Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 31.1914-1915

Seite: 69
DOI Artikel: 10.11588/diglit.27701.5
DOI Seite: 10.11588/diglit.27701#0073
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architektonische_rundschau1914_1915/0073
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Architekturwerkes sich einmal leicht und
schlank und das andere Mal schwer oder
gedrungen darbietet, so muß sich dieses jedes-
mal verschiedene Wesen der Gesamterschei-
nung ohne weiteres auch auf ihre jeweiligen
Unterstufen übertragen.

Wie weit die Untergliederung gehen darf,
bestimmt die gröbere oder feinere Struktur
des verwendeten Materials, Damit wird ein
durchgehends einheitliches Maß für die klein-
sten Glieder, die Profile, festgelegt- Im Zu-
sammenhalten mit der proportionalen Unter-
teilung ergibt sich daraus, daß z. B, die Ge-
simse mit dem Wachsen ihrer Größe in der
Untergliederung reicher gestaltet werden
müssen.

Ein solch mehrstufigerUntergliederungs-

0 . , a . , r 0x. , i r Abb. 136. Maria Laach,

prozeß, wie er hier ms Auge getaßt ist, dari

im besonderen Maße als eine Eigentümlichkeit der antiken und davon ableitenden Re-
naissancebauauffassung angesehen werden und dürfte bei den mittelalterlichen Stilen nicht
in der gleichen Bestimmtheit nachzuweisen sein. Das hängt mit der Verschiedenheit der
Grundvorstellungen beider großer Stilrichtungen zusammen.

Wir erblicken in der antiken Bauauffassung ein zu Stockwerkunterstufung viel
mehr geneigtes Gefüge, das in seinen Uranfängen aus der Verwendung des Holzes
heraus geboren und erst in der Fortentwicklung auf Stein übertragen worden ist,
wobei die Konstruktionselemente ihre vom Holzbau her zugestandene Selbständigkeit be-
wahrt haben, wie das zu sehen ist an Säulen, Pfeilern, Gebälke etc,, die in sich ab-
geschlossene Körper sind und sich deshalb einzeln ohne Verstümmelung aus dem Zusam-
menhänge herausnehmen lassen.

Ganz anders verhält sich die Unter-
gliederung in den mittelalterlichen Stilen.

Hier wird vorwiegend die Form durch Ein-
dringen in die Mauermasse gewonnen
und es entsteht damit ein mehr nach Pflanzen-
art gewachsenes Steingebilde, dessen Teile so
innig mit der Wand verbunden bleiben, daß
sie bis auf untergeordnete Dinge sich keines-
wegs ohne Zerstörung der Nachbarschaft
entfernen lassen, Ein Vergleich zwischen dem
Regensburger Dom und dem Erechtheion zu
Athen läßt diesen Unterschied sofort er-
kennen.

Dennoch bleiben auch für den mittel-
alterlichen Stil die erwähnten Proportions-
gesetze, wenn auch in geringerem Grade,
wirksam; wir dürfen nur an den Wechsel
der großen Hauptdurchbrechungen der Wand
mit den kleinen Triforienöffnungen denken
und an die den jeweiligen Öffnungsgrößen

angepaßten reichprofilierten Abschrägungen, Abb. 137. Dom zu Regensburg.

18

69
loading ...