Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: IX
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flrchitektonifche Rundfchau

1913,2

Seife IX

R. F. H. Fifcher Schloß Scharnhaufen (Württemberg), erbaut 1784

Bus Schmohl & Staehelin, Die architekfonifche Buslefe. Verlag uon W. 111 eyer-Jlf dien, Stuttgart. Zur ßücherbefprechung auf Seite XIV

Umfchau (fortldjung)

deuttchem Vorbild in der Türkei Bahn
gebrochen hat, er berichtete über den
fortfehritt im Grlaß non Ortsftatuten,
die rnachfende Tätigkeit der Vereine für
Denkmalpflege und Heimatfchuß. fluch
in weiten Kreifen der ßeuölkerung
nimmt das Intereffe an der Denkmal-
pflege in erfreulicher Weife zu, und der
rnachfende hiftorifche Sinn der ßeoöl-
kerung ermöglicht fo den rettenden
Ankauf manches alten Bauwerks (zum
ßeifpiel des goldenen Zepters in Breslau),
ln einem Rückblick auf die Denkmal-
pflegetage feit der erften Tagung in
Dresden im Jahre 1900 legte o. Oechel-
haeufer roeifer dar, dafj die moderne
Betnegung fich als gleichberechtigt neben
der hiftarifchen ITlode der Denkmal-
pflege durchgefeßt hat und, nachdem
fie Huft bekommen, felbft duldfamer
gecoorden ift gegenüber den Vertretern
der älteren Richtung. Doch foll kein
neues Dogma an Stelle des alten treten,
nur eine oorurteilsfreie Gntfcheidung
non fall zu fall kann zu guten Grgeb-
niffen führen, einig find beide Rich-
tungen in der Ablehnung aller willkürlichen und nicht in der Sache felbft
begründeten Reftaurierungen, in der Verurteilung aller mittelalterlichen Stil-
fexereien und in der Geringfchäßung jener flfterkunft, die ihr höchftes Ziel
in der Verleugnung aller künftlerifchen Gigenarf und in der möglich» fklaoi-
fchen flnpaffung an die Kunftideale uergangener Kulturperioden ficht und
dabei Diel Unheil in der deutfehen Denkmalpflege angerichtet hat. Der kon-
feroatioe Zug, der feit Ruskins Auftreten die Denkmalpflege in Gngland in
uorbildlicher Weife durchweht, ift endlich auch bei uns jeßt zur Herrfchaft
gelangt, die Chrfurchf oor dem hiftorifch Grworbenen hat fich als Heitftern
der modernen Denkmalpflege auch bei uns jeßt allmählich durchgefeßt.

für den praktifchen Architekten am bedeuffamften war wohl der
Vortrag oon Prof. 6. Högg-Dresden über „moderne Hadeneinbauten in alten
Gebäuden“, einleitend wies er hin auf die reichhaltige, feinem Vortrag zu-
grunde liegende Ausheilung, an der fich rund dreißig deutfehe Städte mit
Aufnahmen alter und neuer Beifpiele non Hadenbauten beteiligt haben. Der
„Handesoerein Sächfifcher Heimatfchutj“ hat eine Auswahl aus diefer Aus-
heilung zu einem Heftchen oereinigf, das er den Teilnehmern widmet und
das an Stelle oon Cichtbildern die knappen Ausführungen des Redners unter-
ftiißt. Diefer fchildert zunächh die form, in welcher neuerdings die fln-
fprüche des Handels zum Schaden unferer Straßenbilder auftreten, und be-
zeichnet als Ausgangspunkt für den grundfäßlichen Wandel der modernen
Hadengeftaltung die Warenhäufer und die nach ihrem Vorbild umgebauten
größeren Gefchäftshäufer, die für das pulfierende Heben der Großhadt ihre
Berechtigung haben, im Handftädtchen und im Dorf aber als Ramfchgefchäffe
das gefchäftliche Heben off geradezu zerhören und zugleich alle alte
Schönheit oernichfen. Die flngft oor diefer übermächtigen Konkurrenz, fowie
der nachahmungsfrieb zwingt die kleinen Gefchäftsinhaber in Stadt und Hand,
es den warenhausartig aufgemachten Oefchäften in der äußeren Grfcheinung
nach ntöglichkeit gleichzutun.

Der Redner unterfcheidet grundfätjlich zwilchen der Denkmalpflegearbeit
in den Gefchäftsftraßen der Großhadt und in denen der Kleinffadt. Cr oer-
langt, dafj in der Grofjhadt gewiffe Bezirke in Übereinftimmung mit dem
Städtebauer für die flnfprüche des modernen Gefchäftslebens freigegeben
werden, damit auf der anderen Seite durch gefchickte führung der Verkehrs-
adern die wertoolle alte Stadt um fo energifcher oor der Zerhörung durch
Hadenausbrüche und Reklame gefchütjt werden könne.

