Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: VIII
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flrchitekfonilche Rundl'chau

Seife VIII

1913,5

franz Zell (B.D.A.), manchen Tandhaus^der Baronin Eichtal in Starnberg. Vorderfeife

Vielleicht werden lieh auch Dinge entdecken lallen, nach denen cs uns
dunkel drängt, die wir gleich dem Citeraten aber einmal in uoller Kraft
durchleben müiten, um lie künltleritch zu gehalten. Kunlt im Stadtbau heifft:
ein Verhä 11nis zroiichen der PI aiti k der Baumalten und den Räumen
uon Straffen und Plätjen finden. Das architektonitche Gefühl für Raum
ift jung, in der Stadtbaukunff fehr jung. Jahrzehntelang haben untere tech-
nifchen Hochfchulen die Dreffur auf die plaftifchen formen betrieben. Und
doch, ift Raum einmal ftark empfunden, fo erfcheint er als Ziel und höchfte
leiftung der Baukunft. Huf feiner macht beruht die Wirkung der italienifchen
Städte, uor allem Roms. Getuifj find die fozialen fragen, die roirtfchaftlichen
Unterfuchungen, die hygienifchen Forderungen für,den Architekten überaus
wichtige Vorbedingungen. Aber erft im räumlichen Gehalten wird er der
Kiinftler, der uns über uns felbft hinaushebt. Hier erh gelangt der Drang
nach Synthefe zu Refultaten und fetjt an Stelle unfruchtbarer Jfolierungen be-
ziehungsreiche Zufammenhänge. Die ITlenfchen werden nicht glücklich, wenn fie
nur praktifch bedient werden, nicht darüber hinaus und auch in fchöner form.
Raumgeffaltung bleibt endlich das allermarkanteffe mittel, um unferen Städten
Charakter zu geben, man denke an bekannte Städte. Flur bei wenigen
fpricht die Silhouette das ausfchlaggebende Wort. Alle aber wirken durch
die formgebung und den Rhythmus ihrer Stralfen und Plätje. Denn der
menfeh wird, fich felbft bewegend, in diele räumlichen Gebilde hineingezmun-
gen, ganz ftark, Holz oder ernüchtert erlebt er fie. Raum ift nicht zu kopieren,
er ift eine Kategorie des architektonifchen Schaffens. IHan muff ihn empfinden,
um ihn gehalten zu können.

Wir find alle dauon überzeugt, dafj die bedeutende Wirkung uon Raum-
oerhältniffen für monumentale Anlagen, fei es ein fehhaus oder eine Platj-
gruppe, ausfchlaggebend ift. Und doch find untere Gütungen nicht hoch.
Ganz anders die alte Stadtbaukunff. In der Erfüllung folcher forderungen
fchuf fie ihr Beites, hier kann man fich ganz erfüllen mit Geftaltungsdrang.
Das fchon erwähnte Bath, zum gröfften Teil nach den Plänen Woods feit
1725 erbaut, ift noch jefjt uorbildlich in der Anlage uon Verkehrsradialen und
der Einfügung uon Wohnquartieren, mächtig in der Wirkung feiner Plätje
und prachtraufchend in der zufammenhängenden Gruppierung feiner Crescenfs,
weiter, halbkreisförmiger Plätje in einheitlicher architektonifcher Durchbildung,
die fich uon den Bergen herab gegen grüne flächen und die tiefliegende
Stadt öffnen.

neben ausgedehnten Parallelbeftrebungen und der geffeigerten Einficht
in die Kategorien architektonifchen Schaffens Iahen fich eine fülle aphorihifcher
Crkenntniffe gewinnen. Wie können Bäume wirkungsuoll uerteilt werden?
Wie läfjt fich eine Straffenuerbindung bei uerfchiedenem lliueau erreichen? Wie
fügt fich eine monumentale Anlage in einen Block ein? Wie läfjt fich ein
Grünplatj als Perfpektiue und doch als Spielplafj in fich abgefchloffen geben?
Immer aber gilt uns der Gefichtspunkt als das höchfte zu erkennen, dalf
etwas gemacht werden fall, nicht wie es gemacht werden kann, Wir Kellen
uns immer noch zu wenig Aufgaben.

Überaus wichtig bleibt folche Betrachfungsweife für die Erziehung
des jungen Architekten. Gerade alte Stadtbaukunft uermag ihn am

(Sortierung Seite IX)

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