Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 31.1914-1915

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große Gesellschaft nicht auf lebhaften Kundenbesuch angewiesen, Daher auch die Wahl
des Platzes in dem abgelegenen Schwabinger Wohnviertel am Englischen Garten,

Zur Lage ist vorweg zu bemerken, daß der Bau auf dem höheren Teile eines ab-
schüssigen Geländes geplant war, Der Wunsch des Bauherrn bestimmte die Baumeister,
den Grundriß umzukehren und die Hauptfront nach der entgegengesetzten Seite, an die
niedrige Grenze des Grundstücks zu legen. Nun liegt das Niveau des Gartens und der
meistbenutzten Zugangsstraßen höher als dasjenige des Gebäudes: ein wenig in den Boden
gerutscht kommt es einem vor. Steht man aber vor der Hauptfront mit seinem Säulenhof,
so vergißt man den Eindruck rasch.

Über einem rechteckigen Grundriß umschließen die vier Flügel des Hauptgebäudes
einen Hof, der durch einen Zwischentrakt zweigeteilt ist, Der vorgelagerte Schmuckhof
mit den beiden seitlichen Pavillons hat vollkommenen Schloßcharakter: er könnte die archi-
tektonische Einleitung zur Residenz eines Fürsten sein. Mächtige jonische Doppelsäulen
in Muschelkalk tragen Terrassen mit steinernen Becken und plastischen Symbolen der vier
Elemente (Bildhauer J, Wackerle und E, Geiger), Die vier Geschosse sind im Höhenmaß
beschränkt, die beiden Hauptgeschosse, in den Maßen gleich, werden durch einen durch-
laufenden Fenstersims und ein kräftig ausladendes Kranzgesims energisch zusammen-
gehalten, Ein Obergeschoß, teilweise in Mansarden aufgelöst, sowie ein stattliches an den
Eckrisaliten abgewalmtes Satteldach bekrönen das Ganze, Die ungemeine und fast über-
raschende Wirkung des Baues wird durch den geometrisch angelegten Garten, in dem sich
ein anmutiger Pavillon für die künstliche Zuführung frischer Luft in die Arbeitsräume erhebt,
nicht unwesentlich gesteigert; sie beruht in der Hauptsache auf einer vornehmen Proportio-
nalität und der diskreten, aber mit sicherem Geschmack geordneten Verwendung der
dekorativen Zutaten, Auch sind z, B, die Portale, abgesehen von ihrer unzulänglichen
Basis, an sich sehr schön durchmodelliert, treten aber nicht selbstherrlich hervor. Wieder
fühlen wir uns an die heitere Festlichkeit des Barock gemahnt, obgleich der Bau in jeder
konstruktiven wie dekorativen Einzelheit modern durchdacht ist. Besonders glücklich
gemischt sind seine Farben: die glatten Putzwände ockergelb, das helle Grau des Muschel-
kalks und ein wunderschönes warmes Grauviolett der holländischen Dachpfannen — das
gibt einen famosen Akkord. Im Inneren repräsentieren Vestibül und Treppenhaus, besonders
aber der von Fritz Erler mit großen Fresken geschmückte Sitzungssaal die Würde dieses
modernen Kaufmannshauses aufs beste. Daß auch die eigentlichen Arbeitsräume für das
Personal ebenso praktisch wie gediegen mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet sind, ver-
steht sich von selbst. Der Dreimillionenbau könnte sehr wohl der Sitz einer höchsten
Landesbehörde sein. Daß er dem kaufmännischen Leben dient, darf nicht nur die Kauf-
leute, sondern auch diejenigen mit Genugtuung erfüllen, die seit langem für einen besseren
Anschluß unserer kaufmännischen Kreise an den künstlerischen Geist der Zeit eintreten.

Für den Kunsthandel ist ein solcher Anschluß eigentlich selbstverständliche Ver-
pflichtung. In der Tat haben denn auch unsere großen Antiquitäten-Firmen wie Bern-
heimer oder Drey ihre Neubauten namhaften Baukünstlern anvertraut. Die Erweiterung
des Hauses Bernheimer von Friedrich von Thier sch ist zwar stark florentinisch nach-
empfunden, das Geschäftshaus Drey am Maximiliansplatz aber gehört zu den glücklichsten
Entwürfen aus der Spätzeit Gabriel Seidls. Sein Bruder, Emanuel Seidl, hat dann mit
dem Ausstellungshause für die Kunsthandlung Brackl eine ebenso schwierige wie originelle
Lösung versucht: ein „Kunsthaus“, das einen ovalen Oberlichtsaal durch eine Galerie für
zwei Geschosse ausnutzt und rundherum eine große Anzahl intimer Kabinette zeigt, eine
ganz besondere Mischung von Wohnhaus und Geschäftshaus.

Gabriel Seidl begann seine Arbeit in München mit dem Neubau eines großen
Wirtshauses, und seither sind die Münchener Bierhallen und geräumigen Kellersäle
beinahe schon eine internationale Einrichtung geworden. Das Münchener Kaffeehaus

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