Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: VII
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flrchitektonifche Rundfchau

1913,5

Seite VII

franz Zell (B.D.H.), ITlünchen

Cine Parallele kann nur dann fruchtbar roerden, wenn mir non der
modernen Stadtbaukunlt ausgehen. Was roollen wir? Was roollen uidleicht
nur einige unter uns? Gibt es ähnliche Beltreben früher? Welch Sichtbarer
Ausdruck wurde ihnen uerliehen? Können uns diele Gestaltungen fördern?
Damit roird das Verhältnis zwischen alter und neuer StadlbaukunSt uerSchoben.
6s iSt nicht mehr die form, Sondern der formprozeß, den mir, uns kräf-
tigend, miferleben möchten. Wir finden Heute mit ähnlichen Problemen be-
fchäffigt, roie die Sind, die unSere Zeit bewegen, deren miterleben und Iteu-
durchdenken uns fördert roie das Durchdenken uorbildlicher Arbeiten unterer
Zeitgenossen. Wir Suchen den StadtbaukünStleriSchen GeStaltungsgeSeßen bei-
zukommen, die in jedem praktischen fall und durch jeden Schaffenden zu
neuer besonderer fc'rfcheinung gelangen. Solche Betrachtungsweise der nun in
Wahrheit lebendig werdenden früheren Teistungen bringt uns zu ihnen in
doppeltes Verhältnis. Zunächst in ein kritisches. Als Architekten mit bestimmt
gerichtetem Willen werden wir nicht alles, was frühere Zeit architektonisch
uollendet aufbaute, gleichmäßig bewerten. So werden wir das rounderoolle
Geroächs Dürnberg weiter lieben, doch kühler eingeStehen: Solch Sfadtbauliches
Gestalten liegt nicht auf unSerem Weg. Diele kritische Betrachtung mit Augen
offen für unSere Zeit wird uns andererseits auch Dinge zeigen, die aus ähn-
lichen künstlerischen Bestrebungen roie die unterer Zeit entsprungen Sind. Der
Stadtplaner roird darin roie in Arbeiten Seiner Zeitgenolfen Gutes und BöSes
finden. BöSes, das er befSer macht, Gutes, das er für Sich gewinnt, indem
er es neu gestaltet. UnSer Verhältnis wird damit ein eklektisches. Doch es
iSt ein Eklektizismus, weit entfernt uon Stilnachahmung, ein Eklektizismus,

der als Tradition jeder künstlerischen Ent-
wicklung inneroohnt und ohne den auch
die CeiStungen eines ITlefSel unerklärbar
wären.

Wir bemerken heute das Bestreben
des Klein Wohnungsbaues, gleich-
mäßige Reihenhäuser mit typischen Grund-
rissen zu geben. Bedeutende Vorteile in
der Bauausführung und Bewirtschaftung
entspringen daraus, ihre form iSt Ausdruck
der Organisation und GeSchloSSenheit der
arbeitenden ITlaSfen. DieSe Reihenhäuser
finden Sich faft auslchliefjlich in den jüngsten
Siedelungen unterer Industriegebiete. Wir
Sehen uns in der Vergangenheit nach Ähn-
lichem um. Schon 1620 errichtete die Stadt
Ulm, die in ihren Kleinroohnungsuerhält-
niSSen auch heute uorbildlich iSt, eine An-
zahl KleinroohnungshäuSer für die Stadt-
Soldateska. lloch früher, 1519, baute fugger
in Augsburg eine ganze Kolonie zweige-
schossiger Reihenhäuser für Seine Weber,
die faSt uollttändig erhalten iSt. DieSe Über-
einstimmung läSgt neues und Altes Der-
gleichen. Die GrundrißlöSung iSt uollkom-
mener geworden, ln künstlerischer Hinlicht,
in der Behandlung uon flächen und Dach,
in ihrer rhythmischen Gliederung durch
fenSter und Türen, der Sachlichen Anord-
nung uon Wahnhöfen und WahnStraßen
bleiben die alten Schöpfungen auch heute
uorbildlich.

DieSes Streben nach ZuSammenSchluß,
nach Bildung großer Einheiten macht Sich
auch beim Wohnhausbau bemerkbar.
Alan betrachte die Zerrissenheit einer Black-
roandung unterer Städte, um die künst-
lerische Berechtigung eines Solchen Wunfches
zu uerStehen. Teile, immer nur einzelne
Teile Stehen zusammenhanglos nebeneinan-
der, der Blick ermüdet und roird Stumpf
für BeSSeres, für die monumentale CeiStung.
Wir finden nun eine gleiche Bestrebung zur
Gestaltung eines einheitlichen Blocks über-
aus bezeichnend für das achtzehnte Jahr-
hundert. Das köstlichste Beispiel in Deutsch-
land bleibt die TheaterStraße in Würzburg,
nach den Angaben des großen Barock-
architekten BaltaSar neumann angelegt. Wir finden infrankfurt a. 111. ein ganzes
So gestaltetes Quartier ältlich uon der alten mainbrücke, in Seiner SelbStuerftänd-
lichen Bürgerlichkeit das Entzücken des modernen Architekten. Wir finden
nach diefen Gesichtspunkten angelegt Sogar eine ganze Stadt, Bath in England,
die großartigste TeiStung alter Stadtbaukunlt. Wenn nun Schmidt in ESfen,
Wolf in Schöneberg, Plaß in Hamburg und uiele andere Ähnliches anltreben,
läßt lieh fragen: was erreichten die älteren Architekten mit dielen einheitlichen
Bildungen? Spielen wir ein ähnliches Instrument, So können mir auf die
Klanggruppen früherer Zeit horchen.

Alle Wirkung in der KunSt ift relatiu. Das Bedeutende roird gesteigert,
roenn ihm kein Abbruch getan roird und das Unwichtige Sich unterordnet.
Ruhige Straßenwände bilden den notwendigen Grund für bedeutende Bauten.
Erft in Solcher ruhigen fügung leuchtet die monumentale Situation, feinheiten,
die uns heute noch unerreichbar Scheinen, waren nach dieSer Richtung SelbSt-
uerStändlichkejten aller Stadtbaukunlt. Und diete SelbStuerStändlichkeiten
wurden künstlerisch weiter durchgeStaltef, die Kontraste uerStärkt, die Bezie-
hungen gesteigert. Wird es uns möglich Sein, einen Solchen lllarktplaß zu
Schaffen, wie ihn Tudroigsburg bei Stuttgart beSißt, gar nicht zu Sprechen uon
den königlichen Pläßen des alten frankreich? führe ich diele an, So brauche ich
mich doch kaum gegen den Vorwurf einer Entcharakferifierung unSerer deut-
schen Städte zu wahren. Immer Sind es nur die architektonischen formgeSeße,
die wir beherrschen lernen roollen. Das ausgezeichnete Projekt eines ITlarht-
plaßes für Herne in Westfalen uon Kurzreuther beweist, roie fruchtbar das
Studium des Alten für modernstes Schaffen Sein kann. («ortiefjung Seite vni)

Tandhaus Schöllet in SchlierSee. Eingang. (Vergl. Tafel 77)

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