Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 29.1913

Seite: VII
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flrchitckfonifche Rundfchau

1913,6

Seite VII

Rauello-Sorrenf Aufnahme uon Emil Wille, Rom

Römer, die fern uon Kriegsunruhen ein angenehmes Heben
führen wollten. Dielem Umftande ilt der große Reichtum an
antik-römifchen Bauteilen, belunders an Säulen zu uerdanken,
den das lTlittelalter oorfand und gefchickt zu aller Art uon
Bauten zu uerroenden uerttand. Der Reichtum des antik-römi-
fchen Baumaterials toar fo groij, daß man defren Reite nicht
allein in Kirchen, Paläffen und Überreifen der Befeftigungen,
fondern auch in befcheidenen Bauernhäufern noch jeßt in Raoello
uorfindet.

Im Anfänge des 9. Jahrhunderts roar die Republik Amalfi,
zu der Rauella gehörte, zu großer Blüte gelangt. Aus den
Kreuz- und Raubzügen nach dem Orient brachten die Einwohner
Rauellos neue Architekturmotioe mit allem farbenreichen Huxus
des Orients in ihre Heimat mit zurück. So fand auch der
orienfalifche Spißbogen Eingang.

Vom Jahre 900 ab begannen die Einfälle der Sarazenen,
denen es Schließlich gelang, feiten Fuß in Rauello zu fallen. Sie
führten in dem das ITleer beherrlchenden, hochgelegenen Berg-
Siße eine grolle Anzahl prächtiger Gebäude mit orientalilchen
Anklängen aus. Die Überreite des Palazzo Ruffalo, des gröljten
jener alten, larazenifchen Palälte, geben eine Vorstellung der
hohen Vollendung der überaus reichen und graziös ausgebildeten
Architektur jener Epoche farazenilcher Kunlt. Die Art der Spiß-
bogen und der Geroölbekonltruktionen des Trcppenhaules be-
roeifen den Urlprung aus dieler Sarazenenepoche.

Im 12. Jahrhundert wurde Rauello uon den Pilanern ein-
genommen, und Io entdeckt man dort auch lüotiue der gleich-
falls mit der orientalilchen Baukunlt uerwandten pilanilchen
Gotik.

Da alle diele Stilepochen in Raoello ihre Spuren hinter-
lallen haben, fo iff dem Orte ein einzigartiger, äußerff uielformiger
Baucharakter aufgeprägt, mit dem Reichtum an kolfbaren
Architekturteilen früherer Epochen ging man noch in der Renaif-
fance Io uerlchwenderifch um, daß man lie lelblt in Wirtfchafts-
räumen der Palälte oerwendet findet.

Über diele Ruinen in üppiger, Südlicher Vegetation, in
landlchaftlich großartiger Hage hat die Üatur eine poefieuolle
Patina gebreitet; Imaragdfarbene ITlooSe, maigrüne Farnkräuter,
hellbläulich grüne Flechten rufen in dielen Ruinen auf den gold-
gelben Steinquadern und den lilbergrauen, glanzlofcn JTtarmor-
läulen einen märchenhaften, myltilchen Farbenzauber heroor.
ln hellen mondlchcinnächten beleben lieh die zerfallenen Archi-
tekturen, die Phantalie Ipinnt lieh hinein in ihre ehemalige
Schönheit, ihre Pracht und ihre Reize, und begeiltert möchte
man etwas uon dielen Reizen hinüberretten auf Schöpfungen
unteres modernen Zeitalters. Emil Wille, Rom

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niffe führten ferner den Palalt uon Jahr zu Jahr noch mehr dem Untergange
entgegen und zurzeit haben lieh Schließlich arme Heute aufs notdürftigste in
ihm eingerichtet.

Fremde, befonders Engländer, hatten es daher leicht, die alten Palälte
auszuplündern und haftbare Architekturteile, ITlarmorbekleidungen, Säulen
und anderes für wenig Geld zu erwerben. So lieht man auf der Zeichnung,
daß die die Spißbogen tragende Säule im Vordergründe einer gleichen am
Treppenanfange entsprach, uon der man die Tragplatfe für das Gewölbe nicht
mit herausftemmte, weil dieles Sanft herabgeftiirzt wäre.

Im Häufe der Jahrhunderte Sammelte Sich durch die Zerstörungen So uiel
Schutt am Fuße der Treppe an, daß jeßt die Baien der Säulen uom PflaSfer
oerdeckt Sind. Das Kapitell der in der Zeichnung dargestellten ITlittelSäule ilt
antik-römifchen Ursprungs, ebenSo eine Anzahl anderer Bauteile, z. B. Tür-
architraue.

Um das Zustandekommen der äußerst reizoollen Architekturen Rauellos
oerStehen zu können, ilt ein kurzer Einblick in die bewegte Vergangenheit
Rauellos uon architektonischem InfereSSe.

Raoello entwickelte Sich aus einer Sehr kleinen römischen Kolonie. Es
waren die Geretteten eines Teils der Schiffe des Pompejus, der auf Seiner
Flucht nach Afrika an der Külte uon Amalfi Schiffbruch erlitt. Diele Kolonie
entwickelte Sich in dem uor Krieg gefchüßfen hohen Bergorte aufs günftigfte.
Raoello wurde allmählich der beuorzugte Zufluchtsort reicher, uornehmer

Bikherbefprechungen und BüEheranzeigen

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D. Jofeph, Gefchichte der Baukunlt uom Altertum bis zur Reuzeit.

2. uerbeSSerfe und oermehrte Auflage mit 1752 Abbildungen. Vier Bände.

Verlag uon Baumgärtners Buchhandlung, Heipzig. Preis ITT. 40.

Das Buch kommt offenbar einem Bedürfnisse entgegen, da heute, inner-
halb eines Jahrzehntes nach dem Erscheinen der Starken ersten, eine zweite
Auflage der beiden erften Bände notwendig geworden ift, denen Sich die
neuerdings erschienenen zwei Halbbände der zweiten Abteilung (19. Jahr-
hundert) ueruollStändigend anlchließen. Und in der Tat begreift Sich das
beim Durchblättern Schon; ein derartiges Bilderwerk, in dem man ohne weiteres
überall in die jedesmal dargeStellte Architekturwelt mitten hineinuerfeßt wird,
existiert eben fonft nicht. Und das Sehen ilt ja bei Werken der bildenden
KunSt alles — wie das Hören bei denen der lllufik. Die Zeiten, wo man
Selbst derartige Gegenstände nur mit Worten darlfellen durfte, ist unwieder-
bringlich dahin; und die gewaltige Steigerung und die heutige ungeheure
HeiStungsfähigkeit auf dem Gebiete des Anschauungsmaterials gibt den For-
derungen der Gegenwart hier auch überall recht. Wir willen es ja längst:
ein bescheidenes Bild, ein paar Hinien Sagen uns hier mehr als taufend Bände.

(Sortfefjuncj Seite VIII)

Der Name „OSRAM“, der auf dem Glasballon jeder Osram-Draht-
Lampe eingeätzt sein muss, bürgt für Echtheit und Qualität.

AUERGESELLSCffAFT, BERLIN 0. 17,
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