Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 31.1914-1915

Seite: 74
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vierte Stufe hinein sich fortsetzen,
derart, daß in einem mächtigen mehr-
schiffigen kreuzförmigen Kirchen-
raum mit Kuppel zunächst von kleinen
der Wohnraumgröße sich nähernden
Kapellen, Nischen oder Wanddurch-
brechungen auf eine doppelt oder
dreimal so hohe und breite Seiten-
halle, von dieser auf die Größe des
Hauptschiffes und von diesem wieder
auf die der Vierungskuppel ein Schluß
gezogen wird. Es kann mit Sicher-
heit behauptet werden, daß die-
jenigen Architekturschöpfun-
gen, die in ihrer räumlichen und
außenplastischen Entwicklung
solche Abstufungen in möglichst
klarer und lückenloser Anord-
nung besitzen, auch stets dem Einfühlungsakt nach Seite der Größen empfin-
dung am wirksamsten und nachhaltendsten entgegenkommen werden.

Ein den Auffassungsakt derart stark unterstützendes Bauwerk ist die Sophien-
kirche zu Konstantinopel. Der Hauptraum umschließt ein Quadrat mit 2 sich gegen-
überliegenden großen Apsiden, ersterer mit einem vollen Kuppelgewölbe, letzterer mit
Halbkuppeln geschlossen. Er ist ringsum von niedrigeren Seitenräumen in zwei Geschossen
übereinander umgeben, welche gegen den Hauptraum in Bogenstellungen ebenfalls zwei-
geschossig übereinander sich öffnen. Die beiden großen Apsiden erhalten nochmals durch
je drei kleine Apsiden eine Unterteilung, deren Wände durch gestützte Bögen ebenfalls
zweigeschossig übereinander aufgelöst sind.

Die dadurch entstehenden nicht übermäßig großen Bogenreihen, die in den Haupt-
apsiden auftretenden je dreifachen wiederkehrenden kleinen Apsiden im Verein mit den
sehr vielen kleinen Fensteröffnungen in der Kuppel und deren Schildmauern geben zu-
sammen gewissermaßen ein kleinmaschiges Netz von Durchbrechungen, mit dessen
Maschenweite die Menschengröße sich ohne weiteres in Vergleich bringen

läßt, während die Anbin-
dung von ihnen aus über
die kleinen durch die
größeren Apsiden zum
ganz großen Kuppel-
quadrat emporsteigt,
Abb. 144. Dieses stufen-
weise Vordringen von klei-
nen zu großen Formen
ermöglicht nur die unge-
meine Geschicklichkeit,
mit der der Mensch beim
Sehakt perspektivischer
Bilder abzulesen ver-
steht. Er sieht durch die
Bogenöffnung, unter der er
Abb. 149. Halikarnasso, Mausoleum. steht, auf die gegenüber-

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