Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 31.1914-1915

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halle, ein Platz für Aeroplane, zwei große Revisionssäle, dazu dann die Verwaltungs- und
Wohnräume der Beamten, und im Anschluß an diese ein paar Hofgärten für die Familien —
man sieht, eine förmliche Zollkolonie war hier zu schaffen, Sie präsentiert sich auf dem
Grundriß ebenso klar und zweckmäßig wie im Aufbau und in der Gliederung der Bau-
teile, Wie imposant mit seinen sechs Geschossen, den sparsam eingesetzten Giebeln, der
Oberlichtkuppel auf dem First nimmt sich der große Betonspeicher aus. Die Front des
Verwaltungsgebäudes betont durch eine vornehmere Ausbildung des Mittelrisaliten die
„Würde des Amtes“, die Prüfungsanstalt, die behaglichen Wohngebäude ordnen sich auf
gute Art der beherrschenden Baumasse unter, reizvoll durchgebildete Toreinfahrten, hier
und da eine gute Portalplastik und das schöne Kalksteinmaterial der Sockel und Archi-
tekturteile vereinigen sich zu einer Gesamtwirkung von vollendeter baukünstlerischer
Gediegenheit, Auch im Innern, z, B, in der großen Schalterhalle, die mit ihren Maßen
von 35 m Länge, 14,5 m Breite und 14 m Höhe fast einer Bahnhofshalle gleichkommt, hat
Kaiser, durch die verständnisvolle Mitarbeit des Ingenieurs unterstützt, aus der Wölbung
des Eisenbetons selber die einfachen dekorativen Schmuckformen entwickelt, Nur die
Stirnseiten der Halle zeigen massive Treppenanlagen in poliertem Muschelkalk.

In Schwabing, wo München in den letzten Jahren wohl am raschesten gewachsen
ist, treffen wir einen staatlichen Schulbau von ausnehmender Qualität, Er umfaßt das
Maximiliansgymnasium gemeinsam mit einem Realgymnasium nach dem Entwurf des
Bauamtsassessors Karl Höpfel, Der unregelmäßige Zuschnitt des Grundstücks hat den
Architekten nicht an der Entfaltung seines Könnens gehindert, im Gegenteil: die Anlage
hat dadurch an intimem Reiz gewonnen. Durch die Randbebauung wurde ein großer
beschatteter Schulhof ermöglicht, der sich nach Norden mit einem Bogentor öffnet, das
eine Wölfin von Bildhauer Albrechtshofer trägt. Gerade von hier aus gewinnt man
den Eindruck einer eingefriedeten Klosteranlage, wozu der stattliche Uhrturm des Real-
gymnasiums nicht übel paßt. Er vermittelt zugleich den schwierigen Übergang der Bau-
glieder und weist auf das Hauptportal, Man sieht große, ruhige Dachlinien und mäßig
eingekrümmte oder vorgewölbte Straßenfronten, die Treppen werden durch niedere runde
Türme betont, durchlaufende Simse und Konsolendächer, Bogen- und Rechteckfenster,
zum Teil mit grünen Läden, geben dem Schulbau den Charakter einer freundlichen Wohn-
lichkeit, die durch die gelben Putzwände über dem Zement- und Werksteinsockel und
das rote Ziegeldach noch gehoben wird. Daß die Ausbildung des großen Schulhofes
keinerlei nüchterne architektonische „Kehrseite" aufkommen läßt, lehrt ein Blick auf die
Abbildung 10, Der guten Haltung nach außen entspricht ein gewählter Geschmack im
Innern, Die Konferenz- und Lehrerzimmer, die Turnhallen, die mit ihren getäfelten
Wänden zugleich als Festräume dienen und die Aula entbehrlich machen, entsprechen
dem heutigen Stande unseres kunstgewerblichen Geschmackes und Könnens,

Des besseren Zusammenhanges wegen verweise ich gleichzeitig auf den Neubau der
städtischen Volksschule von Rob, Rehlen, München baut durchschnittlich zwei neue
Schulhäuser im Jahre, Es ist bekannt und oft gerühmt worden, daß die Stadt schon zu
einer Zeit auf diesem Gebiet künstlerischen Ansprüchen Genüge tat, als man anderswo
die Schulbauten nach dem ödesten Reißbrettschema herstellte. Bei uns haben Theodor
Fischer, Wilhelm Bertsch, Hans Grässel im städtischen Dienst wahrhaft vorbildliche
Lösungen mit den einfachsten Mitteln gefunden. Wenn der Staat in neuerer Zeit für
seine Gymnasien ebenfalls künstlerische Kräfte aufruft, so tut er das, um mit dieser bau-
lichen Entwicklung der Volksschulen einigermaßen konkurrieren zu können. Inmitten
der oft noch recht wüsten Proletarierviertel in Giesing, Au, Sendling erscheinen diese
anmutig gegliederten hellen Putzbauten mit ihren Ziegeldächern, Terrassen und Erkern
wie rechte Zufluchtsstätten einer höheren Kultur, Man kann sich denken, daß die Kinder
gern in diese Schulen gehen, Rehlen hat seinem Neubau eine offene Turnhalle angeglie-

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