Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 31.1914-1915

Seite: 75
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liegenden zweigeschossigen Bogenreihen und
weiter oberhalb angeordneten Fensterreihen und
ist sofort sich darüber im klaren, daß diese vielen,
aus der Entfernung sehr klein erscheinenden
Bogenstellungen des Gegenübers alle der Größe
des Bogens gleichen, unter dem er steht, durch
welchen er das reiche Bild erblickt und an welchem
er die Größe des Gegenübers unmittelbar ein-
schätzen kann, Abb. 145 und 146.

Ein klassisches Beispiel vom Gegenteil
eines derartigen Eindrucks besitzt die Welt an
dem Petersdom in Rom, Abb, 147. Ihm
fehlen diese für die Erfassung der Raum-
größe so wohltätigen mehrfachen Unter-
stufungen, denn die eine durchgreifende große
Pilasterordnung des Innenraumes knüpft nirgends
an das Menschenmaß an. Selbst die Brüstungen
wachsen ins Riesenhafte. Der unmittelbare
Eindruck an Größe bleibt infolge dieses Ver-
zichtes weit hinter der tatsächlich vorhan-
denen gewaltigen Raumgröße zurück.

Die ägyptische Pyramide ist der Form nach
gewiß das elementarste und mächtigste Bau-
werk, das der Menschengeist geschaffen hat, aber wegen des Mangels jeglicher Unter-
teilung wird der Beobachter sich ihrer wuchtigen Größe nicht ganz bewußt werden und
er wird sie deshalb leicht unterschätzen. Gruppen von Reisenden, die gerade eine
Besteigung einer solchen Pyramide vornehmen, geben dem Beobachter vielleicht eine
Ahnung von der Größe, aber doch kein wirkliches Erleben derselben. Der Ein-
heitsmaßstab Mensch ist gegenüber der Gesamtgröße der Pyramide zu winzig. Das
Höhenmaß eines Zaunes, den der Knabe überklettert, wird maßstäblich sofort mit dem
Knaben in Beziehung gebracht, nicht aber mit einer Ameise, die etwa auf ihn hinaufkriecht.

Es fehlen der Pyramide zum leichten Erfassen ihrer tatsächlichen Größe eben
jene Zwischenglieder,
welche es ermöglichen, die
Größe stufenweise zu
erleben. Solche Zwischen-
glieder können zum Beispiel
Hallen am Fuße der Pyra-
mide sein, deren gewohnte
Größe dem Betrachter dann
als eine höhere Maßeinheit
zur Verfügung steht, mit
deren Hilfe er das Ganze in
eine geringere Zahl solcher
Maßeinheiten teilen und so
leichter erfassen kann.

Diesen Schritt haben die
Römer bei ihren kaiser-
lichen Mausoleen tatsäch-
lich gemacht, Abb, 148u. 149. Abb. 151. Leipzig, Völkerschlachtdenkmal. Vorprojekt.

Abb. 150. Leipzig, Völkerschlachtdenkmal,

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