Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 31.1914-1915

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hat an dieser Entwicklung nicht recht teil genommen, die glanzvoll stukkierte Herrlich-
keit des Cafe Luitpold — eine echte Gründerpracht — galt bis vor einigen Jahren als
das Feinste, Nun hat man ganz rasch nacheinander ein paar Cafes eröffnet, in denen
großstädtischer „Betrieb“ gemacht wird wie in Berlin, und wo es von Kunst sozusagen
strotzt. Alle möglichen dekorativen Stilelemente kann man da in munterer Melange bei-
sammen finden, gar nicht ungeschickt, mit einem gewissen Schmiß verrührt, aber letzten
Endes doch aufdringlich und überladen. Es sind das die Cafes der großen Fremdengasse,
die vom Bahnhof zur Innenstadt führt, an neuen Hotels vorüber, die ebenfalls recht
komfortabel zu sein streben. Am meisten geglückt ist das beim langsamen Umbau des
Continental-Hotels im alten Palais Gumppenberg, wo namhafte Künstler wie Ino Camp-
bell, L, Hohlwein und Ferd, Goetz die Innenausstattung auf eine ungewöhnlich hohe
geschmackliche Stufe gebracht haben.

An typischen Industriebauten ist München arm. Die großen Brauereien, an die
hier zunächst zu denken ist, haben im letzten Jahrzehnt keine bedeutenderen Neuanlagen
unternommen. Als ein wohlgelungener Versuch, modernen Ansprüchen gerecht zu werden,
erscheint das neue Gerstenhaus der Löwenbrauerei von den Gebrüdern Rank. Es
ist ein ehrlicher Betonbau, klar konstruiert und von guten Verhältnissen, im Erdgeschoß
mit Durchfahrten und Bogenfenstern, in den oberen Geschossen ebenfalls als Fenster-
wand und nicht als Glasvitrine behandelt.

In den Vorstädten mehren sich die guten Landhäuser, die zwar durch die Be-
grenztheit der Grundstücksmaße ihre städtische Existenzbedingung nicht verbergen können,
aber doch dem individuellen Bedürfnis nach häuslichem Behagen des Besitzers künstlerisch
freier Rechnung tragen können, als die städtischen Zinshäuser mit mehreren Wohnungen,
Es ist bezeichnend, daß diese Villen der Peripherie von manchen Architekten getrost „auf
Vorrat,“ für einen unbekannten Abnehmer, Käufer oder Mieter, erbaut werden, Warum
auch nicht? Wir sind vom Ehrgeiz des „Individualissimus“ im Landhausbau gottlob freier
geworden, Vor allem ist die Grundrißgestaltung für ein Haus mit 6—8 Zimmern und Neben-
räumen kein unerschöpfliches Problem mehr, typische Lösungen stehen in Menge zu
Gebote, Der Ehrgeiz der Architekten erstreckt sich jetzt mehr und mehr darauf, dem
Einzelhause durch seine Stellung innerhalb einer Gruppe zur besseren Wirkung zu ver-
helfen, In diesem Sinne haben Th, Veil und G. Herms im Herzogpark, der binnen
wenigen Jahren mit großen Baublöcken gefüllt worden ist, eine kleine Kolonie von vier
Landhäusern auf eigenes Risiko erbaut. Durch den Wechsel zwischen der Baufluchtlinie
der Flügelbauten und dem geschickt zusammengezogenen Doppelhause in der Mitte ist
ein ebenso intimes wie vornehmes Straßenbild entstanden, das hoffentlich durch den
Baumschutz vor der geschlossenen Blockbebauung der Nachbarschaft abgesondert bleiben
kann. Die Räume, die den intimeren Wohnzwecken dienen, sind geflissentlich an die
ruhige Gartenseite verlegt, während die Straßenfront, wie z. B, die kleinen Fenster des
benachbarten reizenden Hauses Pick-Rieken erkennen lassen, für Nebenräume und Vor-
zimmer ausgenutzt ist. Auch in der neuen Waldkolonie Harlaching auf der Höhe des
Isarufers, für die Gabriel Seidl den Bebauungsplan entworfen hat, zeigen die Speku-
lationsbauten der Immobilien- und Baugesellschaft einen erfreulichen Stand des Geschmackes.
Immerhin kann man hier eher noch Beispiele für eine zur Schau gestellte häusliche Ge-
mütlichkeit finden, als etwa bei den ganz diskret behandelten Landhäusern von Paul
Troost, dessen Haus Böninger, an einem bepflanzten Straßenhang gelegen, durch eine
trefflich abgewogene Terrassierung des Gartens seinen besonderen Reiz erhält und heute
schon fast die Patina des reifen Alters trägt. An solchen Landhäusern, denen ich das
Haus Kuppelwieser von Paul Troost, das Haus Veiel von Carl Jäger, oder das Landhaus
Beiz von Jul. Metzger zugesellen möchte, geht der Laie meist achtlos vorüber, weil an
ihnen nicht viel „dran“ ist, wenn sie ihm nicht durch die Farbe oder sonst eine Äußer-

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