Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 31.1914-1915

Seite: 72
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die einen Kragstein auf nehmen, auf den
dann der Mauerbogen sich stützt. Die
Kapitäle und der Kragstein repräsen-
tieren dann den Übergang vom feinen
Maßstab der dünnen Säulenschäfte zu
dem des dicken Mauerleibes des Bau-
werks.

Es braucht indes nicht immer ein
Materialwechsel zu sein, der zu Maß-
stabsübergängen drängt. Bei den Re-
naissancepalästen mit ihren in Pilaster-
ordnungen aufgelösten Stockwerken
entsteht für die Pilaster oder Säulen
des obersten Stockwerkes der Kon-
flikt, daß sich auf diese das nach der
Gesamthöhe des Palastes bemessene
Hauptgesims lagern muß, das natürlich
den schwachen Stützen des letzten Geschosses gegenüber viel zu schwer ausfällt. Diesen
Konflikt zu beseitigen war die stete Sorge der Renaissancearchitekten, befriedigend gelöst
ist dieser Konflikt eigentlich erst in der Spätzeit der Renaissance, unter anderem durch
Galeazzo Alessi's Palazzo Marino, in Mailand, Abb. 143, der an die Stelle der
schwachen Pilaster einfach eine freie hermenartig gebildete Stütze setzte, deren stark bewegte
Form einer größeren Last den genügenden Widerstand entgegenzusetzen scheint.

Der äußere oder positive Maßstab.

Bisher hatten wir uns in der Maßstabsfrage auf die Sonderheiten des inneren Maß-
stabes ein und desselben Objektes beschränkt, und dieser beschränkte Rahmen führte
uns stellenweise schon hinüber zu den Eigentümlichkeiten, die sich beim äußeren Maß-
stab in besonderer Weise
vorfinden. Bei diesem äuße-
ren Maßstabe handelt es
sich nicht mehr oder wenig-
stens nicht mehr so vor-
wiegend um Fragen der
Maßstabeinheit und um den
Grad der Abstufung beim
Gliederungsprozeß, sondern
mehr um das Erfassen von
Größen durch das Nahe-
bringen und Anbinden
von Bauobjekten an
unsere menschliche Kör-
pergröße und schließlich
auch um das maßstäb-
liche Bezugnehmen un-
ter sich verschiedener
Objekte.

Abb. 144. Konstantinopel, Hagia Sophia. In ersterer Hinsicht ist

Abb. 143. Mailand, Palazzo Marino.

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