Gr fchildert die ltachfeile, die in kleinen Hädtifchen Verhältniffen für
den Hadeninhaber mit der gedankenlofen Rachäffung großhädtifcher Gefchäfte
oerknüpft find, und oerlangt deren energischen Schufj gegen die Rückfichts-
lofigkeiten der Ramfchgefchäffe, fei es durch Gefetj, durch Ortsftatuten oder
durch Schaufenfterheuern u. dergl. Befonders müßten die in kleinffädtifchen
Verhältniffen oollftändig Sinnwidrigen und das Straßenbild befonders Schä-
digenden Schaufenster in den Obergefchoffen unmöglich gemacht werden.

Beinahe noch einfehneidender für das Straljenbild als die Grfcheinung
der Hadeneinbauten ift aber, wie der Redner Schließlich ausführt, die Straßen-
reklame, alfo. jenes finnlofe Gewirr oon Farben und Schriften, unter dem
heute die Straßenarchitektur förmlich begraben ift. Gr bezeichnet es als
durchaus zweifelhaft, ob Solche einander überfchreienden Reklamen überhaupt
ihren Zweck . erreichen, und rühmt die gefchrnackoolle Schönheit der be-
fcheidenen alten Hauszeichen und der kunftgewerblich heroorragenden flus-
legefchilder. Gegen die derzeitige Reklamefucht unferer Geschäftswelt aber
empfiehlt er abermals das Kunhfchufjgefetj, fowie eine Scheuerung durch
die Gemeinde. Vor allem gelte es, Kaufleute und fonhige Hadeninhaber zu
belehren und aufzuklären, Solange diefe nicht einfehen, dafj die derzeitigen
kulturlofen Zuhände nicht forfdauern dürfen, da Sanft alle Bemühungen der
Denkmalpflege oergeblich bleiben. Zu diefer Grziehungsarbeit fordert Högg
die hierfür einflußreichen Stellen, die Handelskammern, die oolkswirffchaff-
lichen Vereine und Innungen nachdrücklich auf.

An den Vortrag Schloß fich eine flusfprache. Schließlich wurde be-
fchloffen, die Herausgabe eines Werkes, in dem die noch erhaltenen alten
guten Kaufläden enthalten fein fallen, nach Kräften zu fördern. Prof. Högg
und Geh. Hofrat Prof. Gurlitt werden fich zu diefem Zweck zufammentun.
Die Ausheilung aber foll als Wanderausstellung dem „Dürerbund“, dem „Bund
Heimatfchuß" und dem „Rheinifchen Verein für Denkmalpflege und Heimat-
fchuß“ anoertraut werden.

Als zweiter Punkt Stand auf der Tagesordnung der gefeßliche Schuß
kirchlicher Kunftdenkmäler, zu deffen Grörterung drei Berichterftatfer behebt
waren. Zuerft Sprach Profeffor Dr. Bredt-Barmen über den gefeßlichen Schuß
oon Staats wegen. An zweiter Stelle erffattete Superintendent Wiffemann-
Hofgeismar Bericht, an dritter Stelle Konferoator Prof. Dr. Sauer-Freiburg i.Br.

Über Feuchtigkeit in Kirchen fprach Geh. Oberbaurat Ho ßfc ld-
Berlin. Zu ihrer Beseitigung fehlug der Vortragende eine Reihe oon ITlaß-
nahmen oor, fo gegen Grundwaffer wagerechte Ifolierung, etwa mit Sybel-
fchen Platten, die mittels Sägeoerfahrens eingebracht werden. Gin anderes
Verfahren bilde die Senkung des Grundwaffers. Diefe kann aber, wenn Holz-
gründungen oorhanden find, mit großen Gefahren oerbunden fein, fln-
drängendes Hrömendes Grundwaffer ift mit Dränage unfchädlich zu machen.
Genügende Vorfluf ift dabei Bedingung. Fehlt fie, fo find Sickergruben an-
zuwenden. feuchter ITlauerfuß entsteht oft auch durch Wachfen der Boden-
gleiche. Hier helfen oorübergehende Freilegung der blauem, unter Um-
ständen regelrechte, dauernde Trockengräben. Kommt die Feuchtigkeit oon
oben, fo trägt gewöhnlich die Undichtigkeit der Dächer, Abdeckungen, Platt-
formen ufw., befonders die der flnfchlüffe derfelben, die Schuld. Sehr häufig
ift es aber die Feuchtigkeit oon innen, unter der die Kirchen leiden. Die
Kirchenräume werden nicht genug gelüftet. Die Huft muß zirkulieren können.

(fortfefjung Seite X.)

Neue

Unzerbrechlich

Allergesellschaft, Berlin O. 17.
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