Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 31.1914-1915

Seite: 77
DOI Artikel: 10.11588/diglit.27701.5
DOI Seite: 10.11588/diglit.27701#0081
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architektonische_rundschau1914_1915/0081
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Will man etwas besonders groß er-
scheinen lassen, so darf man es nur in die Nähe
von Dingen bringen, die maßstäblich kleiner
sind, sei es nach dem inneren wie äußeren Maß-
stab. Kirchtürme wie derjenige der Haupt-
kirche zu Hall in Tirol, Abb. 153, oder St. Ulrich
zu Augsburg, der Pfarrkirche zu Nördlingen,

Abb. 15 4, oder des Ulmer Münsters, Abb. 155,
wirken deshalb so bedeutend, weil benachbarte
bescheiden gehaltene Bauten wie kleine Kapellen
oder geschwungene Straßenzüge mit niedrigen
Häusern, deren perspektivische Verjüngung sich
bequem verfolgen läßt, zu unmittelbarem Ver-
gleich auffordern.

Der sagenhafte Koloß vor Rhodus, das
Pallas Athene Bildwerk auf der Akropolis, die
mittelalterlichen Rolandstandbilder haben die
Phantasie der Bildhauer und Architekten bis in
unsere moderne Zeit hinein stets zum Nachahmen
angeregt. Viele Nationaldenkmäler sind als solche
Kolossalstatuen mit mehr oder weniger Glück
gestaltet worden.

Die Gefahr, in Maßstabsfehler zu verfallen, Abb. 155. Ulm, Münster,

ist aber gerade bei ihnen eine besonders

große, die Rückwirkung des Bildwerkes auf die umgebende Nachbarschaft führt dabei
oft zu unliebsamen Überraschungen. So gereicht es dem Standbild der Ger-
mania auf dem Niederwalde, Abb. 156, keineswegs zum Vorteil, daß es sich von Bingen
aus den Blicken offen darbietet, wo man es nur mit dem Berge in Beziehung bringen
kann, der zu mächtig auftritt, als daß er die Kolossalstatue nur annähernd als solche für
den Anblick aufkommen ließe.

Das Denkmal Kaiser Wilhelm I, in Koblenz ist für seine Lage zu wuchtig im Maß-
stab und drückt deshalb die nahe Stadt zu einer Zwergniederlassung herab, Abb. 157.

Das Bismarckdenkmal in
Cöln zeigt den genialen Staats-
mann in Rolandsgestalt sitzend
vor einem Turm, d. h. vor einem
Turm, bezogen auf Menschen-
größe, jedoch vor einem Schorn-
stein, bezogen auf die Ko-
lossalgestalt.

Wie aber solche Probleme
auch gut gelingen können, dafür
bietet das Standbild der Bavaria
vor der Ruhmeshalle zu Mün-
chen einen Beleg, Abb. 158. Die
Ruhmeshalle ist ein Gebäude, das
man aus der Ferne viel größer
einschätzt, als es in Wirklichkeit
ist, die Bavaria überragt dieses

Gebäude mit ihrem Oberkörper Abb. 156. Bingen a. Rh., Niederwalddenkmal.

20

77
loading ...