vorhalle auf
Konfolen ftehenden figuren find, dem
ftarken Akzent des Gurtgefimfes ent-
fprechend, in kräftigem Hochrelief gebil-
det, während die in der Wand eingelaf-
fenen Reliefs als flächenfchmuck wirken.
Die Plaftik diefer faffade zeigt bereits
roieder Reliefroirkung im Sinne alter
Architekturplaltik. Sie ift ftreng archi-
tektonifch gerichtet, und fie ift doch auch
im gegenftändlichen Sinne Ausdruck
der in dem ganzen Baue roaltenden Ge-
finnung.

Die gute neuere ITlünchener Archi-
tekturplaftik roeift uns alfo klar das
Ziel, roohin jede tektonifch bedingte
plaftifche Schmuckkunft ffreben mufj,
um roieder roie die frühere Bauplaftik architektonifchen Charakter
und künftlerifche Bedeutfamkeit zu erlangen.

Ornamentale füllung und ■ Gedenktafel in
Stein, ausgeführt in der oon Karl Killer ge-
leiteten fachfchule für Bildhauer in ITlünchen

Ridda Rümelin, Bildhauer, ITlünchen

Stukkoreliefs in der Paterne des neuen, oon Theodor fifcher erbauten Kunftausftellungsgebäudes in Stuttgart. (Vergl. Seite 34 und 35 in Heft 8)

Architektonilche Rundfchau 1913
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