Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 31.1914-1915

Seite: 65
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Architektonischer Gefühlsmaßstab.

Von Carl Hocheder, München,

Der innere Maßstab.

Von dem Augenblick an, in dem der Mensch sich seines Ichs bewußt wird, beginnt
er schon die Beziehungen zu seiner Umwelt anzuknüpfen, fängt er an, von sich aus zwischen
groß und klein zu unterscheiden, anfangs durch förmliches Abtasten seiner nächsten Um-
gebung, allmählich aber immer weiter ausgreifend, bis er schließlich zu jener ungemeinen
Gewandtheit der Auffassung von Außendingen vordringt, die ihn befähigt, schon auf den
flüchtigsten Augeneindruck hin mit Hilfe seines Erinnerungsvermögens sich blitzartig schnell
zurechtzufinden.

Der naiv schauende Mensch liest aus dem betrachteten Bilde keine Maßunterschiede
einzelner Erscheinungen heraus, wie sie sich dem Zeichner oder Maler bei der Übertragung
solcher Bilder auf Papier oder Leinwand als Ursache perspektivischer Verkleinerung offen-
baren, sondern das dunkle Pünktchen, das er aus kilometerweiter Entfernung als einen Men-
schen erkennt, ist ihm genau so groß wie sein eigener Körper, und das in der Ferne ganz klein
auftauchende Haus genau so hoch wie das neben ihm stehende gleicher Stockwerksanzahl,
Des Größenunterschiedes der bildmäßigen Erscheinung infolge von Entfernungsdifferenzen
wird sich jedermann eigentlich erst so recht bewußt, wenn er zum ersten Mal selbst daran
geht, nach der Natur zu zeichnen. Und dennoch findet sich der Mensch in der Welt der
Erscheinungen maß-
stäblich auch ohne
diese Erkenntnis zu-
recht, hat also außer
dem Sehen unter
Mithilfe seines Er-
innerungsvermögens
gar nicht nötig, sich
des photographi-
schen Sehens be-
wußt zu werden, es
hindert aber auch
nicht daran, daß der
Sehakt dennoch in
Form eines ständigen
Abmessens und Ab-
schätzens von Grö-
ßenverhältnissen sich
vollzieht.

Dieser tatsäch-
lich bestehende Un-
terschied zwischen
dem naiven Schauen

Abb. 127. Tempel zu Karnak.

des Menschen und
dem auf die Bilder-
scheinung gerichteten
Sehen des Künstlers
ist, so selbstverständ-
lich es sein mag, doch
merkwürdig genug,
um auf ihn im Zu-
sammenhang mit den
Vorgängen des
messenden Sehens
besonders aufmerk-
sam zu machen.

Daß es sich bei
diesen Messungen mit
dem Auge in beiden
Fällen nicht um prä-
zise Maßbestim-
mungen handeln
kann, ist ohne weite-
res einleuchtend; viel-
mehr kommt es dabei
mehr auf ein schnell-

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